BerlinPopularität ist, das weiß fast jeder, manchmal Segen, manchmal Fluch. Ganz besonders in solchen Fällen, wenn jemand eine vorzeigbare Vergangenheit mitbringt, die neben Eleganz auch aus reichlich Ecken und Kanten besteht, man mit dem 1. FC Union die Bundesliga ein wenig aufmischen möchte und dazu Max Kruse heißt. Da wird von der Öffentlichkeit schon mal genauer hingeschaut und auf einen Ausrutscher geradezu gelauert. Tritt der, wenn auch nur angeblich, ein, ist das hämische Händereiben der nächste Akt der Schadenfreude.

Dabei sind die Fakten überdeutlich. Da hat jemand über die Sozialen Medien – was nur soll an derlei Medien sozial sein? – etwas in die Atmosphäre gebeamt, das manchen gefällt, anderen wiederum nicht. Na und? Was bitte hat Max Kruse getan, was er nicht hätte tun dürfen? Dass er, anders als bei manchem Tor von ihm, nicht schlau genug war, bestreitet niemand. Andererseits: Was berechtigt zu einem dermaßen empörten Aufschrei?

Basler, Effenberg und Matthäus lassen grüßen

Nichts! Den Finger zu heben und zu sagen: Junge, das war ein bisschen blöd und passt nicht in die Landschaft, ist angemessen. Kruse wird verstanden haben. Damit ist aber auch gut.

Für manche ist es das nicht. Das allerdings hätte Kruse – oft genug hat gerade er ein paar vor den Latz bekommen – wissen müssen. Der virtuelle Fan tickt wahrscheinlich meist so: Erst einmal dissen! Schnell mit dem Finger auf jemanden zeigen, immer erst draufhauen. Stimmt es, ist es gut, stimmt es nicht, auch egal. Hauptsache, es tut weh. Selbst wenn die Regeln eingehalten werden – Kruse hat sie eingehalten –, folgt meist ein „Ja, aber …“.

Schnell fällt zudem das Wort „Vorbildfunktion“. Mit ihm kann man notfalls alles in Grund und Boden treten. Nur: Ist es vorbildlich, wenn ein Bundesverkehrsminister mit einer von Anfang an zum Scheitern verurteilten Pkw-Maut sehenden Auges zig Millionen Euro in den Asphalt setzt? Sollte man es gut finden, wenn 450 Millionen Europäer eine wie aus dem Hut gezauberte Präsidentin der Europäischen Kommission vorgesetzt bekommen, obwohl Frau Ursula von der Leyen, geborene Albrecht, nicht einmal zur Wahl stand und aus ihrer Zeit als Bundesministerin für Verteidigung sensible Daten von ihrem Mobiltelefon wohl nicht nur aus Versehen verschwunden sind? Hätte es, obwohl seit vielen Jahren bekannt, ohne Covid-19 jemals eine Debatte über die schier unmenschlichen Bedingungen in deutschen Schlachthöfen gegeben? Wie steht’s um Cum-Ex-Geschäfte, wie um das Milliarden-Dilemma Wirecard, wie um …

All das ist viel eher einen Aufschrei wert! Dagegen ist das um die Jungs, die heute Max Kruse heißen und einst auf die Namen zum Beispiel Stefan Effenberg, Mario Basler und ja, auch Lothar Matthäus hörten, regelrecht Pillepalle. Leute, Ball flachhalten, bitte.

Andererseits lechzen wir nach widerspenstigen Typen, nach lockeren Burschen. Einst hatte ich an dieser Stelle geschrieben, Max Kruse könnte das Zeug dazu haben, in die Fußstapfen von Jimmy Hoge zu treten. Jimmy steht für Eskapaden, die einen Trainer heute in den Wahnsinn treiben würden. Trotzdem oder gerade deshalb ist er als Fußball-Gott unerreicht. Er hatte Glück, dass die Sozialen Medien damals Postkarte und Telefon hießen, man als Fußball-Star nicht wegen Covid-19 auf Abstand gehen sollte, sondern wegen möglicher Westverwandtschaft, und der Verlierer beim Zocken nicht zig Euro auf den Tisch legen, sondern die anderen am Türsteher vorbei in eine übervolle Nachtbar schmuggeln musste.

Eskapaden hat es immer gegeben. Womöglich ist einer wie  Kruse dafür nur zu spät geboren. Vielleicht sagt uns die ganze Sache aber auch nur das: Max wird Jimmy immer eiserner.