Aufschlussreiches Experiment: Union kann auch mit dem Ball gut Fußball spielen

Beim 2:0 im Pokal gegen den 1. FC Heidenheim zeigt sich, dass die Eisernen viel mehr können als nur sehr gut verteidigen.

Torschütze Sven Michel zeigt an, wo Union derzeit steht: ganz oben.
Torschütze Sven Michel zeigt an, wo Union derzeit steht: ganz oben.City-Press/Pohl

Keine andere Frage wird in Fußball-Deutschland derzeit so heiß diskutiert wie diese: Kann der 1. FC Union Berlin tatsächlich Deutscher Meister werden? Ja, klar, kann er, lautet unter dem Eindruck des 2:0-Erfolgs der Eisernen im DFB-Pokalspiel gegen den 1. FC Heidenheim die eindeutige Antwort.

War doch erst die zweite Runde! Und war doch noch nur ein Zweitligist! Mag schon sein, aber was der FCU am Mittwochabend vor heimischem Publikum auf den Platz brachte, war im Hinblick auf den weiteren Verlauf der Meisterschaftsrunde aufschlussreich und verheißungsvoll zugleich.

Fischer verwandelt Alte Försterei in ein Großlabor

In so einer Art Experiment mit fünf Spielern aus der zweiten Reihe in der Startelf führte Union-Coach Urs Fischer im Großlabor Alte Försterei allen vor Augen, was sein Team noch so alles kann außer sehr gut verteidigen, geschickt Zweikämpfe führen und sehr, sehr viel laufen. Wobei er womöglich selbst ein bisschen überrascht war, wie störungsfrei der Praxistest vor etwas mehr als 21.000 Zuschauern verlaufen ist. Folgendes war dabei zu beobachten.

Erstens: Es geht, wenn es aufgrund einer Verletzung oder aufgrund der Belastungssteuerung tatsächlich sein muss, auch ohne Rani Khedira. Nach 15 Pflichtspieleinsätzen in Serie hatte Fischer dem 28-Jährigen, der schon in der Schlussphase des Ligaspiels gegen Dortmund ein paar Zeichen von Müdigkeit gezeigt hatte, eine Pause verordnet. Wohlwissend, dass kaum einer so viele Meter macht wie Khedira, dass kaum einer so viel Energie verbrennt wie der rast- und kompromisslose Mittelfeldmann.

Für ihn kam Paul Seguin zum Zug, der gebürtige Magdeburger, der bei seinem Startelfdebüt schließlich den Nachweis erbrachte, dass seine Anpassungsprobleme in Sachen Taktik, Intensität und Tempo überwunden sind. Er war mit hauptverantwortlich dafür, dass die Eisernen von Beginn an des Öfteren ins Passen kamen und die für gewöhnlich so stabilen Heidenheimer damit in Bewegung brachten. „Wir haben das heute sehr erwachsen gespielt“, urteilte Seguin, der beim „Qualifying“ für mehr Einsatzzeit jedenfalls allerlei Pluspunkte sammeln konnte, aber am Sonntag beim Auswärtsspiel in Bochum (15.30 Uhr) aller Voraussicht nach wieder für Khedira Platz machen muss.

Zweitens: Union kann nicht nur gegen den Ball, sondern auch mit dem Ball sehr gut Fußball spielen. Ohne einen kantigen Zielspieler wie Kevin Behrens oder Jordan Siebatcheu war der lange Ball in die Spitze dieses Mal keine Option. Spielerische Lösungen mussten gegen eine tiefstehende, mit bis zu sechs Spielern in einer defensiven Linie agierende Mannschaft gefunden werden – und wurden schließlich auch gefunden.

Mit Sheraldo Becker, na klar, mit Sven Michel, der sich mit seinem Treffer für seinen starken Vortrag belohnte, aber auch mit Andras Schäfer, Janik Haberer und Tymoteusz Puchacz, der voller Tatendrang war, nach sieben Minuten das 1:0 erzielte, in der 52. Minute das 2:0 vorbereitete, eher wie ein verkappter Linksaußen denn als Linksverteidiger in Erscheinung trat. Für sich formulierte Michel schließlich einen Anspruch, der für den Polen genauso gut gilt: „Ich habe heute mein Los in den Topf geschmissen. Ich werde meine Einsatzzeiten kriegen und dann schauen wir weiter.“

Fischer bemängelt die fahrlässige Chancenverwertung

Fischer geht also mit der Gewissheit, dass seine Mannschaft nicht nur in der Reaktion, sondern auch in der Aktion Hervorragendes leisten kann, in die kommenden Wochen, wird die längste Spielpause in der Geschichte der Bundesliga mit Sicherheit dazu nutzen, um das Offensivspiel seiner Mannschaft weiter zu verfeinern. Damit man für die Zeit nach der WM, wenn in der Liga noch mehr Teams mit einem destruktiven Ansatz nach Köpenick kommen werden, in jedweder Hinsicht gewappnet ist.

„Die Mannschaft hat das heute wieder sehr gut gemacht, es war ein souveräner Auftritt von der ersten Sekunde an. Als Trainer bin ich froh, dass die Jungs, die reingekommen sind, auch einen super Job gemacht haben“, sagte der Schweizer am späten Mittwochabend. Wobei er schließlich natürlich auch noch etwas zu bekritteln hatte, nämlich das hier: „Mit den Tormöglichkeiten sind wir vielleicht ein wenig fahrlässig umgegangen.“ Die muss man sich aber auch erst mal erspielen.