Arne Gabius wollte in diesem Jahr eigentlich seine Marathon-Karriere beenden. Doch nun muss er umdisponieren.
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Frankfurt a. M.Der Bahn- und Straßenläufer Arne Gabius, 39, hat sein Trainingspensum der Coronakrise und der Verschiebung von Olympia angepasst und bestreitet nur noch zügige Joggingrunden auf seinen Heimatstrecken rund um die Weinberge im Stuttgarter Norden, wo Gabius mit seiner Frau Anne und dem zweieinhalbjährigen Sohn Frederik Bosse wohnt. Nach der Läuferkarriere will er in seinen ursprünglichen Beruf als approbierter Arzt zurückkehren.

Herr Gabius, inwieweit hilft es Ihnen als Arzt durch die Krise zu kommen?

Ich weiß, wo ich mich informieren kann; ich kann mir Studien durchlesen und bewerten. Etwa als diese eigenartige Empfehlung aufkam, beim Laufen zehn Meter Abstand zu halten: Diese Studie stammte nicht von Medizinern oder Virologen. Viele wollen leider gerade einfach nur Schlagzeilen erzeugen, Angst schüren oder Panik erzeugen.

Tragen Sie Mundschutz beim Laufen?

Mundschutz trage ich beim Laufen nicht. Angenommen, man trägt das Virus wirklich in sich, dann hat man durch das Laufen die Lunge schon so gut durchgelüftet, dass man pro Liter ausgeatmeter Luft deutlich weniger Viruspartikel drin hat. Wenn ich allerdings im Supermarkt stehe, mich lange in der Obst- und Gemüseabteilung aufhalte und dort auch noch herumhuste, ist das natürlich eine andere Belastung. Da macht der Mundschutz Sinn – nicht aber beim Laufen.

Laufen ist erlaubt. Sind Marathonläufer am wenigsten eingeschränkt?

Für den Freizeitläufer mag das stimmen. Als Profisportler, der mit Marathonläufen und dem Präsentieren seiner Marke Geld verdient, stimmt das nicht. Faktisch unterliege ich derzeit einem Startverbot. Marathons sind Großveranstaltungen mit Volksfestcharakter. Der Berliner Marathon Ende September ist bereits abgesagt, und ich denke auch, dass die Chancen für den Frankfurt Marathon Ende Oktober schlecht stehen. Meine Planung ist damit hinfällig geworden und ein Großteil meiner Einkünfte vermutlich auch. Eigentlich hätte ich versucht, mich im April in Wien für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, wäre in Tokio den Olympischen Marathon gelaufen und hätte in Frankfurt meinen Abschied feiern können. Das wäre perfekt gewesen.

Was sagen Sie zu einer Wiederaufnahme der Bundesliga-Saison?

Ganz ehrlich gesagt: Das passt überhaupt nicht in die Zeit und ich halte die Diskussion für falsch, jedenfalls für wesentlich verfrüht! Ich verstehe schon, dass der Fußball für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig ist, und vielleicht auch ein Stückchen Normalität vermittelt – allerdings ist diese Normalität nicht echt, sondern sehr scheinheilig. Fußballgucken alleine macht doch keinen Spaß. Es können Geisterspiele stattfinden, aber man trifft sich bei jemand im Wohnzimmer, im Garten. Hinzu kommt, dass die Bundesliga gerne generationsübergreifend geschaut wird, so dass noch die Gefahr hinzu kommt, dass das Virus einen Generationssprung macht.

Sie haben eine klare Meinung.

Es ist nicht die Zeit für Fußball. Ich würde mir kein Spiel anschauen, auch wenn es im Free-TV liefe, aber es ist einfach nicht angebracht. Nachbarländer wie die Niederlande und Frankreich haben abgebrochen, Spanien wird noch lange brauchen. Wenn nur ein Spieler positiv getestet wird, kann es eigentlich nicht weitergehen. Außerdem ist das Risiko doch auch viel zu groß, dass die Akteure das Virus in ihre Familien tragen.

Und der sportliche Aspekt?

Rein sportlich hat das in der Pandemiezeit keinen Wert mehr. Man hätte sich lieber nicht so viele Gedanken machen sollen, wie man diese Saison zu Ende bringt, sondern was nächste Saison passiert. Es ist doch auch für die Spieler seit Wochen eine komische Situation: Sie haben wochenlang nur zuhause trainiert, noch keine Zweikämpfe bestritten. Wenn das bald sofort die heiße Phase mit den letzten Spieltagen beginnt, besteht ein unheimliches Verletzungsrisiko.

Was vermitteln Bilder von gemeinsamen Umarmungen beim Torjubel?

Die Leute würden die falschen Schlüsse ziehen: Der Ball rollt wieder, die Pandemie ist vorbei: Wir können wieder so leben wie vorher und vergessen die erlernten Sicherheitsregeln. Ich hoffe, den Fußballer wird gesagt, sich nicht abzuklatschen oder gar zu umarmen. Vielleicht werden sie sich Fußsohle an Fußsohle gratulieren. Aber ist das noch Fußball?

Sie haben mal gesagt, 2020 sei ein Jahr, in dem der Sport ruht.

Ja, das würde ich unterschreiben, und das glaube ich immer mehr. Ich hatte vor einiger Zeit noch die Hoffnung, dass ich am 6. Dezember beim Fukuoka-Marathon in Japan starten kann, aber wenn man es nüchtern betrachtet, ist das Jahr gelaufen.

Welche Schlussfolgerungen haben Sie daraus persönlich abgeleitet?

Ich habe wirklich eine Saisonpause gemacht. Ich gehe drei Mal die Woche locker raus zum Laufen: 15 Kilometer im Vierer-Schnitt. Das ist zügig, aber für mich kein Training. Im Mai müsste ich Tempo- und Wiederholungsläufe auf der Bahn machen, ich käme auf 160, 170 Laufkilometer in der Woche, würde die roten Bereiche ansteuern. Dazu fehlen die Wettkämpfe, die für alle Leichtathleten einfach auch gutes Training sind.

Wie oft haben Sie in den letzten Wochen Besuch von den Dopingtestern der NADA erhalten?

Kein einziges Mal. Das ist schlecht für den Sport. Wenn das die Situation in Deutschland ist, wird das weltweit kaum anders sein.

Wird das ausgenutzt?

Ich glaube, dass derzeit viel experimentiert wird. Was wirkt am besten? Was kann man versuchen? Diejenigen, die betrügen wollen, wittern jetzt ihre Chance. Es ist anzunehmen, dass die schwarzen Schafe gerade freie Hand haben. Das ist gefährlich. Es wäre toll, wenn möglichst schnell ein Dopingtest mit Genmarker zum Einsatz kommen könnte. Damit kann man Doping auch nach mehreren Wochen nachweisen. Aber noch laufen die Testphasen und der Fokus liegt woanders …