American Football: Gemobbter NFL-Profi findet neuen Klub

Dass in der National Football League (NFL) eine gewisse Macho-Kultur herrscht, kann nicht überraschen. Die einschlägigen Gesten und Rituale der oft zentnerschweren Raubeine lassen sich an jedem beliebigen Sonntag während der Saison bestaunen. Wie sich diese speziellen Umgangsformen in den einzelnen Teams auswirken, darauf hat der Fall des Jonathan Martin ein Schlaglicht geworfen. Der Offensive Tackle der Miami Dolphins war im vergangenen Oktober mit Depressionen aus dem Teamquartier geflüchtet.

Martin, der aus einer kalifornischen Akademikerfamilie stammt, Vater Professor, Mutter Firmenanwältin bei einem großen Autokonzern, war in Miami das Opfer extensiven Mobbings geworden. Besonders tat sich dabei der Guard Richie Incognito hervor, wie er selbst sagte, in bester Absicht. Keiner habe den Neuling, der in Stanford eine erfolgreiche Universitätskarriere als Footballspieler und ein Studium in klassischer Geschichte absolviert hatte, so unterstützt wie er, beteuerte Incognito. Er habe ihn doch nur abhärten wollen.

Abhärtung durch Beleidigung

Das geschah, wie eine Untersuchung der Liga ergab, auch im Auftrag anderer Veteranen im Team und mit Billigung des Trainerstabes. Zur Abhärtungstherapie gehörten rassistische und obszöne Beleidigungen und Drohungen, auch in Bezug auf Martins Familie. Ein anderer Spieler, ebenfalls Rookie, wurde zudem mit homophoben Beleidigungen gequält. So rede man eben im Team, rechtfertigte sich Incognito, ein Weißer, nach seiner Suspendierung durch die Liga, er sei gewiss kein Rassist. Das bekräftigten etliche schwarze Spieler der Dolphins, insgesamt stellte sich das Team fast geschlossen hinter Incognito und gegen Jonathan Martin.

So bezeichnender- wie bestürzenderweise gab es bei den Dolphins nicht die geringste Einsicht, dass etwas falsch gelaufen sein könnte, null Problembewusstsein, kein Verständnis für die Wellen, die der Fall schlug. War doch alles ganz normal, so der Tenor, so geht es eben zu bei uns. Zu befürchten ist, dass der Fall Martin tatsächlich nur die Normalität in der NFL widerspiegelte, einer Liga, in der auch schon Prämien für die Verletzung von Gegenspielern üblich waren.

An eine Rückkehr Martins in sein altes Team war jedenfalls nicht zu denken, wobei der 24-Jährige ohnehin nicht mehr für die Dolphins spielen wollte. Die Chancen auf eine Weiterbeschäftigung in der NFL wurden trotz seines unbestrittenen Talents allgemein bei null angesiedelt. Wer würde schon riskieren, einen Verfemten zu engagieren? Bis am Mittwoch der Wechsel von Martin zu den San Francisco 49ers bekanntgegeben wurde. Chefcoach dort ist Jim Harbaugh, der schon Martins Trainer in Stanford war und sicher für ein freundlicheres Umfeld sorgen wird. Ein Glücksfall für Jonathan Martin, der nun eine zweite Chance bekommt. Und ein Glücksfall für die NFL. Die bekommt ebenfalls eine zweite Chance: zu zeigen, dass sie doch nicht so verkommen ist, wie es der Fall Martin nahelegt.