Anschauen oder Boykott? Die Sicht einer Berliner Schülerin auf die WM in Katar

Auch in Berliner Schulen herrscht eine große Debatte vor dem ersten Deutschlandspiel. Schaut man sich das Spektakel an oder lieber nicht?

Herthas Fans in der Ostkurve rufen mit Transparenten zum Boykott der Fußball-WM in Katar auf.
Herthas Fans in der Ostkurve rufen mit Transparenten zum Boykott der Fußball-WM in Katar auf.dpa/Soeren Stache

Die Diskussionen in meiner Klasse wurden in den vergangenen Wochen immer hitziger. Seit den Herbstferien gibt es an meiner Schule in Friedrichshain nur ein Thema: Wird man sich die WM in Katar anschauen oder boykottieren? Wir starteten in der Klasse eine Umfrage per Handzeichen, um uns ein Bild zu machen, ob die Fußballweltmeisterschaft von den Schülern angenommen wird oder nicht. Das Ergebnis überrascht dann doch viele. 

Etwa die Hälfte der Schülerinnen und Schüler gab an, sich nur die Spiele mit deutscher Beteiligung und das Finale anzuschauen. Der Rest hatte sich noch keine abschließende Meinung gebildet. Sie wollen spontan sehen, ob der Fernseher für die Spiele angemacht wird oder nicht. Alle waren sich aber einig, das Finale auf keinen Fall verpassen zu wollen. Alle – außer unsere Lehrerin. Sie wird die WM boykottieren, sagte sie. Sie könne es moralisch nicht verkraften, ein solches Turnier zu verfolgen. 

Aus der Klasse gab es niemanden, der sagte: „Ich schaue diese WM definitiv nicht.“ Für viele sei die WM eben ein Highlight. „Ich habe mich schon vier Jahre darauf gefreut“, sagt ein Mitschüler. Den meisten Schülern geht es wohl um den Sport, den hochklassigen Fußball wollen sie sich nicht nehmen lassen.

Für mich ist diese WM jedoch anders als die Turniere in den Jahren zuvor. Erschreckt hat mich die Tatsache, dass durch Bauarbeiten allein 6500 Menschen gestorben sein sollen. Außerdem ist auch Homosexualität in Katar verboten. Homosexualität sei ein „Schaden im Kopf“ und „Haram“, gab der WM-Botschafter Khalid Salman unverblümt zu. Für mich eine pure Beleidigung gegenüber allen Homosexuellen.

Es ist enttäuschend, dass eine Sache, die hier in Berlin von den meisten als normal angesehen wird, als Sünde hingestellt wird. Die gesellschaftspolitischen Umstände, die in Katar herrschen, sind gänzlich andere als bei uns. Die Eröffnungszeremonie am Sonntag war aber dennoch alles andere als eine Enttäuschung. Es waren tolle Tänzer und Sänger dabei, darunter Junkook von der Band BTS, der seinen neuen Song „Dreamers“ erstmalig öffentlich performt hat. 

Kurz darauf begann das erste Spiel dieser WM: Katar gegen Ecuador, das 2:0 für die Südamerikaner ausging. Viele waren verwirrt über die Niederlage des katarischen Teams, da sie genug Training gehabt haben sollen. Schließlich konnte sich das Land über zehn Jahre darauf vorbereiten. Dazu war es ein Heimspiel für Katar, und trotzdem haben sie ziemlich schlecht gespielt, was ihre Fans dazu brachte, das Stadion frühzeitig zu verlassen. In Deutschland wären das undenkbare Szenen. Noch nie hat ein Gastgeber einer WM beim Eröffnungsspiel verloren. Ich finde, bisher hat diese Weltmeisterschaft mehr Verlierer als Gewinner. 

Anna Löhnert ist 15 Jahre alt, geht auf die Tesla-Oberschule in Friedrichshain und macht gerade ein Schülerpraktikum bei der Berliner Zeitung.