Herthas Arne Maier kam gegen Schalke 04 für eine halbe Stunde zum Einsatz
Foto: Michael Hundt

BerlinIn den vergangenen Tagen musste ich an Trainer Lucien Favre denken. Das klingt erst einmal seltsam, hat aber seinen triftigen Grund. Jürgen Klinsmann dreht gerade Hertha BSC auf links und verantwortet die heftigste personelle Rochade, seitdem ich über Hertha berichte, also seit 30 Jahren! Als der Schweizer Favre 2007 nach Berlin kam, sagte er mir, dass sich kein Profi sicher sein kann, seinen Stammplatz zu behalten. Er werde alles hinterfragen. Klinsmann lässt grüßen! Und Favre erzählte damals, dass er einst beim Schweizer Erstligisten Yverdon Sports 14 von 18 Spielern ausgetauscht habe. Mir schwante, was auch auf Hertha zukommen könnte.

Die Struktur der Mannschaft änderte sich, Manager Dieter Hoeneß zahlte 2007/08 rund 17 Millionen Euro insgesamt an Ablöse. Das sind aber Peanuts gegenüber dem Geld, dass Preetz vorige Woche bewegte. Für das Trio Lucas Tousart, Krzysztof Piatek und Matheus Cunha überweist Hertha rund 65 Millionen Euro.

Arne Maier sorgte für Verwunderung

Ob es die Wucht der Summen ist oder die Vita der Zugänge oder beides – auf jeden Fall versetzte die Konkurrenz einige Hertha-Profis in Aufregung, die plötzlich aus Berlin fliehen wollten. Dort lebten sie lange in einer Komfortzone, in einem Mittelklasseverein der Liga, in dem die interne Konkurrenz überschaubar war.

Foto: Berliner Zeitung
Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Dass Davie Selke nach Bremen ging, kann ich nachvollziehen angesichts der Aufrüstung der Offensive, aber wie sich Arne Maier, 21, als größtes Hertha-Talent der letzten Jahre gepriesen, verhalten hat, hat mich verwundert und geärgert. Er setzte Manager Preetz die Pistole auf die Brust, sprach auch von mangelnder Wertschätzung und wollte sofort den Verein verlassen. Er sah keine Perspektive mehr im Mittelfeld. Dass er oder vielleicht sein Berater seine Forderungen sehr drastisch öffentlich machte, stieß auch beim Gros der Fans auf Kritik.

Radikale Wende in der Personalpolitik

Maier ist im Profibereich ein großes Versprechen geblieben. Wegen vieler Verletzungen brachte er es seit Mai 2017 nur auf 44 Erstligaspiele. Seine Bilanz: 0 Tore und ein Assist. Maier wird offenbar schlecht beraten. Seine Chance, eine gute Rolle zu spielen, ist groß. Im Mittelfeld wird sich im Sommer viel ändern. Musterprofi Per Skjelbred dürfte nach Norwegen zurückkehren, die Leihe von Marko Grujic vom FC Liverpool endet, Vladimir Darida gilt als Wechselkandidat. Bleibt der Franzose Tousart, der 24-Millionen-Mann, der aus Lyon kommen wird und Santiago Ascacibar, der schon jetzt eine giftige Nummer Sechs abgibt. Und Maier! Zum Glück hat Michael Preetz den Mann aus Ludwigsfelde nicht ziehen lassen. Der muss sich nun der Konkurrenz stellen. Klinsmann wird ihm Gelegenheit dafür geben. Beim 0:0 gegen Schalke durfte er 30 Minuten ran.

Viele Hertha-Spieler, gerade auch die Jüngeren, müssen die radikale Wende in der Personalpolitik nach den Millionen von Investor Lars Windhorst erst verinnerlichen. Keiner kann sich seines Platzes sicher sein. Pal Dardai, der sich als Trainer einst so viel Geld für Transfers gewünscht hätte, sprach stets von seiner „kleinen, aber fleißigen Mannschaft“. Nun denkt Hertha größer und hat die Vision, schnell ein internationales Fußball-Schwergewicht zu werden. Die Krux ist: Noch steht man mitten im Abstiegskampf und sollte die aggressive Einkaufspolitik schiefgehen, ist die Fallhöhe enorm.