Der Schein trügt: Die Rolle als Teilzeitreservist lässt Unions Anthony Ujah keinesfalls verzagen.
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Berlin-KöpenickNeulich war Anthony Ujah im Kölner Zoo, um einen alten Bekannten zu besuchen. Gestreichelt habe er Geißbock Hennes VIII, pensioniertes, weil arthrosegeplagtes Ex-Maskottchen des 1. FC Köln, nicht, aber zumindest mal Hallo gesagt, erklärt er in der Woche vor dem Heimspiel seines 1. FC Union gegen seinen alten Klub vom Rhein. Wie Ujah überhaupt auf Hennes VIII kam? Nun, den Nigerianer und den Geißbock verbindet auf ewig die Szene aus der Saison 2014/15, als er bei einem Spiel gegen Eintracht Frankfurt im Torjubel die Hörner des Tiers griff und den Bock kräftig durchschüttelte. Tierschützer empörten sich, der Stürmer zeigte öffentlich Reue − nur die Fans des „Effzeh“ verstanden und murmelten still: Der Tony, das ist einer von uns.

Bis heute schlägt das Herz des 29-Jährigen für die Stadt am Rhein und für den launischen Traditionsklub. Familie Ujah hat ein Haus im Stadtteil Junkersdorf, in das es den Nigerianer zieht, wenn er bei den Eisernen ein paar Tage frei hat. Und über den 1. FC Köln sagt er: „Als ich damals dahingekommen bin, ist von Anfang an alles gut gelaufen. Die Beziehung zum Klub war immer eine spezielle und ich habe bis heute nie aufgehört, ihn zu verfolgen.“

Väterlicher Urs Fischer

Dabei musste sich Ujah drei Jahre lang einer Herausforderung stellen, die er so nirgendwo anders in seiner Karriere erlebt hat. „Die Medien üben in Köln einen riesigen Druck aus. Dazu kommen die Fans, die etwas für ihre Unterstützung zurückbekommen wollen und pfeifen, wenn du mal ein oder zwei Fehler machst. Man benötigt schon eine starke Mentalität, um sich da durchzubeißen und auch mal eine schlechte Phase durchzustehen.“

Umso beeindruckter war Ujah nach seinem ersten Pflichtspiel für den 1. FC Union im Stadion An der Alten Försterei. „Wir hatten gerade 0:4 gegen RB Leipzig verloren, aber die Fans feierten uns, als hätten wir 4:0 gewonnen“, erinnert sich der Stürmer, der beim Saisonauftakt nach der Halbzeit für Christian Gentner eingewechselt wurde. Er ergänzt: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Überhaupt gibt es so manche Zuwendungen, die dem Stürmer, trotz aller Sympathie für den kommenden Gegner, in Köpenick weitaus besser gefallen. „In Köln habe ich damals unter Trainer Peter Stöger trainiert und gespielt. Stöger wusste irre viel über den Fußball an sich, hat aber nicht so viel mit den Spielern gesprochen, die nicht jedes Spiel gemacht haben“, erinnert er sich. „Urs Fischer redet dagegen mit allen Spielern ständig und weiß gleichzeitig so viele taktische Feinheiten und Schwachpunkte unseres nächsten Gegners, dass ich mich manchmal frage, wie viele Stunden er täglich im Stadion verbringt.“

Überhaupt überschlägt sich Ujah fast in der Lobhudelei für Unions Übungsleiter. „Er ist wie ein Vater für uns. Wenn wir verlieren, erklärt er uns, was wir gut gemacht haben und warum wir die Köpfe nicht hängen lassen sollten. Wenn wir gewinnen, hält er uns auf dem Boden und in der Realität.“

So war der Stürmer auch keinesfalls enttäuscht, als er nach seinem Startelfeinsatz und dem Treffer zum 1:0 beim 2:0-Erfolg gegen Tabellenführer Borussia Mönchengladbach eine Woche später auf Schalke wieder auf der Bank Platz nehmen musste. „Schon vor meinem Wechsel zu Union habe ich mich über den Trainer informiert und wusste bereits, dass es hier keinen festen Stamm gibt, sondern der Trainer immer wieder durchwechselt und es um die Spielweise des Gegners geht und nicht um eine vermeintliche Startelf.“

Gegen den 1. FC Köln würde der 29-Jährige dennoch gerne so viele Minuten wie möglich spielen − und am liebsten sogar ein Tor schießen. Das exzessive Feiern würde er sich allerdings aus Respekt vor seinen Kölnern sparen. Wäre auch eine skurrile Situation, wenn Ujah sich zum Torjubel Unions Maskottchen greift und der Ritter sich am Ende gar noch mit seiner namensgebenden Keule zur Wehr setzt.