Berlin - Der Täter mit der Eisenstange, die Schläge auf die Beine - alles erinnert an das Drama um Tonya Harding und Nancy Kerrigan, das damals die Eislauf-Szene in den USA und kurz darauf die olympische Sportwelt in Atem hielt: Der gewalttätige Angriff auf eine Nationalspielerin, der den französischen Frauenfußball derzeit erschüttert, erscheint wie die Nachahmung des Eiskunstlauf-Kriminalfalls von 1994 – einem der größten Sportskandale der Geschichte.

Noch liegen die Hintergründe der Attacke auf Kheira Hamraoui vom französischen Fußballmeister Paris St. Germain im Dunkeln. Dennoch hat die Polizei im Fall rund um den Klub der deutschen Nationalspielerin Sara Däbritz am Mittwoch zwei Verdächtige in Gewahrsam genommen. Dabei handelt es sich um Hamraouis Vereins- wie Nationalmannschafts-Kollegin Aminata Diallo und um einen Mann, der in Lyon im Gefängnis sitzt. Er soll laut Berichten in enger Verbindung zu Diallo stehen.

Mit der Eisenstange auf die Beine

Hamraoui war am Donnerstag vergangener Woche von zwei maskierten Männern angegriffen worden. Die Täter zerrten die 31-Jährige bei der Rückfahrt von einem Klubessen aus dem von Diallo gefahrenen Auto und schlugen mit einer Eisenstange auf Hamraouis Beine ein. Die Mittelfeldspielerin erlitt dabei Verletzungen an Oberschenkeln und Schienbeinen. Hamraoui, die mittlerweile Personenschutz erhalten hat, soll immerhin körperlich keine gravierenden Schäden davongetragen haben. 

Über die Hintergründe der Tat gibt es in Frankreich übereinstimmende Schilderungen in den Medien. Demnach erhielten mehrere PSG-Spielerinnen vor dem Angriff auf Hamraoui anonyme Drohanrufe. Dabei soll sich der Anrufer vor allem abfällig über Hamraoui geäußert haben. Auch Hamraoui selbst soll telefonisch bedroht worden sein.

Drohanrufe aus dem Gefängnis

Die Polizei konnte die Herkunft der Anrufe demnach auf die Region rund um das Gefängnis in Lyon eingrenzen. Dort sitzt ein Mann ein, der wegen Erpressungsfällen straffällig geworden ist. Nach Informationen französischer Medien ist der Mann mit Diallo gut befreundet oder sogar verwandt. All das weise auf eine Verwicklung Diallos hin, obwohl sie in der Vergangenheit eine freundschaftliche Beziehung zu Hamraoui gepflegt habe. Diallo, in Grenoble geboren, eine Zeit lang im Nachwuchsleistungszentrum von Olympique Lyon ausgebildet, spielt seit 2016 bei Paris St. Germain. 2020 hatte der Klub sie ausgeliehen, aber in dieser Saison spielte sie wieder für PSG, wo sie einen Vertrag bis 2022 hat. 

PSG verurteilte die Attacke „aufs Schärfste“ und verwies ansonsten auf die laufenden Ermittlungen, bei denen der Klub die Behörden unterstütze. Die Spielerinnen sind entsetzt. Am Sonntag tritt der Tabellenzweite im Topspiel beim punktgleichen Spitzenreiter Olympique Lyon an.

„Diese Nachricht hat mich persönlich schockiert, ich bin immer noch ein wenig fassungslos“, sagte Lyons Trainerin Sonia Bompastor zu dem Fall: „Das ist zwangsläufig negativ für den Frauenfußball. Es ist schwierig für mich, die Ereignisse in Paris zu kommentieren, aber ich bin in Gedanken bei Kheira Hamraoui.“

Vor 27 Jahren war auch die US-amerikanische Eiskunstläuferin Kerrigan von einem Attentäter mit einer Eisenstange am Bein verletzt worden. Kurz vor den Olympischen Spielen wurde ihr das Knie kaputt geschlagen. Doch sie erholte sich schneller als gedacht – und gewann die Silbermedaille.  Auftraggeber für den Anschlag war der damalige Ehemann von Kerrigans schärfster Rivalin Harding, die ihre Karriere mit dem Beinamen „Eishexe“ beenden musste.