Anton (mit Mütze) und Alexander harmonieren im Zweier bestens.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinImmerhin im Training können Anton und Alexander Finger ihren Traum schon jetzt ausleben: Zusammen tragen die beiden Brüder, 22 und 19 Jahre alt, das Ruderboot vom Stützpunkt über die kleine Straße hinunter zum Hohenzollernkanal in Tegel. Die Badelatschen werden akkurat nebeneinander auf dem kleinen Steg abgelegt, Alexander setzt sich nach hinten, Anton nimmt vorne Platz, übernimmt also die Position des Schlagmanns. Nun bringen sie den Doppelzweier auf Tempo, die Ruderblätter tauchen rhythmisch und harmonisch ins Wasser. „Natürlich wäre es schön, wenn wir als Brüderzweier eines Tages auch im Wettkampf antreten könnten“, sagt Anton. „Man muss einfach schauen, wie das passt.“

In diesem Jahr rudern die Brüder zwar beide in der Altersklasse U23. Allerdings werden sich die Wege, zumindest was die Ausbildung angeht, im kommenden Jahr wieder trennen. Während Alexander gerade den Sprung von der U19 genommen hat, muss sich Anton der ungleich härteren Konkurrenz im A-Bereich stellen. „Bei Kraft, Technik und Ausdauer ist er schon weiter als ich“, sagt Alexander. Alles andere wäre auch kein gutes Zeichen. Denn in der Regel sind Ruderer zwischen 25 und 30 Jahren im besten Alter. Wenn die Olympischen Spiele von Paris stattfinden, wäre Anton also genau in dieser Spanne. Aber auch für Alexander ist dieses Event das Ziel, auf das er zusteuert. Los Angeles und das Jahr 2028 sind zum aktuellen Zeitpunkt doch noch sehr weit entfernt.

Auch wenn die beiden in den nächsten Jahren wieder weniger gemeinsame Zeit beim Rudern verbringen, so werden sie sich im Privatleben bestmöglich unterstützen. Denn gerade auch außerhalb des Wassers ist die Harmonie spürbar. Beide müssen deshalb auch nicht lange überlegen, wenn es um die Frage geht, welche Eigenschaften sie am anderen besonders schätzen. „Er hat immer die größere Last auf seinen Schultern getragen“, sagt Alexander über seinen älteren Bruder. „Er hat immer den ersten Schritt gemacht und mir dann die Hand gereicht.“ Aber auch Anton spart nicht mit Lob an den Eigenschaften des Jüngeren. „Er vertritt seine eigene Meinung und hinterfragt alles“, sagt er. „Es bringt einen weiter, wenn man nicht alles als gegeben hinnimmt.“

In den Monaten des Lockdowns und der massiven Einschränkungen beim Training rückten Anton und Alexander, die beide noch zu Hause bei den Eltern in Kleinmachnow wohnen, noch enger zusammen. Als Trainingskumpane haben sie sich gegenseitig motiviert, auch an schwierigen Tagen nicht nachzulassen. Wenn sich der eine mal schwertat, den Körper im Kraftstudio in der Einfahrt des Elternhauses zu nutzen, half der andere auf die Sprünge. „Die gegenseitige Kontrolle klappt ganz gut“, sagt Anton.

Pause am Hohenzollernkanal: Anton (l.) und Alexander Finger.
Foto: Markus Wächter

Aufgrund ihrer unterschiedlichen Eigenschaften waren auch die Trainingsfahrten im Ruderboot sehr ergiebig. „Alex verfügt über eine hohe Schnellkraft“, sagt der Ältere über den Jüngeren. „Mein Bruder ist vergleichbar mit einem ausdauernden Dieselmotor“, beschreibt der Jüngere den Älteren. In der Summe haben sie viele Trainingskilometer zurückgelegt, damit dieses schwierige Jahr kein verlorenes ist. Dass es eines Tages sogar als wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum großen Coup gilt.

Die Perspektiven für das Jahr 2020 waren zunächst mal sehr vielversprechend. Anton hatte 2019 bei den U23-Weltmeisterschaften in den Vereinigten Staaten im Doppelzweier eine Bronzemedaille nur knapp verpasst. Die Motivation war groß, in diesem Jahr dann aufs Podium zu klettern und sich gratulieren zu lassen. Alexander kehrte von der U19-WM in Tokio als Weltmeister im Doppelvierer zurück. Entsprechend üppig fiel auch der Empfang aus, den ihm der Berliner Ruderclub als Heimatverein schon am Flughafen Tegel bereitete. „Sowohl der Wettkampf als auch der Empfang haben viel Spaß gemacht“, sagt Anton. Viele erfolgreiche Olympioniken vergangener Jahre hoben die Bedeutung des Vereins hervor, um die entsprechenden Weichenstellungen für die jeweilige Karriere zu erhalten.

Die Nähe zum Heimatverein am Kleinen Wannsee sowie die Nähe zur Familie sind auch mitverantwortlich, dass die beiden Brüder, deren Vater Karsten Vorsitzender des Berliner Landesrunderverbands ist, der Heimat ungern den Rücken kehren würden. Auch wenn der Stützpunkt für das Skull-Rudern der Männer in Hamburg angesiedelt ist. Es war Teil der Leistungssportreform, dass die aussichtsreichsten Athleten an einem Ort zusammengezogen werden. Die Skull-Frauen hingegen trainieren in Berlin. Im Bereich Riemen sind die Zentren in Dortmund (Männer) und Potsdam (Frauen).

Die beiden Brüder fühlen sich aber auch deshalb Berlin so verbunden, weil sie beide an der Technischen Hochschule (TU) eingeschrieben sind. Anton studiert Wirtschaftsingenieurwesen, Alexander Architektur. Diese beiden unterschiedlichen Fachbereiche offenbaren dann doch gewisse Unterschiede des sonst so homogenen Doppels.

Der eine Handwerker, der andere Künstler

„Ich bin eher der Outdoortyp“, sagt Anton. Laufen und Schwimmen sind als Sportarten durchaus nützlich, um im Boot fit zu sein. In der Natur zu sein und sich zu bewegen, ist für ihn zugleich Energiequelle. Auch handwerklich gilt er als geschickt. Bruder Alexander hingegen bezeichnet er als „den Feingeist von uns“. Sein großes Interesse liegt in der Kunst, „ich genieße es, wenn ich mal Zeit habe, mit meinem Opa auf Acryl zu malen“, erzählt der Jüngere. Auch werden ihm vom Bruder passable Fähigkeiten beim Kochen zugeschrieben.

Aufgrund dieser unterschiedlichen Veranlagungen würden die Finger-Geschwister bestimmt auch eine Wohngemeinschaft in Berlin ohne größere Streitigkeiten organisiert bekommen. Viel häufiger als jetzt würden sich die beiden aber nicht zu Gesicht bekommen. Denn in einem normalen Jahr verbringen die Ruderer ohnehin nicht besonders viel Zeit in einer Stadt. Im Winter reisen sie in der Regel in Trainingslager, um in wärmeren Gefilden die Form aufzubauen für die Wettkämpfe im Frühjahr. Der Saisonhöhepunkt folgt nach mehreren Tests und Regatten bei den Junioren und in der U23-Altersklasse dann im Juli beziehungsweise August. Danach ist die Saison vorbei. In diesem Jahr ist auch das anders. Am kommenden Wochenende steigt in Duisburg die U23-EM. Anton wird dann im Doppelvierer gefordert sein. Anschließend wird Bilanz gezogen.

Anton und Alexander werden erneut zu dem Schluss kommen, dass sie auf und neben dem Wasser gut zueinanderpassen. Dennoch werden sie noch viel Fleiß und vor allem Geduld brauchen, um eines Tages den Traum zu leben, nicht nur im Training, sondern auch bei einem großen Wettkampf zusammen im Boot zu sitzen.