Berlin/London - Die Reife eines Menschen lässt sich immer ganz gut an der Wahl seiner Worte und an der Kraft seiner Aussagen ablesen. Insofern ist es bemerkenswert, welche Entwicklung Angelique Kerber genommen hat. Von der Newcomerin, die im Interview noch um Antworten verlegen ist und sich schließlich auch mal in Phrasen verliert, hin zu einem Champion, der nach einer ziemlich extremen Karriere zu tiefsinnigen Reflexionen fähig ist. Vor dem Halbfinale beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon, in dem sie am Donnerstagnachmittag auf die Australierin Ashleigh Barty trifft, gab die 33-Jährige zum Beispiel dies hier zum Besten: „Was ich gelernt habe: dass die Angst der Feind von jedem von uns ist.“

Es ist die Angst der Tennisspielerin/des Tennisspielers vor dem nächsten Aufschlag, vor dem nächsten Fehler, vor dem nächsten Scheitern. Die Allerbesten, die diese Sportart in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren hervorgebracht hat, Serena Williams, Roger Federer, Novak Djokovic, Rafael Nadal, sind auf fabelhafte Weise über Jahre hinweg bestens mit der Crux dieser Einzelsportart klargekommen, Kerber hingegen nur phasenweise.

Sie war kein Jahrhunderttalent, das die Tenniswelt im Sturm erobert hat, eher eine, die das Talent hatte, aus ihrem Talent das Beste zu machen. Dreizehn Jahre nach ihrem Debüt im Profitennis war sie erstmals ganz oben, 2016 war das, als sie die Australian Open und die US Open gewinnen konnte, im Finale von Wimbledon erst Serena Williams unterlegen war und in der Weltrangliste schließlich auf Position geführt wurde. Es folgte ein Krisenjahr, die Trennung von ihrem langjährigen Trainer Torben Beltz. Ja, nach der einen oder anderen Erstrundenniederlage kamen erstmals Zweifel auf, ob Kerber zum Comeback fähig ist.

Aber sie ist es, wie sich 2018 zeigte, als sie im Finale von Wimbledon Revanche an Serena Williams nahm. Wie es sich aber nun auch wieder zeigt. Nach einem Frühjahr der Enttäuschungen spielt sie seit Wochen ihr bestes Tennis. Tennis, das frei von Angst ist. Sie sagt: „Ich arbeite hart, um zu schaffen, was ich schaffen möchte. Und die Reise ist noch nicht zu Ende.“