Thomas Bach wird von den Athleten unter Druck gesetzt.
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BerlinDie Frage einer Olympia-Verschiebung oder sogar einer kollektiven Absage deutscher Sportler bringt den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ins Straucheln. Die Debatte um die Sommerspiele in Tokio nimmt dramatische Formen an. Zunächst hatte DOSB-Präsident Alfons Hörmann in einer Videokonferenz mit rund 200 Sportlern vorgeschlagen, eine Umfrage zu starten. Nachdem dann Fecht-Europameister Max Hartung, Chef des Vereins Athleten Deutschland, seinen Olympiaverzicht angekündigt hatte, planten die Aktivensprecher einen Coup.

Sie wollten sich bei einer bei Redaktionsschluss am Sonntag andauernden Telefonkonferenz darüber verständigen, welche Fragen die Olympiakader (rund 1 000 Sportler inklusive der Kandidaten für die Paralympics) beantworten sollten. Man wollte den Aktiven die klare Option geben, sich für oder gegen die Olympiateilnahme zu entscheiden, die gesundheits- und sogar lebensgefährdend sein könnte, sollten das IOC und die japanische Organisatoren an den Plänen für Juli festhalten. Selbst eine Verschiebung in den November, wie angeblich in Japan debattiert wird, änderte nichts am grundlegenden Problem. Virologen und Pandemie-Experten glauben nicht, dass der Coronavirus bis Ende des Jahres besiegt ist.

Auf allen Kanälen verhandelt

Die Sportler wollten die Kontrolle über den Fragebogen des DOSB haben. Es sollte im Grunde eine Abstimmung sein – bindend für den DOSB. Mit den Worten „die Sportler holen sich ihre Spiele zurück“, kommentierte Dagmar Freitag die rasanten Entwicklungen. Die SPD-Politikerin ist Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Überlegungen, wonach der für Sport zuständige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) Verantwortung wahrnehmen und die Entsendungskosten für ein Olympiateam einfrieren könnte, erübrigen sich, meint Dagmar Freitag: „Ich glaube nicht, dass wir diese Reißleine ziehen müssen, weil ich davon ausgehe, dass die Sportler das selbst regeln.“

Das Thema wurde am Sonntag auf allen Kanälen verhandelt. Das IOC machte Druck. Es gab  Hinweise darauf, dass das DOSB-Präsidium und andere Funktionäre einknicken könnten. So ist eine windelweiche Erklärung des DOSB zu interpretieren, in der nur von einem „Stimmungsbild“ die Rede war, das man einholen wolle. Dann wolle man mit Spitzenverbänden und der Bundesregierung diskutieren. Bis dahin allerdings könnten andere Nationen, allen voran die USA, vorangegangen sein.

Sollten die deutschen Sportler sich durchsetzen und ihr Votum bindend sein, wäre das einmalig in der Geschichte der Spiele. Für den IOC-Präsidenten Thomas Bach wäre es eine schwere persönliche Niederlage, von Sportlern das Stoppzeichen zu sehen. Es wäre viel mehr als nur eine Ironie der Geschichte: Bach begann seine sportpolitische Karriere als Athletensprecher, der vergeblich gegen den Olympiaboykott der Bundesrepublik 1980 ankämpfte. Der Schmerz dieser Niederlage, die damalige Hilflosigkeit und die Lehren daraus prägen seine  gesamte Karriere.

„Es war eine Schule, die durch nichts zu ersetzen ist. Es brennt immer noch“, hat Bach über das Jahr 1980 gesagt. Er entschied sich wenig später, in die politische Lehre zu gehen. Er arbeitete im Bundestagsbüro von Wolfgang Mischnick, der auch der Grund war, in die FDP einzutreten. Andere ehemalige FDP-Minister (Genscher, Hausmann, Friderichs) prägten seinen Weg, bis hin zu geschäftlichen Verbindungen, etwa gemeinsamen Kanzleien und Unternehmen. Die FDP-Allianz öffnete Bach auch den Weg in die Wirtschaft.

Vor allem aber schrieb Bach eine Doktorarbeit, die er 1983 an der Uni Würzburg mit summa cum laude verteidigte. Titel: „Der Einfluss von Prognosen auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts.“ Diese 211 Seiten sind im Grunde aber ein politisches Papier. „Es ging mir um die Schnittstellen von Recht und Politik“, erklärte Bach einmal. „Es ging um beiderseitige Gestaltungsspielräume. Das hat mich interessiert.“

Bach wollte den Spieß umdrehen. Er wollte nie wieder in so eine hilflose Lage kommen wie 1980, als sich die Bundesrepublik und weite Teile des Westens wegen des Einmarschs der Sowjetunion in Afghanistan entschlossen, die Sommerspiele in Moskau zu boykottieren. 1981 wurde Bach vom damaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch für die erste IOC-Athletenkommission ausgewählt. Bach folgte seinem Plan. Wurde Industrielobbyist. Schaffte es im IOC nach ganz oben. Sieht sich auf einer Ebene mit Staats- und Regierungschefs. Promotet die angebliche Neutralität des Sports, solange es IOC-Interessen nützt. Verkauft sich bis heute als Sportlerversteher und hat dabei doch im IOC ein hartes Regime etabliert.

In seiner 2013 begonnen Präsidentschaft, die turnusgemäß zunächst bis 2021 andauert, vertrat er vor allem den Standpunkt, der Sport müsse „mit einer Stimme sprechen“. Abweichler in der Athletenkommission wurden gemaßregelt. Die aktuelle Kommission mit Simbabwes Sportministerin Kirsty Coventry an der Spitze, ist mehrheitlich mit Ja-Sagern besetzt. Die selbstbewussten, engagierten Vertreter des Vereins Athleten Deutschland e. V., der    unabhängig vom DOSB agiert und mit Bundesmitteln gefördert wird, haben dem IOC in einem Kartellverwaltungsverfahren bereits eine schwere Niederlage zugefügt: Die umstrittene Regel 40 des IOC über Werberegeln musste gelockert werden, die Sportler erhielten mehr Werbemöglichkeiten.

Eine Frage der Versicherung

Nun geht es also um die Olympiateilnahme und die Frage einer Verlegung der Tokio-Spiele. Die deutschen Sportler kooperieren seit Jahren eng mit Athletenvertretern anderer Nationen. Der deutsche Vorstoß würde einen Schneeball-Effekt auslösen – und alle IOC-Maßnahmen, die Sportler zu belehren und domestizieren, wäre Makulatur.

Vor wenigen Tagen scherte als erstes IOC-Mitglied die kanadische Olympiasiegerin Hayley Wickenheiser aus, die Menschlichkeit vom IOC und Thomas Bach einforderte, anstatt stur an den Sommerspielen festzuhalten. Auch Wickenheiser erhielt barsche Reaktionen aus der IOC-Administration. Bei einer Telefonschalte mit der IOC-Führung vergangenen Mittwoch fiel plötzlich ihr Mikrofon aus. Wickenheiser findet den Plan der deutschen Sportler wunderbar. Gleichzeitig reicht sie dem IOC-Präsidenten die Hand: „Wenn Thomas Bach Hilfe und Rat brauchen sollte, bin ich die Erste, die dabei ist“, sagte Wickenheiser dieser Zeitung.

Angeblich soll Bach Japans Premier Abe dazu bewegen wollen, den ersten Schritt zur Verlegung zu gehen. Das soll mit versicherungstechnischen Fragen zusammenhängen. Am Ende stehen wohl doch Geldfragen im Vordergrund. Geschäft vor Vernunft und Gesundheit? Immer mehr Sportler geben in bewegenden Botschaften und Interviews ihre Antwort darauf. Nun also die historische Initiative der deutschen Sportler, die das entscheidende Wort haben wollen: Wie einst Thomas Bach nutzen sie ihre Gestaltungsspielräume und drehen den Spieß um.