Berlin - Philipp Weber wählte emotionale Worte. „Der Wahnsinn geht weiter“, schrieb der Handball-Nationalspieler des SC Magdeburg bei Instagram und transferierte die nüchternen Zahlen der Bundesliga-Tabelle auf die Gefühlsebene. Nach dem Coup beim THW Kiel (29:27) gehört der SCM mindestens plötzlich zu den heißen Titelkandidaten.

„Wer in Kiel gewinnt“, urteilte der erfahrene Bundesliga-Coach Martin Schwalb nach knapp einem Viertel der Saison, „der ist für höhere Aufgaben bereit“. Nach acht Spieltagen führt der SC Magdeburg die Liga mit 16:0-Punkten an, Zweiter sind die ebenfalls noch ungeschlagenen Füchse Berlin (15:1 Zähler) – zu den Abo-Champions der vergangenen Jahre vom THW Kiel (12:4) und der SG Flensburg-Handewitt (9:5) klafft schon eine kleine Lücke. Die Dominanz der Teams aus dem Norden bröckelt, momentan gibt der Osten der Handball-Republik die Schlagzahl vor.

Bob Hanning begrüßt Abwechslung an der Ligaspitze

„Wir freuen uns beim Blick auf die Tabelle“, sagte Füchse-Manager Bob Hanning, „denn es ist höchste Zeit für ein bisschen Abwechslung an der Spitze.“ Die momentane Situation sei das Ergebnis von „kontinuierlicher harter Arbeit in Magdeburg und bei uns“. Tatsächlich pirschen sich der SCM und die Füchse im Windschatten der schier übermächtigen Rivalen aus dem Norden schon seit Jahren heran, nun könnten sie zupacken.

Vor allem die Magdeburger spielen in dieser Saison bislang groß auf. Obwohl sie in Kiel nach Roten Karten nahezu die komplette zweite Halbzeit ohne ihren Abwehrchef und ohne ihren Spielmacher auskommen mussten, siegten sie souverän. „Ich bin natürlich superhappy. Ein Sieg in Kiel ist auch für uns nicht selbstverständlich“, sagte SCM-Trainer Bennet Wiegert stolz.

Alfred Gislason lobt die Arbeit der Magdeburger

In Magdeburg, sagt Bundestrainer Alfred Gislason, werde „eine überragende Arbeit geleistet. Sie haben die Breite und können jeden Spieler fast gleichwertig ersetzen“. Und so werden beim DDR-Serienmeister der 1980er-Jahre fast zwangsläufig Erinnerungen an den letzten Meistertitel 2001 wach. Ein Coup wie damals unter Gislason scheint nach dem Ausrufezeichen von Kiel plötzlich realistisch zu sein.

Von einer Verschiebung der Machtverhältnisse im deutschen Handball gen Osten will Füchse-Chef Hanning derzeit noch nichts wissen. „Es ist noch gar nichts entschieden. Ich kann mir vorstellen, dass es bis zum Schluss spannend bleibt“, sagt Berlins Geschäftsführer, dessen Team nach dem 30:22-Heimerfolg gegen TuS N-Lübbecke Kritik von Sportvorstand Stefan Kretzschmar einstecken musste.

Füchse empfangen Presov in der European League

„Ich hätte mir schon gewünscht, dass wir das Spiel nicht erst in der 45. Minute zumachen, sondern schon ein bisschen früher. Dafür hatten wir auch die Chancen und das muss auch unser Anspruch sein.“ Zwischen Leichtigkeit und Leichtfertigkeit liege oft nur ein Millimeter. Daher müsse das European-League-Spiel diesen Dienstag daheim gegen den slowakischen Klub Tatran Presov (20.45 Uhr/DAZN) von allen ernst genommen werden.

In der Liga genießen Magdeburger und Berliner dennoch den Moment. „Wir wollen die großen Favoriten aus Kiel und Flensburg weiter ein bisschen ärgern“, verspricht Bob Hanning.