Ausgecoacht. Auf dieses einzige Wort lässt sich im Nachgang des ersten Bundesliga-Derbys zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC die Analyse des sportlichen Geschehens im Stadion An der Alten Försterei reduzieren. Dort Ante Covic, der Trainer der Verlierer, der schon während der Partie mitunter ziemlich verzweifelt wirkte, weil seine Mannschaft zwar ganz ordentlich verteidigte, aber in der Vorwärtsbewegung frei von Esprit und Durchschlagskraft war. Hier Urs Fischer, der Trainer der Sieger, der mit seinem blitzgescheitem Coaching dafür verantwortlich war, dass a) Covic so einen miserablen Abend erlebte und b) sein Team dagegen ein 1:0 (0:0) bejubeln durfte.

Zwei Derby-Siege und damit den klaren Gewinn der Stadtmeisterschaft hatte Covic den Anhängern der Hertha vor dem ersten Duell mit dem Stadtrivalen in Aussicht gestellt, am späten Sonnabendabend wollte er von dieser außerordentlichen Zielvereinbarung nichts mehr wissen. „Die Bundesliga besteht aus 34 Spieltagen, nicht nur aus einem“, gab er bei der Pressekonferenz in einer für ihn doch ungewohnten Kratzbürstigkeit zu verstehen, um dann mit einem Satz zu schließen, der wohl auch dem anwesenden Hertha-Präsidenten Werner Gegenbauer ob der damit zur Schau gestellten Dünnhäutigkeit nicht gefallen haben dürfte. „Ich will jetzt nicht böse klingen, aber kurz auf die Tabelle schauen: Wir sind immer noch vor Union.“

Ungewohnt unverblümt

Fischer wiederum konnte im Austausch mit den Medienvertretern von einer tiefgreifenden Überzeugung berichten. „Ich hatte zu keinem Punkt das Gefühl, dass wir das Spiel aus der Hand geben würden. Am Schluss waren wir auch ein bisschen glücklich mit dem Elfmeter, aber wir haben über 90 Minuten sehr viel aufgewendet, um als Sieger vom Platz zu gehen“, erklärte der Fußballlehrer aus der Schweiz, der in einer für ihn ungewohnten Unverblümtheit über die Kraft des Teamworks und der gelebten Solidarität einer Fußballmannschaft schwärmte, ja schließlich von einem hochverdienten Sieg sprach.

Da wagte keiner zu widersprechen, weil es den Unionern tatsächlich aufs Eindrucksvollste gelungen war, das Spiel der Hertha schon im Ansatz zu zerstören. „Frühes anlaufen“ nennt Fischer das, was im Verbund nur gelingen kann, wenn wiederholt Blaupausen zur Anwendung kommen können. Wenn das Trainerteam in Vorbereitung auf so eine Partie also wiederholt mögliche Szenarien durchspielt und den Profis Lösungsvarianten mit auf dem Weg gibt.

Da kam aufseiten der Blau-Weißen jedenfalls nichts ins Rollen, da kam immer wieder einer in Rot mit einem destruktiven Ansatz dazwischen. Robert Andrich vorneweg, der aber ja nicht nur von einer großen Lust am Zerstören, sondern auch von einer Gier nach der energischen Offensivaktion getrieben wird. Oder eben auch Christian Gentner, der aufgrund seiner Wettkampferfahrung doch ziemlich genau weiß, wie man die Vorgaben eines Trainers in die Praxis umsetzt beziehungsweise in so einer Ausnahmesituation wie diesem Berliner Stadtderby mit kühlem Kopf Akzente setzt. Der ehemalige Stuttgarter war es ja auch, der in der 85. Minute die Chance zur Spielentscheidung erkannte, nach dem gut getimten Finalpass von Joshua Mees den Abschluss suchte und dabei von Dedryck Boyata hart getackelt wurde. Schiedsrichter Deniz Aytekin erkannte dabei einen Regelverstoß, kam auch beim Studium der vom Videoassistenten in Köln zur Verfügung gestellten Bilder zu keinem anderen Schluss. Was Sebastian Polter die Möglichkeit einräumte, sich mit einem verwandelten Strafstoß zum siegbringenden 1:0 in den Annalen des Klubs zu verewigen.

Im Gegenzug hatte Covic einen letztlich untauglichen Matchplan entwickelt. Vedad Ibisevic und Dodi Lukebakio wussten sich in einem Zwei-Mann-Sturm nicht so recht zueinander zu verhalten, erhielten aber auch kaum Unterstützung aus dem Mittelfeld. Dort fehlte in Abwesenheit des gesperrten Vladimir Darida wiederum einer, der einerseits im Zentrum an der Seite von Marko Grujic Fleißarbeit verrichtet, andererseits als Verbinder zwischen den Mannschaftsteilen aktiv wird.

Covic hätte schon in der Halbzeitpause auf die spieltaktischen Nöte seiner Elf reagieren müssen, tat es aber nicht. „Es war nicht unser Spiel heute Abend. Es lag enormer Druck auf den Spielern, deshalb waren wir gehemmt“, befand er am Sonnabend noch viel zu lapidar. Am Tag darauf klang das aber auch nicht allzu überzeugend: „Mein Gefühl nach dem Derby? Um ehrlich zu sein, ich bin sehr genickt gewesen. Einfach beschissen. Das ärgert mich. Ich bin Berliner, ich bin Ur-Herthaner.“ Und die Sache mit der Taktik? Nun, Per Skjelbred und Marko Grujic hätten höher agieren müssen, monierte er. Zudem, dass „zu wenig Leute auf dem Platz“ gewesen wären, „die den Ball bekommen und eine Situation Eins-zu-Eins auflösen können“. Selbstkritik? Dazu fehlte ihm hoffentlich nicht nur der Mut.

Hertha muss gegen RB ran

Clever schlägt smart, Erfahrung schlägt Ehrgeiz, Trainerroutinier schlägt Trainernovizen. Oder: Aus wenig mach mehr als der andere, der viel mehr hat. Urs Fischer geht jedenfalls als ganz klarer Sieger aus dem Duell der Trainer hervor, darf darauf hoffen, dass seiner inzwischen allemal bundesligatauglichen Elf auch beim Gastspiel in Mainz am kommenden Sonnabend der nächste wichtige Schritt Richtung Klassenerhalt gelingt. Covic hingegen ist mit elf Punkten aus zehn Spielen weit hinter den Erwartungen zurück. „Wir werden versuchen, schnellstmöglich die Kurve in die richtige Richtung zu kriegen“, sagte er. Was am kommenden Spieltag freilich nicht so leicht werden dürfte. Am Sonnabend kommt nämlich RB Leipzig ins Olympiastadion, zu einer Begegnung, „wo keiner mit uns rechnet“, sagte Covic.