Berlin-Köpenick - Es waren schwere Vorwürfe, die das Online-Magazin Buzzfeed News am Dienstag gegen Mitarbeiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) des 1. FC Union erhob. Von „Mängeln im persönlichen Umgang von Mitarbeitern des NLZ mit einzelnen Spielern bis zur Unterstellung, dass neben sportlichen Kriterien auch die Herkunft der Spieler eine Rolle bei der Aufnahme ins NLZ bzw. bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit innerhalb des NLZ spielen soll“, war die Rede. Rassismus, brutaler Druck und Beleidigungen: Vorwürfe, die der Klub bereits am späten Montagabend zusammen mit dem Fragenkatalog der zwei recherchierenden Journalisten veröffentlichte und damit in die Offensive ging, ehe die Buzzfeed News dann am Dienstag ihren eigenen Text veröffentlichten. Doch wie sind die Vorwürfe einzuordnen?

Was konkret wird dem 1. FC Union vorgeworfen?

Die Recherche der Buzzfeed News hat drei Dimensionen. In der ersten werden anonym ehemalige Spieler des NLZ zitiert, die sich unzufrieden über die Art und Weise äußerten, wie sie im Verein behandelt wurden. Zwei Spieler sollen von anderen Vereinen als dem 1. FC Union über ihren Abgang informiert worden sein, ein türkischer U16-Nationalspieler soll direkt nach einem Testspiel in Moldawien zur U17 der Eisernen zurückbeordert worden sein, um dann beim B-Jugend-Spiel gegen Carl-Zeiss Jena doch über 90 Minuten auf der Bank zu sitzen. 

Die zweite Dimension beschäftigt sich mit Drucksituationen innerhalb der Nachwuchsabteilung des Bundesligisten. „Bei Union stand man unfassbar unter Druck, vor allem, wenn man verletzt oder krank war“, wird ein nicht namentlich genannter ehemaliger Nachwuchsspieler zitiert. Der Vater des Ex-Spielers nennt das Verhalten von NLZ-Cheftrainer André Hofschneider den Spielern gegenüber „menschlich grausam“, ein anderer Vater bezeichnet ihn als „Diktator“.

Auch in der dritten Dimension steht der frühere Zweitligatrainer der Eisernen im Fokus. Buzzfeed News wirft Hofschneider vor, deutsche Nachwuchsspieler gegenüber türkisch- oder arabischstämmigen zu bevorzugen. Das Medium beruft sich auf einen anonymen Brief an den Berliner Fußball-Verband (BFV), der das Wort „Ausländerquote“ beinhalte. Die Journalisten errechnen, dass die Quote von türkisch- oder arabischstämmigen Nachwuchsspielern beim 1. FC Union zuletzt von 40 auf 10 Prozent gesunken sei.

Wie reagierte der 1. FC Union?

Die Eisernen gingen am Montagabend in die Offensive, in dem sie eine Stellungnahme und ihre Antworten auf die von Buzzfeed News gestellten Fragen auf der Vereinshomepage veröffentlichten. Anlass dafür war ein geplatztes Gespräch mit den Journalisten, nachdem die den Fragenkatalog auch an den BFV und den Deutschen Fußballbund (DFB) verschickt hatten. Weil sich die Unioner vorverurteilt sahen, wurde das geplante Gespräch abgesagt und der Dialog öffentlich gemacht. In der Stellungnahme betonten die Eisernen, dass es das Ziel des Vereins sei, junge Fußballer so auszubilden, dass sie Profiniveau erreichen.

Dabei bekräftigten die Köpenicker: „Im Wissen um Chancen und Risiken im Leistungssport auf Topniveau liegt ein besonderes Augenmerk auf dem dualen Weg von Leistungssport und Schule. Nur sehr wenigen, der vielen Kinder und Jugendlichen, die mit Begeisterung Fußball spielen, gelingt am Ende tatsächlich der Sprung in den Profibereich. Die Vorbereitung auf den wahrscheinlichen Fall, dieses Ziel nicht zu erreichen, ist daher neben der fußballerischen Ausbildung ein Kernbereich der Arbeit mit den Spielern des NLZ.“ Die Rassismusvorwürfe konterte der Klub mit den in der Satzung festgeschriebenen Werten des Vereins: „Ein solches Vorgehen ist jedoch bereits durch die Vereinssatzung ausgeschlossen, gemäß derer der Verein ‚demokratischen und humanistischen Grundwerten verpflichtet‘ ist.“

Wie sind die Vorwürfe einzuordnen?

Die Vorwürfe zum generellen Umgang mit Spielern im Verein, die erste Dimension, ist zunächst mal ziemlich subjektiv. Es ist verständlich, dass Spieler darüber enttäuscht sind, wenn der Verein keine Zukunft mehr für sie sieht. Das ist im Nachwuchsfußball nicht anders als bei den Profis. Auch die Art und Weise der Kommunikation mag den einen stören, den anderen nicht. Der Verweis des Klubs, Spieler so ausbilden zu wollen, dass sie Profiniveau erreichen, zeigt auch, dass Druck, also die zweite Dimension der Vorwürfe, zum professionellen Fußball dazugehört. Es ist das eine, ob man den Sport als Hobby ausübt, mit Freunden im Verein oder einfach nur im Park. Und das andere, ob man zu einem von jährlich unter 50 Nachwuchsfußballern gehören will, die den Sprung aus irgendeinem NLZ in Deutschland in den Profibereich schaffen. Dazu gehört harte Arbeit, unglaublich viel Entbehrung und die Bereitschaft, demütig zu sein - zu sich selbst, seinen Mitspielern, seinem Verein. Es sei der „wahrscheinlichste Fall“, dass es die meisten nicht schaffen, schreiben die Eisernen. Und das ist okay, es ist Leistungssport auf potenziell höchstem Niveau.

Die dritte Dimension wiegt allerdings schwer. Zunächst mal ist es problematisch, wenn Mitarbeiter eines Vereins persönlich attackiert werden, ohne dabei konkrete Beweise dafür offenzulegen. Buzzfeed News schreiben von „zahlreichen ehemaligen Spielern“, nennen aber keinen einzigen. Aus Quellenschutz, heißt es. Das ist journalistisch korrekt und auch redlich, dennoch fehlen dann weiterhin konkrete Beweise für die schweren Vorwürfe an André Hofschneider und sein Mitarbeiterteam und es stellt sich die Frage, ob man sie dann aussprechen darf. Und was ist eigentlich mit der Unschuldsvermutung, die bei den Eisernen in diesem Jahr schon einmal außer Acht gelassen wurde, als Florian Hübner im Januar 2021 im Spiel gegen Bayer Leverkusen nachweislich falsch einer rassistischen Beleidigung bezichtigt wurde? Warum gehen die Journalisten von Buzzfeed News mit der konkreten Erwartung an die Arbeit, beim 1. FC Union im Allgemeinen und bei NLZ-Cheftrainer André Hofschneider im Speziellen müsse etwas faul sein? Warum nehmen Menschen in den sozialen Netzwerken diese Vorwürfe ungeprüft als gegeben hin und kommentieren feixend: „Tja, ist der Kultklub doch nur ein ganz normaler Fußballverein.“?

Noch absurder mutet dabei der neuerliche Rassismusvorwurf gegen die Köpenicker an. Dass die Quote von türkisch- und arabischstämmigen Spielern von 40 auf 10 Prozent gefallen sei, ist eine Rechnung, deren Sinn komplett offen bleibt. Was soll sie darstellen? Warum wiegt die Verpflichtung türkisch- und arabischstämmiger Spieler schwerer als die von Nachwuchskickern mit griechischem, ivorischem, US-amerikanischem oder kosovarischem Migrationshintergrund? Welche Quote wäre nach Meinung von Buzzfeed News „okay“, nicht der Vorwürfe wert?

Ein Vater wird mit den Worten zitiert: „Wo sind die Schwarzhaarigen? Die Kinder wurden behandelt wie auf dem Schrottplatz. Jetzt siehst du da nur Deutsche. Wir sind auch Deutsche. Wir haben einen deutschen Pass. Aber wir sind schwarzhaarig. Da sind wir trotzdem Ausländer.“ Doch in jeder Nachwuchsmannschaft der Eisernen finden sich zahlreiche Spieler mit Migrationshintergrund, ob schwarzhaarig, braunhaarig, hell- oder dunkelhäutig. Die Nachwuchsmannschaften des Klubs sind ein wunderbarer Querschnitt Berlins, Deutschlands und auch Europas. Dem Verein und im Speziellen André Hofschneider auf Basis anonymer Aussagen Rassismus zu unterstellen, ist, so lange es keine konkreten Beweise dafür gibt, haltlos.