Stuttgart/Berlin - Dieser Abend in Stuttgart hat beim 1. FC Union viele Verlierer hervorgebracht. Sie schlichen nach Abpfiff über den Rasen, zogen sich das Trikot vor das Gesicht und sprachen danach fatalistische Sätze. „Man hatte das Gefühl, dass alle einen Schritt zu spät kamen und Stuttgart ein Mann mehr war.“ Das sagte beispielsweise der in der 80. Minute ausgewechselte Kapitän Felix Kroos. „Das war nicht das, was wir uns vorgenommen haben.“

Es gab im Kreise der Berliner aber auch einen, der für seine Arbeit aus dem 1:3 wertvolle Schlüsse ableiten konnte: nämlich Helmut Schulte, der Leiter der Lizenzspielerabteilung. Als Sachverständiger hat er es wohl schon geahnt, jetzt wurde ihm noch mal deutlich vor Augen geführt, in welchen Bereichen der von ihm verantwortete Kader noch nicht erstklassig ist. 

Erstaunliche Präzision

Vorweg sei an dieser Stelle erwähnt, dass dies auch niemand im Verein behauptet hat. Mit erstaunlicher Präzision haben Schulte und Trainer Jens Keller das Leistungsniveau ihres Teams schon zu Saisonbeginn eingeschätzt. Das sei nämlich schlechter als das der beiden Absteiger VfB Stuttgart und Hannover 96 − und hoffentlich besser als das vom Rest.

Bislang ist genau das eingetreten, und ein Sieg am Freitag im Stadion An der Alten Försterei gegen Sandhausen vorausgesetzt, wird sich in zwei Wochen zeigen, ob Union wirklich besser ist als der Rest.

Dann steigt in Braunschweig das direkte Duell um Rang drei. Das Erreichen der Relegation wäre ein großer Erfolg, und vielleicht leistet Stuttgart mit einem Erfolg gegen Hannover am vorletzten Spieltag Schützenhilfe. So wäre gar der direkte Aufstieg als Zweiter machbar.

Vier Spiele, vier Siege

„Wir wollen aufsteigen, egal mit welcher Platzierung“, bekräftigte Kroos, als sein Kurzzeitfatalismus wieder dem Langzeitoptimismus Platz machte. Konzentration auf das eigene Wirken, der Anspruch: zwölf Punkte aus den vier abschließenden Partien.

Der Maßstab ist also perspektivisch die Bundesliga, und daher herrscht Handlungsbedarf. Im Zentrum konnten weder Kroos noch Damir Kreilach Akzente setzen, während Stuttgarts Alexandru Maxim das Tempo von Ball, Mitspieler und Gegner steuerte.

Noch auffälliger trat der Qualitätsunterschied auf den Außenverteidigerposten zum Vorschein. Zwei junge Leihspieler, Takuma Asano, 22, vom FC Arsenal, und Josip Brekalo, 18, vom VfL Wolfsburg, gaben Christopher Trimmel und Kristian Pedersen einen Vorgeschmack auf das Niveau, das sie im Aufstiegsfall erwartet.

Trimmel alternativlos

Hier muss Schulte nachbessern. Derzeit ist Trimmel, 30, alternativlos. Einmal wurde der Rechtsverteidiger verletzt ausgewechselt, das darauffolgende Spiel verpasste er. Beide Partien gingen verloren. Ansonsten spielte er immer 90 Minuten. Auf links wird Pedersen momentan vom Trainerteam durch vehementes Aufstellen in der Startelf zur Weiterentwicklung gezwungen.

 Gegen den Zweitliga-Rest erfüllen alle Unioner ihre Aufgaben meist mit den Prädikaten befriedigend bis sehr gut. Aber gegen Hannover und Stuttgart, die sich in der Rückrunde langsam in Bundesligaform spielen, fielen die Qualitätsunterschiede auf.

„Das Spielfeld war heute wahnsinnig groß“, stellte Zentrumsspieler Stephan Fürstner fest, „dadurch hatte der VfB im Mittelfeld Überzahl.“ 105 mal 68 Meter misst der Platz beim VfB − exakt die gleichen Maße wie an der Alten Försterei. Doch die gefühlte Größe hängt  von den Fähigkeiten des Gegners ab. Die Stuttgarter waren schneller, bissiger, technisch versierter.

Union verlassen

 Nur Simon Terodde überraschte mit einer anderen Sicht der Dinge. „Qualität entscheidet am Ende gar nichts, wir haben eine Topmentalität auf den Platz gebracht“, sagte der Torschütze und Vorlagengeber. Wahrscheinlich weil er plötzlich selbst ein Qualitätsmerkmal ist, seit er Union vor drei Jahren verlassen hat, und weil Qualität so verdächtig nach Wettbewerbsvorteil klingt.

Doch fällt sie nicht vom Himmel, sie ist individuell erarbeitet. Und natürlich muss sie entdeckt und bezahlt werden. Schulte weiß das seit vielen Jahren: „Das größte Problem beim Fußball sind die Spieler“, soll er mal gesagt haben. „Wenn wir die abschaffen könnten, wäre alles gut.“ Bis sich der Weltverband zu diesem Schritt entschließt, wird er an Unions Bundesligakader basteln. Wo es hapert, weiß er.