BUENOS AIRES - 50.000 Argentinier stehen am Sonntagabend am Obelisk im Zentrum von Buenos Aires. Die Stimmung auf dem monumentalen Platz ist merkwürdig zwiespältig. Enttäuschung über den so knapp verpassten Titel mischt sich mit aufgekratzter Freude, am Ende so knapp, so aufrecht, so ehrenvoll verloren zu haben, dass man die Niederlage eben doch irgendwie als einen Sieg verbuchen kann. So wie es die Fernseh-Kommentatoren tun, die nach dem Spiel – „Vamos Argentina!“ – unentwegt Vokabeln wie Träume, Stolz, Helden im Munde führen.

„Ich hätte nie gedacht, dass wir überhaupt in die Finalrunde kommen“, sagt Gonzalo Sánchez, 30, der in der Reinigungsbranche arbeitet. „Der Sieg war mir da nicht so wichtig, aber schön wäre er natürlich doch gewesen!“ Der Traum, der um ein Haar Wirklichkeit geworden wäre – das animiert die Trommler und Tröter ebenso wie die Fahnenschwenker und die Feuerwerker, die bunte Leuchtraketen in den Himmel jagen. Es ist ein Familienfest: Viele junge Leute sind gekommen, aber auch Ehepaare mit Kindern, Freundesgruppen, Ältere.

Wenig später verändert sich die Szene am Obelisk radikal. Zerstörte Ü-Wagen sind zu sehen, brennende Mülltonnen, geknackte Scherengitter vor den Geschäften. Betrunkene Fußballfreunde gehen auf Journalisten los, berauben andere Fans, ein Varieté-Theater wird angegriffen. Aus der Feier des Fast-Sieges ist eine Straßenschlacht geworden, vor der die allermeisten, Taschentücher gegen das Tränengas vors Gesicht gedrückt, davonlaufen. Die Polizei, die Wasserwerfer und Gummikugeln einsetzt, gewinnt erst nach zwei Stunden die Oberhand. 55 Verletzte und 47 Festnahmen meldet die Staatsmacht nach Mitternacht. Dann rollen die Reinigungstrupps an, und ein paar Stunden später ist die Avenida 9 de Julio wieder genauso wie an jedem Montagmorgen: voller Autos.

„Hinchas“ heißen die Fußballfans in Argentinien, und die gewaltbereiten unter ihnen, die sogenannten barras bravas, haben einen genauso miesen Ruf wie englische Hooligans. Dass der Gegner auf dem Fußballfeld grundsätzlich nicht gerade mit Wertschätzung überhäuft wird, ist überall so, wo Fußball gespielt wird. Aber die Übergänge von der fröhlichen Fußball-Freude zu herber Gewalt sind fließend.

„In der Rivalität zwischen den verschiedenen Hinchadas“ – also den Fangemeinden der Vereine – „steckt höchste Gewalt, sie äußern sich homophob, fremdenfeindlich, sexistisch, rassistisch“, hat die Fußball-Soziologin Verónica Moreira beobachtet. „Aber das wird alles als Beweis der unverbrüchlichen Treue zum jeweiligen Klub hingenommen und bis auf die allerschlimmsten Exzesse akzeptiert.“ Von denen gibt es mehr als genug. Im Laufe der Jahrzehnte sollen rund 250 Menschen von wildgewordenen Hinchas getötet worden sein.