Berlin - Den Zusammenhang zwischen Sport und Politik hat Boris Johnson 2012 für seine Zwecke genutzt – auf seine Art: Damals sauste er mit blauem Bauarbeiterhelm in Hemd und Anzug, dem Union Jack in der Hand an einer Seilbahn durch den Park neben dem Olympiagelände. Plötzlich stoppte die Fahrt, Johnson baumelte in der Luft. Slapstick vom Feinsten, aber die Briten fanden solcherlei Pannen damals so liebenswert, dass sie den strubbelhaarigen, omnipräsenten Kerl, der sich während der Olympischen Spiele in London kaum weniger ungestüm auf jedes Foto, vor jede Kamera drängte, schließlich zum Premierminister wählten.

Sport und Politik – ist eine Melange, die bei Olympischen Spielen Hochkonjunktur hat. Denn kaum irgendwo können Bilder besser inszeniert, Propaganda besser unters Volk gebracht werden. Allerdings wird es bei den Winterspielen, die im Februar 2022 in Peking eröffnet werden sollen, keine Bilder der chinesischen Staatsführer mit Johnson geben. Großbritannien, Australien und Kanada entsenden keine Regierungsvertreter zu den Olympischen Winterspielen nach China. Dies teilten Premierminister Johnson, Australiens Ministerpräsident Scott Morrison und Premierminister Justin Trudeau am Mittwoch mit.

FDP-Europaabgeordnete Beer fordert gänzlichen Boykott

Damit schließen sich die Länder dem diplomatischen Boykott der USA an, wie es zuvor schon Neuseeland getan hatte. Den Athletinnen und Athleten dieser Länder steht eine Teilnahme jedoch frei. „Es wird tatsächlich einen diplomatischen Boykott der Olympischen Winterspiele in Peking geben“, sagte Johnson in der wöchentlichen Fragestunde des Parlaments. Ein sportlicher Boykott sei allerdings „nicht die Politik“ seiner Regierung.

Genau diesen Schritt zu gehen, forderte aber Nicola Beer, FDP-Europaabgeordnete und Vize-Präsidentin des Europäischen Parlaments. Die Europäische Union solle „nicht nur im Windschatten der USA bleiben, sondern sich selbst für die Einhaltung von Menschenrechten auf die Hinterbeine stellen und sich für einen gänzlichen Boykott der Winterspiele aussprechen“, sagte Beer den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Spiele in China nannte sie „eine falsche Bühne am falschen Ort“. Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich bisher noch nicht zu der Sport-Großveranstaltung in China positioniert.

Laut Dagmar Freitag, der früheren Vorsitzenden des Sportausschusses im Bundestag, richte sich ein diplomatischer Boykott nicht nur an Chinas politische Führung, sondern „in gleichem Maße an das IOC“, welches die Spiele nach Peking vergeben hatte und aktuell wegen seines Verhaltens im Fall der verschwundenen Tennisspielerin Peng Shuai in der Kritik steht. Die SPD-Politikerin glaubt an eine Signalwirkung. „Wenn IOC-Präsident Bach demnächst nur noch mit den autokratischen Despoten dieser Welt auf der VIP-Tribüne sitzt“, sagte Freitag, „ist das auch ein Fingerzeig an die Sponsoren des IOC-Premiumprodukts Olympische Spiele.“

Der neue Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Weikert, sprach sich bislang gegen einen sportlichen Boykott aus. Und so sehr sich die Organisation „Athleten Deutschland“ für die Belange der Tennisspielerin Peng Shuai einsetzt und das IOC dafür kritisiert, das Kriterium der Menschenrechte hinter politische, vor allem aber wirtschaftliche Interessen zu stellen, so sehr verneint sie einen sportlichen Boykott der Spiele. „Aus Athletensicht wird ein sportlicher Boykott klar abgelehnt“, sagte Maximilian Klein von „Athleten Deutschland“. Die Sportler seien in eine unmögliche Situation gebracht worden. „Sie haben sich jahrelang vorbereitet auf diese Spiele, auf ihren persönlichen und sportlichen Höhepunkt und sollen jetzt Verantwortung für etwas tragen, für das sie nichts zu tragen haben.“

Rodel-Olympiasiegerin Geisenberger schließt Boykott nicht aus

Wobei sich die kritischen Stimmen der deutschen Wintersportler an den Vorgängen in China sowie den gigantischen, neu gebauten Sportanlagen wie etwa der Rodelbahn in Yanqing zuletzt mehrten. Doppel-Olympiasiegerin Natalie Geisenberger etwa sagte, sie schließe einen Boykott der Winterspiele in Peking 2022 aufgrund der gerade vor dem Weltcup erlebten Bedingungen nicht aus. Rodelkollege Felix Loch argumentiert: „Wir als Sportler können nur die Hand heben, generell gehört da einiges verändert. Wenn Natalie oder das ganze deutsche Rodelteam sagt, sie fährt da nicht, dann würde Olympia trotzdem stattfinden“, sagte der Olympiasieger von Vancouver und Sotschi. „Es ist die richtige Entscheidung, es über die politische und nicht sportliche Schiene zu klären.“

Damit befinden sich die Wintersportler 2022 in dem gleichen Dilemma wie 2008 die Sommersportler, als Peking zuletzt Olympiastadt war. Damals drückte die Fechterin Imke Duplitzer ihre Kritik an Chinas Umgang mit Menschenrechten mit ihrem Boykott der Eröffnungsfeier aus, die sie als Mensch- und Materialschlacht bezeichnete.