„Wir können doch jetzt nicht in der Schockstarre verharren“: Andreas Geisel will den Sportvereinen Perspektiven geben.
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BerlinDas Büro des Innensenators ist so groß, dass man darin ganz gut Drei gegen Drei spielen könnte, sei es Fußball oder Basketball. Und groß genug, damit ein Fotograf, zwei Redakteure der Berliner Zeitung, der Pressesprecher des Innensenators und der Innensenator selbst ganz locker die derzeit geltenden Abstandsregeln einhalten können. Das Wort, das Andreas Geisel, der Mann der im Senat seit Dezember 2016 für Inneres und Sport verantwortlich ist,  im Gespräch am häufigsten benutzen wird, ist: Perspektiven.

Herr Geisel, Sie sind ja momentan in einer misslichen Lage. Einerseits sind Sie mit dem Sport, einem von Emotionen getriebenen Thema, beschäftigt, andererseits sind Sie im Hinblick auf die innere Sicherheit zur nüchternen Betrachtung der Dinge gezwungen. Wie geht es Ihnen, dem Sportfan und Politiker, dabei?

Ja, es nervt mich persönlich total, dass ich nicht mehr zu Alba gehen kann. Das fehlt mir. Am Basketball hängt nämlich ein bisschen mein Herz. Als Sportsenator sehe ich es als meine Aufgabe an, den Vereinen mit Blick auf die zweite Jahreshälfte eine Perspektive aufzuzeigen. Dass möglichst bald wieder Basketball, Eishockey, Handball, Volleyball gespielt werden können. Das sind ja Sportarten, die im Gegensatz zum Profifußball mit Geisterspielen nicht so gut klarkommen. Sie sind auf Zuschauer angewiesen. Und die Frage ist: Wie sichern wir die Existenz dieser Klubs? Daran arbeite ich gerade.

Kein leichtes Unterfangen, da Großveranstaltungen ja bis zum 24. Oktober untersagt sind.

Bislang gilt das für Großveranstaltungen über 5.000 Menschen. Bis zum 31. August dürfen Veranstaltungen mit bis zu 1.000 Zuschauern nicht stattfinden. Wir haben also zwischen September und Ende Oktober einen gewissen Handlungsspielraum. Schauen Sie sich die Mercedes-Benz-Arena mit einem Fassungsvermögen von 14.000 Menschen an. Da könnten unter Einhaltung der Abstandsregeln schon 1.000 oder 2.000 Zuschauer rein. Das ist keine ausverkaufte Halle, schon klar. Aber wir müssen nach Möglichkeiten suchen. Wir können doch jetzt nicht in der Schockstarre verharren.

Aber die eben von Ihnen skizzierte Perspektive mit einer spärlich gefüllten Halle ist keine, die wirklich glücklich macht.

Dass ich im Februar mit 14.000 Menschen in der Halle Basketball geguckt habe und das schon im Oktober wieder erleben darf, ist natürlich nicht vorstellbar. Das wissen auch die Vereine. Das muss langsam aufwachsen. Uns stellt sich im Moment die Frage: Was können wir überhaupt möglich machen, um dem Sport eine Chance zu geben und eine Perspektive aufzuzeigen?

Sie haben ja schon angekündigt, dass es für die gemeinnützigen Sportvereine in der Stadt einen Rettungsschirm geben wird. Wie steht es um die Klubs der Sportmetropole? Also Vereine wie Alba, die Füchse, die Eisbären, die Volleys, die Profiabteilungen haben, aber auch für den Breitensport eine wichtige Rolle einnehmen.

Mit den Vereinen der Sportmetropole, die pro Jahr mit ihren Sportveranstaltungen einen volkswirtschaftlichen Nutzen von 250 Millionen Euro für Berlin erbringen, sind wir regelmäßig im Gespräch. In der Corona-Krise intensivieren wir das noch einmal. Am 19. Mai wird es einen Runden Tisch Sport geben. Dort wollen wir über Wege aus der Krise sprechen. Mit am Runden Tisch sitzt auch der Breitensport. Ich habe ganz oft gehört bei den Hilfen für die Proficlubs: Das sind doch Profis, die haben doch eh genug. Deshalb will ich hier gleich mal festhalten, dass wir natürlich nicht Profi-Gehälter ausgleichen werden. Fakt ist aber: Wenn wir 2021 wieder Steuereinnahmen haben wollen wie 2019, dann brauchen wir diese Sportvereine. Weil sie Leben, Touristen und damit auch wirtschaftliche Kraft in die Stadt bringen. Und wenn wir das wollen, dann müssen wir uns engagieren. Wir reden da erst mal über eine Größenordnung von zwei bis drei Millionen Euro. Da geht es um Marketingleistungen und Werbung für die Sportmetropole Berlin.

Aber in Relation zu den Budgets dieser Klubs ist das nicht viel Geld.

Nehmen wir mal das Beispiel Alba Berlin. Auch da kann ich nur sagen: Wir können nicht mit öffentlichen Mitteln die Profimannschaft direkt finanzieren. Aber bei Alba werden 12.000 Kinder und Jugendliche in der Nachwuchsarbeit betreut, und das in 150 Schulen. Sollen wir das zusammenbrechen lassen? Nein! Das können wir nicht tun. Deshalb müssen wir da rein und das am Leben erhalten. Wir können doch nicht sagen, bei Sonnenschein und in guten Tagen freuen wir uns an der Sportmetropole, zeigen uns überall, freuen uns über die Steuereinnahmen, lassen aber die Klubs in schlechten Zeiten hängen – das geht nicht. Da muss man Solidarität gegenüber diesen Vereinen zeigen. Und noch mal: Damit ist nicht die Absicherung eines Millionengehalts im Fußball gemeint.

Der Profi-Fußball hat mit einer doch von vielen kritisierten Vehemenz auf die Wiederaufnahme seines Spielbetriebs gedrängt. Fanden Sie das auch etwas befremdlich?

Ganz ehrlich, ich verstehe das. Eigentlich geht es doch um Wirtschaftsunternehmen und letztlich dann um Arbeit. Und wenn wir Arbeit beispielsweise in einer Tischlerei zulassen, stellt sich doch die Frage: Lassen wir dann auch Arbeit im Fußball zu? Was nicht gehen wird, ist, dass die DFL formal für sich erklärt, wir halten entsprechende Regeln ein, und dann sehen wir solche Filmchen wie aus der Kabine von Hertha BSC. Dann wird das alles nicht funktionieren. Aber wenn die Regeln eingehalten werden, können wir das eine oder andere Spiel im Fernsehen anschauen – das werde ich auch tun.

Geisterspiele könnten zu Menschenversammlungen führen. Denken Sie doch nur an das anstehende Derby. Möglicherweise fallen damit einhergehende Probleme wieder auf Ihr Ressort zurück.

Ich will das nicht schönreden, da können Probleme entstehen. Da sind die Klubs und auch wir als Land Berlin in der Verantwortung, dass es eben nicht zu Public Viewings kommt. Aber es gibt auch ganz viele Gründe, die dafür sprechen. Und mal ehrlich: Wem ist damit geholfen, wenn es so etwas nicht gibt? Wenn im Olympiastadion mit 74.000 Plätzen 22 Männer gegeneinander spielen, plus ein paar Kameraleute, Trainer und Schiedsrichter. Wenn sich alle an die Regeln halten, ist für mich das denkbar. Warum sollte dieses Spiel nicht stattfinden und im Fernsehen übertragen werden?

Klingt trotzdem nach einem sehr gefährlichen Spiel, weil es sich ja um eine Kontaktsportart handelt. Klar, der Fußball geht damit voll ins Risiko. Denn was macht man, wenn ein Spieler infiziert ist und damit dann zwei Mannschaften ausfallen?

Das ist aber keine Frage, die der Sportsenator beantworten kann, sondern einzig und allein die DFL.

Italiens Sportminister Vincenzo Spadafora hat angekündigt, dass er in letzter Konsequenz auch den Klubs aus der Serie A, also auch der Ersten Fußballliga helfen wird. Würden Sie im absoluten Notfall da mitgehen?

Direkte Hilfen an Profiklubs sind bei uns nach Sportfördergesetz ausgeschlossen. Aber wenn ich eben über Perspektiven gesprochen habe, dann gilt das in gleicher Weise auch für Profi-Fußballklubs. Gehen wir also mal davon aus, dass wir die Situation mit den Infektionszahlen weiterhin im Griff haben, dann sollte man auch da zu Beginn der neuen Saison langsam die Zuschauerzahlen steigern. Das bedeutet aber, dass die Alte Försterei nicht sofort wieder rappelvoll sein wird. Das ist auch Union klar. Die Saison 2020/21 wird in jedem Fall speziell.

Sowohl Union als auch Hertha haben Stadionpläne, die einen wollen ausbauen, die anderen eine neue Arena. Vor allem die Herthaner waren ja nicht gerade begeistert, als Sie gesagt haben, im Olympiapark kann nicht gebaut werden.

Das ist jetzt eine sehr starke Verkürzung. Wir hatten ein Grundstück im Olympiapark, von dem Hertha behauptet hat, sie könnten es kaufen. Zum Schluss hat sich herausgestellt, dass Hertha dieses Grundstück nicht haben kann, weil dort Wohnungen standen, die der Eigentümer nicht verkaufen wollte. Da sollten wir sauber bleiben, weil es ja gern mal heißt, wir hätten kein Grundstück zur Verfügung gestellt. Wir haben Aufgaben verteilt und Herthas Aufgabe war, das Grundstück zu besorgen. Das hat nicht geklappt. Schließlich haben sie gesagt, wir wollen aufs Maifeld, worauf wir geantwortet haben: Das wird aber schwer, weil das Maifeld aus vielerlei Gründen nicht bebaut werden darf.

Ist dieses Thema zuletzt auch wegen der Corona-Pandemie überhaupt noch ein Thema gewesen?

Gestatten Sie mir eine Bemerkung zur Corona-Krise: Hertha BSC ist im Moment im Unterschied zu anderen Profi-Fußballklubs wirtschaftlich in einer sehr vorteilhaften Situation. Eben weil sie kein eigenes Stadion haben. Viele Vereine sind jetzt von der Insolvenz bedroht, weil sie die vollen Kosten ihres Stadions tragen müssen, aber keine Einnahmen haben. Bei Hertha ist es so, dass das Land Berlin die Kosten für das Stadion trägt. Aber klar arbeiten wir weiter am Thema Neubau Hertha-Stadion. Wir haben eine Machbarkeitsstudie für Tegel und Umgebung in Auftrag gegeben, die jetzt vorliegt. Auf dem Festplatz, unmittelbar an Tegel angrenzend, gäbe es die Möglichkeit, ein Stadion zu errichten. Allerdings mit erheblichen Aufwendungen, mit einer derzeit noch schwierigen öffentlichen Anbindung. Darüber werden wir jetzt mit Hertha reden.

Haben Sie denn das Gefühl, dass es da wieder eine Annäherung zwischen dem Klub und der Stadt bzw. dem Land Berlin geben kann?

Wir haben uns ja nicht voneinander entfernt, nur weil es in den vergangenen acht Wochen wegen Corona dazu keinen Austausch gab. Aber wir werden wieder ins direkte Gespräch kommen.

Das gilt auch für den 1. FC Union, der ja eigentlich schon im Sommer den Spatenstich für die Erweiterung seines Stadions setzen wollte, aber offenbar noch keine Baugenehmigung hat.

Wir sind da im Austausch mit Dirk Zingler. Dass das Stadion ausgebaut werden muss, ist klar. Denn die Ausnahmegenehmigung, die Union von der DFL bekommen hat, wird nicht ewig gelten. Aber da sind die Verhältnisse etwas anders, weil Union auf einem eigenen Grundstück baut. Berlin ist da eher bei der Beschaffung des Bau- und Planungsrechts gefragt und da sind wir gut unterwegs, um das möglich zu machen. Aber ehrlich, auch da ist alles davon abhängig, wie der Spielbetrieb in den kommenden Monaten weitergeht. Denn so ein Stadionbau kostet natürlich Geld.

Manch einer aus dem Kreis der Klubs der Sportmetropole Berlin wünscht sich für den Sport eine eigene Verwaltung und hat das auch schon öffentlich kundgetan. Ärgert Sie das?

Na ja, aus Sportlersicht kann ich das verstehen. Aber in der Verfassung von Berlin steht, dass der Senat aus dem Regierenden Bürgermeister und bis zu zehn Senatoren besteht. Da bleibt nicht mehr viel Platz für neue Ressorts.

Aber Ihr Aufgabenfeld ist schon ein sehr weites, wie sich im Besonderen in diesen Tagen zeigt.

Mein Aufgabenspektrum ist sehr breit, das stimmt. Es fängt beim Verfassungsschutz an und hört beim Sport auf. Für den Bereich Sport habe ich eine Abteilung mit mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die leisten alle hervorragende Arbeit. Ich bin nur derjenige, der den Kopf aus dem Fenster raushält.

Sie haben also nicht das Gefühl, dass Sie bei der Vielfältigkeit der Themen mitunter in eine Verlegenheit geraten?

Ich komme gut klar damit.