Berlin/London - Als Angelique Kerber nach einem weiteren heroischen Fight unter dem warmen Applaus des begeisterten Publikums den Centre Court verließ, huschte ihr dann doch ein breites Lächeln übers Gesicht. Ihre fabelhafte Reise in Wimbledon ist zwar vorbei, der Traum vom zweiten Titel auf dem heiligen Rasen nach 2018 ist geplatzt – doch auf ihre bärenstarke Leistung an ihrem „magischen Ort“ konnte Kerber mehr als stolz sein.

Barty zum ersten Mal im Wimbledonfinale

Im hochklassigen Halbfinale war die Weltranglistenerste Ashleigh Barty beim 3:6, 6:7 (3:7) einen Tick zu stark, doch sie lobte Kerber in höchsten Tönen. „Das war eines der besten Matches, das ich je gespielt habe. Angie hat das Beste aus mir herausgeholt“, sagte die Australierin: „Das war ein Wahnsinnsmatch vom ersten Ballwechsel an. Ich wusste, dass ich so gut sein muss, um sie zu schlagen.“

Barty erreichte zum ersten Mal das Finale beim Tennis-Klassiker und trifft am Sonnabend (15 Uhr MESZ, Sky) auf Aryna Sabalenka (Belarus) oder Karolina Pliskova (Tschechien). Durch ihren vierten Halbfinaleinzug in Wimbledon wird Kerber in der kommenden Woche in der Weltrangliste immerhin um sechs Plätze auf Rang 22 klettern.

Schon viermal hatten sich Barty und Kerber zuvor auf der Tour gegenübergestanden, mit ausgeglichener Bilanz gingen sie in ihr erstes Duell auf Rasen. Den letzten Vergleich 2018 in Wuhan hatte die Australierin glatt gewonnen, aber die 25-Jährige ging mit großem Respekt vor der acht Jahre älteren Kerber in die Partie.

„Eine von Angies größten Stärken ist, dass sie rennt, den Ball jagt und in unangenehmen Situation meine aggressiven Schläge und Waffen neutralisieren kann“, sagte Barty – doch dass das alleine nicht reichen würde, merkte die Kielerin schnell. Sobald Kerber auch nur ein wenig zu passiv wurde, sah sie gegen Bartys Power und Präzision mit der starken Vorhand kein Land, direkt ihr erstes Aufschlagspiel gab sie ab.

Die deutsche Nummer eins musste selbst die Offensive suchen und sich jeden Punkt hart erkämpfen, weil Barty ihr kaum Geschenke machte. Die Australierin wirkte auch in brenzligen Situationen – gleich vier ihrer fünf Servicegames im ersten Satz gingen über Einstand – einen Tick entschlossener und wehrte alle drei Breakchancen Kerbers ab. Nach 34 Minuten tütete sie den ersten Durchgang mit einem Ass ein.

Wie gefährlich Kerber nach einer ersten Saisonhälfte zum Vergessen auf Rasen immer noch ist, hat sie erst in den vergangenen drei Wochen bewiesen. Mit zehn Siegen in Serie und dem Titel in Bad Homburg ging sie in ihr viertes Halbfinale an der Church Road. Die frühere Nummer eins der Welt fightete und feuerte sich lautstark an, entschärfte Bartys unangenehmen, tiefen Rückhand-Slice gut – und fand mit dem Break zum 2:0 den immens wichtigen Schub für den zweiten Satz.

In einem hochklassigen Match war es nun immer öfter Kerber, die die French-Open-Siegerin von 2019 vor sich hertrieb, mit ihren Emotionen riss sie auch das Publikum auf dem vollbesetzten Centre Court mit. „Beide Spielerinnen haben ein extrem hohes Level“, sagte die frühere Halbfinalistin Julia Görges bei Sky: „Das ist schöne Werbung fürs Frauentennis.“

Das Momentum war klar auf Kerbers Seite – bis sie zum Satzgewinn aufschlug und das Spiel zu null abgab. Die Spannung erreichte im Tiebreak den Höhepunkt, doch bei der Kielerin war nach einem weiteren leidenschaftlichen Kampf die Luft raus. Aber: „Mit einer stehenden Ovation vom Centre Court zu gehen, ist das beste Gefühl, was man haben kann“, sagte sie. Nach schwächeren Monaten hatte nicht viel darauf hingedeutet, dass es die einstige Nummer eins es erstmals seit dem Wimbledon-Triumph 2018 wieder in das Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers schaffen würde. Daran habe sie beim Gang Richtung Kabine gedacht, berichtete Kerber. „Ich habe zwar verloren, aber trotzdem nehme ich diese Reise mit mir. Ich bin unglaublich stolz und dankbar“ – auch weil einige sie schon abgeschrieben hätten.