Bielefelds Trainer Uwe Neuhaus schnappt sich Andreas Vogelsammer.
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BielefeldRund 200 Fans warteten vor der Schüco-Arena auf ihre Helden. Sie sangen, jubelten und feuerten Bengalos ab. Für keinen von ihnen gab es noch einen Zweifel: Arminia Bielefeld ist in die Fußball-Bundesliga aufgestiegen.

Und so sah es sogar der sonst öffentlich so defensive Uwe Neuhaus, der von 2007 bis 2014 beim 1. FC Union in der Verantwortung stand und die Eisernen im Jahr 2009 von der Dritten in die Zweite Liga führte. Glückwünsche lehnte der Arminia-Trainer nach dem 4:0 (1:0) im Nachholspiel gegen den Tabellenletzten Dynamo Dresden zwar mit Verweis auf die theoretische Unsicherheit ab, auf Spielchen hatte er aber auch keine Lust. „Wir haben den Glauben und das Wissen, dass wir es schaffen werden“, sagte Neuhaus, der 2002 als Assistent von Matthias Sammer deutscher Meister war und nun erstmals als Chefcoach in die Bundesliga kommen wird: „Wir haben das Gefühl, dass uns niemand mehr einholen wird. Und auch, wenn es rechnerisch noch nicht perfekt ist: Wer jetzt noch daran zweifelt, den schmeiß ich raus.“

Das bleibt Neuhaus erspart. Denn von seinen Spielern zweifelte keiner mehr. Noch eine Stunde nach Schlusspfiff stand fast die ganze Mannschaft um einen Kasten Bier neben der Ersatzbank und feierte verhalten, aber doch aufstiegssicher. Und Kapitän Fabian Klos antwortete auf die Frage bei Sky, ob er Glückwünsche annehme, ganz anders als sein Coach. „Das sollte man eigentlich ja nicht“, sagte Klos, der mit 19 Saisontreffern auch die Torschützenliste anführt: „Aber die würde ich jetzt einfach mal annehmen.“

Und so werden die Spieler und Trainerstab von Arminia Bielefeld am Dienstag noch ein wenig auf der Couch und vor den Fernsehgeräten gezittert haben. Aber gegen 20.30 Uhr war es dann vollbracht. Durch das 1:1-Unentschieden des Hamburger SV gegen den VfL Osnabrück stehen die Ostwestfalen vorzeitig als erster Aufsteiger in die Fußball-Bundesliga fest.

Mit dem achten Aufstieg sind die Ostwestfalen, die bestenfalls als Außenseiter in die Saison gegangen waren, nun zusammen mit dem 1. FC Nürnberg Rekord-Aufsteiger in die Bundesliga. Zuletzt waren die Ostwestfalen 2004 aufgestiegen, blieben damals fünf Jahre, brauchten nach dem Abstieg 2009 aber elf Jahre zur Rückkehr.

Zwischenzeitlich war die Arminia zweimal in die 3. Liga abgerutscht und stand finanziell vor dem Aus. Ende 2017 betrug der Schuldenstand rund 30 Millionen. Dann kam das „Bündnis Ostwestfalen“. Dieser Zusammenschluss regionaler und lokaler Unternehmen, Sponsoren und Unterstützer rettete den Traditionsverein und stellte ihn auf gesunde Füße.

Der im Sommer nach Lens wechselnde Franzose Jonathan Clauss (10.) mit einem Traumtor per Lupfer, Andreas Voglsammer bei seinem Startelf-Comeback nach fast fünf Monaten (62.), Klos (65.) sowie Cebio Soukou (87.) nach einem tollen Solo schossen die Tore. „Das war ein perfekter Tag“, sagte Neuhaus, der seine Zurückhaltung bewusst aufgab. „Man spricht mir ja oft die Lockerheit ab“, sagte er: „Heute hat es seinen Grund, dass ich locker bin. Ich weiß nicht, wie oft ich gesagt habe, dass wir uns nur auf das nächste Spiel konzentrieren, um mich nicht locken zu lassen.“ Damit war am Montagabend Schluss.

Ungleich trostloser war die Stimmung im Lager der Dresdner. Dynamo hat bei fünf Punkten Rückstand auf Rang 16 kaum noch Hoffnung auf den Klassenerhalt. „Wir müssen den Kampfanzug anziehen, und dann geht es los“, sagte Trainer Markus Kauczinski. Auch Patrick Schmidt, der glücklose Stürmer, klammerte sich an den letzten Funken Hoffnung: „Natürlich ist das erst mal bitter. Erste Halbzeit haben wir das ganz okay gemacht. Aber man muss auch mal killen, dass du mit 1:1 in die Halbzeit gehst. Wenn man so spielt und so verteidigt, muss man sich nicht wundern. Wir müssen aufstehen, und wir werden aufstehen. Wir kämpfen, bis es rechnerisch nicht mehr möglich ist.“

Zwischen den Zeilen klang aber auch durch, dass bei Dynamo der Glaube auf ein Wunder gegen Null tendiert. „Der Tank ist einfach nicht voll“, sagte der Trainer der Sachsen, die wegen der zweiwöchigen Mannschafts-Quarantäne die denkbar schwerste Vorbereitung auf den Wiederbeginn hatten: „Wir stehen seit einem halben Jahr ganz hinten, haben uns immer wieder rangekämpft. Und dann hat uns dieses Corona-Gedöns leider die Füße unter dem Boden weggezogen.“