Berlin - Wer würde es wagen, den Ball abzufeuern? Wer würde die Verantwortung übernehmen in diesem wichtigen Auftaktspiel? Noch 17 Sekunden, 16, 15 bis zum Ende der Partie. Deutschlands Handballer lagen im ersten Spiel des Olympia-Qualifikationsturniers in der Berliner Max-Schmeling-Halle gegen Schweden mit einem Tor hinten. 24:25. Würde der Berliner Fuchs Fabian Wiede, der erst spät eingewechselt wurde, mit frischer Wucht und scharfem Auge aus dem Rückraum werfen? Nein. Er gab den Ball weiter. Noch 14 Sekunden, 13, die Zeit wurde knapper. Würde sich Julius Kühn, dieser schrankbreite Kraftbolzen mit der Hahnenkamm-Frisur und dem dicken Oberarm, trauen? Nein, er passte nach links. Die Uhr lief weiter rückwärts. Da flog Linksaußen Marcel Schiller mit dem Ball in der Hand in den Sechs-Meter-Raum. Er warf. Direkt durch die Beine des schwedischen Torhüters Andreas Palicka hindurch rauschte der Ball ins Netz. Ausgleich. 25:25. Die verbliebenen zwei Sekunden nutzten den Schweden nichts mehr.

Teamkollegen fallen über Marcel Schiller her

Deutschlands Handballer hatten also in letzter Minute gegen den WM-Zweiten Schweden einen Fehlstart in das Turnier abgewendet. Nach dem 25:25 (14:13) hat die Mannschaft von Trainer Alfred Gislason damit die Teilnahme an den Olympischen Spielen weiter in der eigenen Hand. Und wie erleichtert alle darüber waren, spürte Schiller, der nicht nur den letzten Treffer erzielt hatte, sondern mit fünf Toren auch bester deutscher Werfer war, schnell. Die Teamkollegen fielen über ihn her. Sie klatschten ihm auf den Rücken, den Bauch, die Frisur mit den hohen Geheimratsecken, sie drückten ihn. Und mit Torhüter Johannes Bitter feierte Schiller das Unentschieden mit einem Sprung Brust an Brust. „Am Ende war es vor allem: Kampf. Aber wir haben alles in der eigenen Hand“, sagte Torwart Johannes Bitter. „Es geht um sehr viel.“

Bundestrainer Alfred Gislason setzte überraschend den langjährigen Stammtorwart Andreas Wolff auf die Tribüne und gab den Routiniers Johannes Bitter und Silvio Heinevetter den Vorzug. Zudem wurde Aufbauspieler Juri Knorr nicht berücksichtigt. Die Skandinavier mussten kurzfristig auf ihren Top-Torschützen Hampus Wanne verzichten. Der Linksaußen vom SG Flensburg-Handewitt reiste aus persönlichen Gründen ab.

Die DHB-Auswahl war zu Beginn hellwach und geriet in der ersten Halbzeit nicht einmal in Rückstand. Die Abwehr mit den Kieler Rückkehrern Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold, die an der Weltmeisterschaft nicht teilgenommen hatten, stand weitgehend stabil. Dahinter sorgte Bitter mit einigen Paraden für zusätzliche Sicherheit.

Oft hieß die Endstation Palicka

Dennoch konnte sich das deutsche Team nicht absetzen, weil auch die Schweden in der Abwehr sehr kompakt standen und Torwart Palicka von den Rhein-Neckar Löwen eine starke Vorstellung bot. Lediglich einmal betrug der Vorsprung der DHB-Auswahl drei Tore – beim 11:8 in der 18. Minute.

Teammanager Oliver Roggisch konstatierte: „13 Gegentore – damit kann man erst einmal leben. Wir spielen ganz ordentlich und müssen nur die Tore machen.“

Doch es kam anders. Das DHB-Team geriet beim 14:15 (33.) erstmals in Rückstand, weil im Angriff zu viele Würfe vergeben wurden. Immer wieder war Endstation bei Palicka. Erst nach sechseinhalb Minuten gelang der erste Treffer in der zweiten Halbzeit.

Der Spielfluss aus der ersten Hälfte war nun weg und das Vertrauen in die eigene Stärke schwand mit jedem Fehlwurf. Beim 17:20 (43.) reagierte Gislason mit einer Auszeit und nahm sich seine Schützlinge verbal zur Brust. „Wir müssen jetzt mal langsam Ruhe hier reinkriegen“, forderte der alte Isländer. In der spannenden Schlussphase kam sein Team noch einmal zurück und wendete die drohende Niederlage noch ab.

Nun trifft die deutsche Mannschaft am Sonnabend (15.35 Uhr, ZDF) auf den EM-Vierten Slowenien und kann dabei mit einem Sieg den nächsten Schritt machen. Zum Abschluss geht es am Sonntag gegen Außenseiter Algerien. Die ersten beiden Teams des Vierer-Turniers fahren nach Tokio.