Das hinterste Rasenfeld am Schenckendorffplatz, nach vorne abgeschirmt durch ein hohes Ballfangnetz und zu den Seiten eingezäunt, das ist der Arbeitsplatz von Rune Jarstein. Hier verbringt der Torhüter von Hertha BSC täglich mehrere Stunden im Training. Rechts dahinter führt ein kleiner Weg zum Olympiastadion, dem anderen Arbeitsplatz, dem spektakulären. Hier kann ein Torhüter vor Tausenden Zuschauern Sieg oder Niederlage seines Teams entscheidend beeinflussen. Eigentlich liegt zwischen den beiden Feldern nur eine Distanz von wenigen Hundert Metern. Für Jarstein war sie bislang unüberbrückbar – bis jetzt.

Wenn Hertha BSC am Dienstag um 20 Uhr den 1. FC Köln empfängt, wird Rune Jarstein wohl zu seinem ersten Einsatz im Olympiastadion kommen. Am Sonnabend stand er bereits in Wolfsburg zwischen den Pfosten, nachdem sich Thomas Kraft an der Schulter verletzt hatte und nicht weiterspielen konnte. „Rune ist in Wolfsburg gut reingekommen und hat ein paar Flanken sehr gut runtergeholt“, sagt Trainer Pal Dardai, der trotz der eher harmlosen Diagnose bei Kraft (Prellung) in der englischen Woche wohl kein Risiko eingehen wird. In Wolfsburg trug Jarstein jedenfalls mit zwei starken Paraden dazu bei, dass das Ergebnis nicht noch deutlicher ausgefallen war. „Es war gut, mal zu spielen, ich habe hart dafür gearbeitet“, sagt Jarstein.

Schon fast verabschiedet

Seit Januar 2014 steht der norwegische Nationalkeeper bei Hertha unter Vertrag. Jos Luhukay holte ihn von Viking Stavanger, um Kraft einen ebenbürtigen Konkurrenten zur Seite zu stellen. Allein, die Chance sich zu zeigen, bekam Jarstein bislang kaum. Das Spiel in Wolfsburg war erst sein dritter Einsatz für Hertha. Oftmals stand er gar nicht erst im Kader und verpasste in der vergangenen Saison knapp ein Drittel der Spieltage verletzungsbedingt: Fingerbruch, Rückenprobleme, Blessur.

Das passt nicht zu dem Jarstein, 30, der für seine Zeit in Stavanger folgende makellose Statistik vorzuweisen hat: 30 Startelfeinsätze bei 30 Spielen, Verletzungen: null. Vielleicht passt hier die These, dass unzufriedene Mitarbeiter eben häufiger krank werden, denn Jarstein, von dem Luhukay bei dessen Verpflichtung sagte: „Rune kommt nicht, um nur dabei zu sein“, wurde zu einem stillen Ersatzmann – und das nicht nur bei Hertha, sondern auch bei der norwegischen Nationalmannschaft, wo er seinen Status als Nummer eins auch deshalb einbüßte, weil er bei Hertha keine Spielpraxis sammelte.

In der Saisonpause stand daher auch ein Wechsel zur Debatte. Malmö FF hatte Interesse. Jarstein aber blieb, und zwar nicht zuletzt, weil im Sommer Zsolt Petry zu Hertha kam. Der Ungar übernahm das Amt des Torwarttrainers von Richard Golz. Petry weiß um die Anforderungen im modernen Fußball, und er hält viel von Jarstein: „Rune hat alle Voraussetzungen, die ein Torhüter heutzutage braucht. Er hat eine gute Strafraumbeherrschung, ist ein guter Fußballer und kann das Spiel lesen.“

Damit benennt Petry genau die Punkte, in denen Kraft seine Schwächen hat. Als mitspielender Torwart wird Herthas Nummer eins gern zum Unsicherheitsfaktor. Das war gerade in Wolfsburg wieder deutlich zu sehen, als Nicklas Bendtner ihm den Ball nach einem Rückpass einfach von den Füßen nahm und beinahe das 1:0 erzielte. Immer wieder waren Krafts mangelnde Strafraumbeherrschung und Spieleröffnung Thema bei Hertha. Da stellt sich die Frage, warum der zweite Torhüter, der diese Komponenten beherrscht und zudem laut Preetz auch „stark auf der Linie ist“, bislang keine Chance bekam. „Thomas hat einen Kredit, den er sich über die Jahre erarbeitet hat“, sagt Petry.

Zweifelsohne hat Kraft Hertha in den vergangenen Spielzeiten so manches Mal gerettet. Auch beim Saisonbeginn war er es, der mit zwei Paraden den Sieg in Augsburg festhielt. Die Frage ist nur, wo die Berliner hinwollen und welcher Torhüter für dieses Ziel besser geeignet ist. Jarstein jedenfalls sagt: „Mein Fokus liegt auf Dienstag. Ich will bereit sein, wenn meine Chance mal kommt.“