Aus Neukölln zur EM: Sprinterin Lisa Marie Kwayie will Leidenschaft wecken

Früher durfte Lisa Marie Kwayie nicht an Wettkämpfen teilnehmen. „Weil wir in die Kirche gegangen sind“, erinnert sich die 21-Jährige aus Neukölln, „meine Mutter wollte das so.“ Sie erzählt das mit einer Mischung aus Belustigung und Glück. Denn irgendwie sind ihr die Wochenenden ja heilig geblieben, obwohl sie die jetzt doch in Leichtathletikstadien und nicht wie ursprünglich gewünscht in Gotteshäusern verbringt.

Eines ihrer schönsten Wochenenden verbrachte sie gerade in Nürnberg. Dank ihrer Leistung bei den Deutschen Meisterschaften wurde sie nun vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) für die Europameisterschaft in Berlin nominiert. „Für mich ist es ein wahr gewordener Traum“, sagt sie. Für Deutschland zu laufen. „Vor allem, weil es bei mir zu Hause ist.“ Bei der DM hatte sie im 100-Meter-Sprint die Silbermedaille gewonnen, was ihr den Einzelstartplatz bei der EM einbrachte. In der 4x100-Meter-Staffel hat die Berlinerin mit Gina Lückenkemper, Tatjana Pinto und Rebekka Haase sogar Medaillenchancen.

„Ich rede mich nicht mehr klein“

Als Dreijährige kam Kwayie mit ihrem Vater aus Ghana nach Berlin, er fand eine neue Frau. Mit 13 fiel ihr sportliches Talent auf und sie begann bei den Neuköllner Sportfreunden zu trainieren. Obwohl sie im Nachwuchsbereich schnell Erfolge feierte und es in Berlin namhaftere Leichtathletikklubs gibt, ganz zu schweigen von den Sprinthochburgen fernab der Hauptstadt, kam es ihr nie in den Sinn, Neukölln den Rücken zu kehren. „Ich habe mich immer wohlgefühlt in dem Verein. Ich finde es cool, einen kleinen Verein zu repräsentieren und ihm ein Gesicht zu geben“, erklärt sie. Schon gibt es die ersten Kinder, die ihr nacheifern. „Ich hoffe, dass ich die Leidenschaft in ihnen wecken kann und sie dranbleiben“, sagt Kwayie.

Vor vier Jahren holte sie bei der U20-Weltmeisterschaft Bronze mit der 4x100-Meter-Staffel. Aufgrund von Verletzungen hatte sie danach jedoch den Anschluss an die Kolleginnen verloren, die es 2016 zu Olympia in Rio schafften. Jetzt ist Kwayie plötzlich wieder auf Augenhöhe. Souverän sprintete sie ins Finale, wo nur Gina Lückenkemper schneller war. „Ich rede mich nicht mehr klein“, sagt sie.

Ihren Trainer Frank Paul beeindruckt besonders, dass die Sprinterin ihre Lockerheit nie verliert und trotzdem die richtige Anspannung für die Wettkämpfe aufbaut. Dass diese inzwischen auch am Wochenende stattfinden dürfen, liegt daran, dass Kwayies Mutter bald merkte, wie gut die Tochter ist. „Und wie diszipliniert ich da rangegangen bin“, sagt die Silbermedaillengewinnerin. Während der EM wäre der Kirchenbesuch übrigens möglich. Die 100 Meter stehen gleich am 7. August auf dem Programm, einem Dienstag. Die Staffel wird zwar am Sonntag gerannt, aber erst am Abend.