CHRISTCHURCH - Sie schipperten in der Bucht von San Francisco zwar nicht unbeachtet vor sich hin. Aber im Frühstadium des America’s Cups nahm Neuseeland die Anstrengungen seiner Katamaransegler nicht wirklich wahr. Erst als das Emirates Team New Zealand ein Rennen nach dem anderen gegen das Oracle-Team aus den USA gewann, stockten die Fernsehsender ihr siegestaumeliges Fanpersonal an der Strecke auf und infizierten die Nation mit dem frohen Erwartungsvirus.

Die Reporter trällerten ihre Berichte ohne jegliche Distanz in die Wohnstuben, platzten vor Nationalstolz und Schadenfreude, denn was konnte schon passieren? Es war ja nur noch ein Sieg nötig, um „The Auld Mug“ nach Hause zu bringen. Ja, wirklich, sie sagten: nach Hause. Als hätte Neuseeland – wie der Name schon nicht sagt – den America's Cup erfunden.

Bevor die Nation dann Donnerstagmorgen kurz vor neun Uhr in tiefe Trauer versank, machten Arbeiter, Angestellte und Schüler plötzlich blau – die Rennen begannen jeden Morgen um 8.15 Uhr Ortszeit. Die Produktivität sank gegen null. Das Städtchen Kerikeri im hohen Norden meldete den ersten Verkehrsstau seit seiner Gründung 1814, weil nach einer morgendlichen TV-Übertragung unter der Woche alle Leute zur selben Zeit in ihre Autos sprangen.

Die Rettungsstation im Westküstenort Franz Josef taufte in einem Akt der ultimativen Unterstützung das erste geschlüpfte Küken der Saison Barker, nach Dean Barker, dem Skipper des Team NZ, dem der neunte Sieg zur Eroberung der Trophäe ständig aus den Händen glitt – am grausamsten vor einer Woche, als die Neuseeländer Oracle um mehr als einen Kilometer abgehängt hatten, aber mangels Wind das Zeitlimit überschritten. Ein anderes Duell war es, als die Neuseeländer weit vorne lagen, wegen zu starken Windes aber mittendrin abgebrochen worden. Pech.

„Deano, rette unseren Tag“, bettelte die Sunday Star Times, bevor die beiden Rennen jenes Tages abgesagt wurden, weil der Wind aus der falschen Richtung wehte. Neuseeland hätte mal wieder ein Idol gebraucht, denn im Winter wird hier nicht viel geboten außer Rugby, und ein Land mit nur 4,5 Millionen Einwohnern kann nicht jeden Tag sportliche Triumphe feiern, mit denen es seine notorischen Selbstzweifel temporär zu verscheuchen pflegt.

Für diese Heldenrolle wäre Barker, 41 Jahre alt, wie geschaffen gewesen. Gut aussehend, warmes, freundliches Lächeln, liebenswert, zurückhaltend, ruhig und bescheiden, schöne, erfolgreiche Frau, vier hübsche Kinder.

Da ist es unerheblich, dass der Steuermann das Gesicht eines Millionärssports ist. Die Neuseeländer pflegen den Mythos, dass hinter dem Rivalen Oracle ein verabscheuungswürdiger Multimilliardär steht, der mit Geld nur um sich wirft und Legionäre um sich sammelt, während das volksnahe Team NZ auf rund 100 Sponsoren angewiesen ist, inklusive der eigenen Regierung, die 22 Millionen Euro Steuergelder dazugebuttert hat. Letzteres fanden und finden viele Bürger pervers, trotz des grassierenden Cupfiebers.

Auch Barker ist kein armer Mann. Er ist der Sohn eines Multimillionärs, der mit einer Männerbekleidungskette zu Reichtum gekommen ist, und Direktor einer Firma, die Bootsbauer berät und beliefert. Er war schon 2000, als das Team NZ den America’s Cup in Auckland erfolgreich verteidigte, an Bord. Skipper Russell Coutts, erst zu Alinghi, dann zu Oracle übergelaufen und vom Mentor zum Erzrivalen mutiert, überließ ihm im letzten Rennen das Steuer.

2003 und 2007 verloren die Kiwis 0:5 und 2:5 gegen Alinghi, und Kritiker warfen Barker vor, unter Druck die Nerven zu verlieren. Glaubt man dem nun amtsmüden Teamchef Grant Dalton, war jetzt das Gegenteil der Fall. Barker bliebe ruhig, wenn alle anderen hibbelig würden, versicherte er.

Zumindest im finalen Rennen machte der Skipper keinen Fehler – und doch hatte das handbetriebene neuseeländische Boot nach der zweiten Wendemarke nicht den Hauch einer Chance gegen den hoch technisierten Oracle-Katamaran, der tragischerweise in Neuseeland gebaut und nach den Auftaktpleiten um- und aufgerüstet worden war. Es war, als rasten ein Porsche und ein VW Käfer um die Wette.