Die Pose stimmt schon mal: 25-Millionen-Mann Lucas Tousart soll bei Hertha ein Anführer werden.
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BerlinDass Lucas Tousart teilweise noch die Sprache im Weg steht, konnte man unter der Woche im Training beobachten: Um den Spielaufbau seiner Innenverteidiger und defensiven Mittelfeldspieler zu üben, markierte Bruno Labbadia verschiedene Tore mit unterschiedlich farbigen Leibchen. Auf Zuruf des Cheftrainers sollten Karim Rekik, Jordan Torunarigha, Niklas Stark und eben Tousart reaktionsschnell das Spiel eröffnen. Als Labbadia „Grün“ forderte, nahm der Franzose allerdings das gelbe Törchen ins Visier. Nur durch Rekiks Hilfe („Vert“) fand Herthas neuer Mittelfeldmann doch noch den richtigen Passweg.

Vor dem Pokalspiel bei Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig am Freitagabend fordert Labbadia nicht nur deswegen Geduld mit dem bisherigen Rekordeinkauf der Berliner. Für 25 Millionen Euro transferierte Hertha Tousart bereits im Januar, lieh den 23-Jährigen aber bis zum Ende der Spielzeit an seinen bisherigen Arbeitgeber Olympique Lyon aus. Nun ist Tousart seit rund sieben Wochen in Berlin und die Fans, die aufgrund der Pandemie weiter keinen Zutritt zum Trainingsplatz haben, warten gespannt auf sein Pflichtspieldebüt. „Er ist noch jung und hat zum ersten Mal seine Heimat verlassen“, erklärt Labbadia und probiert, die Erwartungen zu dämpfen. Hinzu komme, neben der veranschaulichten Sprachbarriere, dass Tousart vor seiner Ankunft in Berlin fast vier Monate kein Fußball gespielt hatte, da Frankreichs Ligue 1 wegen Corona bereits im April abgebrochen wurde. „Das war ein Paket, das er verkraften musste“, mahnt Labbadia.

Doch insgeheim wird der Trainer hoffen, dass sich Tousart rasch akklimatisiert und schon bald den Ton an- und den Takt vorgibt. Labbadia wird nicht müde davon zu sprechen, dass er eine komplett neue Achse aufbauen muss. Denn bisher hat sich in seinem Team kein Anführer gefunden, der weggebrochene Stützen wie Fabian Lustenberger, Per Skjelbred oder Vedad Ibisevic kompensiert. Labbadia, der selbst als Spieler stets voranging, will die Last auf mehreren Schultern verteilen. 

Dass Tousart das Zeug dazu hat, künftig ein wichtiger Stützpfeiler bei Hertha BSC zu sein, daran lässt er keinen Zweifel: „Lucas ist im Kommen, wird immer stärker. Wir geben ihm die Zeit. Wir wissen, dass er eine wichtige Rolle auf unserer Achse spielen kann.“ Zwar ist Tousart von seinem Naturell eher kein Lautsprecher, dafür ist seine Position im defensiven Mittelfeld aber prädestiniert, um eine tragende Rolle zu übernehmen. Als Mann vor der Abwehr muss er Bindeglied zwischen Defensive und Offensive sein. In der Rückwärtsbewegung soll er robust und zweikampfstark zur Sache gehen, im Spiel nach vorne wiederum seine Übersicht einbringen, als Ballverteiler das Spiel beruhigen oder eben ankurbeln.

Welche Bedeutung Labbadia und sein Trainerteam ihm zukommen lassen, konnte man im Training regelmäßig beobachten. Neben der Spieleröffnung nach Farben beschäftigte sich vor allem Co-Trainer Eddy Sözer intensiv mit Tousart, wenn es um das Aufbauspiel ging. Dabei wandert Tousart gewissermaßen bei Hertha auf den Spuren von Bastian Schweinsteiger: Immer wieder forderte Sözer ihn auf, sich auf die „Schweineposition“ fallen zu lassen. „Wir nennen die Positionsverlagerung wegen Schweini so. Der hat das sensationell gespielt“, erklärt Labbadias langjähriger Assistent. Die Idee: Wie der Weltmeister von 2014 hat Tousart beim Spielaufbau den Auftrag die Position der Außenverteidiger zu besetzen, die ihrerseits vorrücken und eine Überzahl in Mittelfeld schaffen. Sind die kurzen Passwege dennoch versperrt, soll er das Spiel mit einem langen Diagonalball verlagern, was ihm auf dem Schenckendorffplatz regelmäßig bemerkenswert gut gelingt. In Braunschweig kann er diese Fähigkeiten nun im Ernstfall unter Beweis stellen.