Auf Zidanes Spuren: Mbappé hat die Form, um Les Bleus erneut zum Titel zu führen

Der 23-Jährige ist nach Katar gekommen, um diesem Turnier seinen Stempel aufzudrücken. Bis dato tut er dies auf eindrucksvolle Weise.

Verschworener Haufen mit Kylian Mbappé als herausragender Figur: die Franzosen
Verschworener Haufen mit Kylian Mbappé als herausragender Figur: die FranzosenAFP/Thullier

Starten wir in diesen Text über den fantastischen Kylian Mbappé mit einer scharfen Kritik an Kylian Mbappé. Eingebracht wurde sie vor wenigen Tagen von Dani Alves, der inzwischen 39 Jahre alt ist und trotz eines enormen Qualitätsverlusts bei der WM in Katar mit dabei ist, als Kadermitglied der brasilianischen Nationalmannschaft.

Und wer weiß – womöglich hat der Rechtsverteidiger mit seiner Replik nicht nur der Seleção, sondern auch sich selbst im Hinblick auf ein mögliches Viertelfinale gegen die Franzosen keinen Gefallen getan. Denn Mbappé hat – wie sich beim 4:1 der Équipe Tricolore gegen Australien und beim 2:1 gegen Dänemark gezeigt hat – die Klasse, aber auch in diesen Tagen die Form, um all seine Kritiker zum Schweigen zu bringen. Die Bilanz des 23-Jährigen nach zwei Spieltagen: ein Assist, drei Tore, womit er schon mal zu Zinédine Zidane aufgeschlossen hat, der in der Nationalelf in 108 Länderspielen 31-mal getroffen hatte. 

Wie ein aufmüpfiger Thronfolger

In einem Interview mit der Gazzetta dello Sport urteilte Alves jedenfalls wie folgt über die Frontfigur der Franzosen: „Ein großartiger Spieler muss immer wissen und verstehen, mit wem er spielt. Seine Teamkollegen bereichern seine Qualitäten. Mbappé ist ein Phänomen, das immer noch nicht verstanden hat, dass diejenigen, die mit ihm im Angriff spielen, phänomenaler sind als er.“

Und weil er sich offenbar richtig in Rage geredet hatte, legte er noch weiter nach: „Neymar und Messi sind einzigartig: Sie sehen und machen Dinge, die keiner sieht oder schafft zu machen. Man muss intelligent sein, um von ihrem Potenzial zu profitieren. Die zwei sind Genies. Ich glaube, ich bin gut am Ball, aber wenn ich mit Leo spielte, gab ich ihm den Ball, und wenn ich mit Ney spiele, gebe ich ihm den Ball. Wenn Mbappé sie anspielt, schießen sie 150 Tore.“

Man muss dazu wissen, dass Alves zum einen mit Messi und Neymar seit den gemeinsamen Tagen beim FC Barcelona dicke befreundet ist, dass er zum anderen von 2017 bis 2019 als Teamkollege bei Paris Saint-Germain tagtäglich mit Mbappé zu tun hatte. Er weiß also, wovon er spricht. Und der eine oder andere, darunter auch der eine oder andere PSG-Fan, wird ihm bei seiner Einlassung wohl auch beipflichten. Mbappé kommt ja in der Tat im Trikot des französischen Serienmeisters an der Seite von Messi und Neymar wie ein aufmüpfiger Thronfolger daher. Wie einer, der sich nichts sagen lassen will, noch weniger für die Defensive der Pariser tut als die beiden Weltstars, also: nichts. 

Belastetes Verhältnis zu Benzema

Letztlich ist es wohl so, dass Mbappé, getragen von einem schon fast überbordenden Selbstbewusstsein, aus so einer Einlassung wie der von Alves nur noch weitere Motivation zieht. Gemäß dem Motto: Redet ihr nur, ich lass, wenn es darauf ankommt wie vor vier Jahren bei der WM in Russland, Taten und Tore sprechen. Kurzum: Ich bin schon jetzt die ganz große Nummer des Weltfußballs. 

In der französischen Nationalmannschaft gibt es gleichwohl einen anderen Mbappé zu beobachten. Wobei es womöglich aus betriebsklimatischer und spieltaktischer Sicht für Les Bleus von Vorteil ist, dass Karim Benzema aufgrund einer Muskelverletzung nicht an der Endrunde in Katar teilnehmen kann.

Seit dem geplatzten Wechsel von Mbappé zu Real Madrid, auf den Benzema als Anführer der Madrilenen gedrängt hatte, ist das Verhältnis zwischen den beiden Ausnahmefußballern offenbar belastet. Hinzu kommt, dass Mbappé es genießt, wenn das ganze Spiel auf ihn zugeschnitten ist, beziehungsweise, wenn er auf der linken Seite, auf die der Mittelstürmer Benzema ja auch gerne mal ausweicht, machen kann, was er will.

Trainer Deschamps lässt ihn machen

Als Gegenleistung für diese Narrenfreiheit gibt er dann auch hin und wieder den Teamplayer, geht ins Pressing, stellt Passwege zu, um sich bei Ballbesitz von einen Moment auf den anderen in Superman zu verwandeln. Mitspieler Jules Kounde sagt: „Wenn man Kylian ein bisschen kennt, weiß man, dass er diesem Turnier seinen Stempel aufdrücken will.“ Und gerade sei er dabei, „genau das zu tun“.

Didier Deschamps, der Trainer der französischen Auswahl, ist clever genug, um diesen Ehrgeiz eines Einzelnen in das große Ganze einzubinden. Er dürfte sich an Zidane erinnert fühlen, der bei der WM 1998 und der EM 2000 als derjenige, der letztlich den Unterschied ausmachte, die Équipe Tricolore zum Titel führte. Er lobt Mbappé immer wieder als „Ausnahmespieler“, lässt ihn machen, damit seine Mannschaft am 18. Dezember tatsächlich mit dem Fluch des Titelverteidigers bricht. Ein erster Schritt dahin ist mit dem vorzeitigen Einzug ins Achtelfinale getan.