Melbourne - Hätte er gewusst, wie viele Leute ihm diesen Sieg gönnten, dann wäre es am Ende vielleicht ein kleines bisschen leichter gewesen. Aber er schaffte es allein, mit der Kraft seiner positiven Gedanken, mit dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen, und mit einer Standfestigkeit, die man nur bewundern konnte.

Stanislas Wawrinka, den die Schweizer vor kurzem zum Mann des Jahres gewählt hatten, besiegte Novak Djokovic in einem faszinierenden Spiel (2:6, 6:4, 6:2, 3:6, 9:7), das wie die letzten großen Begegnungen bei den US Open und in Melbourne vor einem Jahr fünf Sätze brauchte und auch diesmal leuchtete wie ein Silvesterfeuerwerk. Es war die erste Niederlage des Serben in der Rod Laver Arena nach 25 Siegen und drei Titeln in vier Jahren, und der gab hinterher zu, er habe nichts tun können, um sie zu verhindern. „Er hat den Sieg verdient. Ich habe alles versucht und alles gegeben.“

Wie Houdini

Die Freude über Wawrinkas Sieg, die nach vier kühlen, ereignisreichen Stunden auch unter den 15.000 Zuschauern in der Arena zu spüren war, hing vor allem mit den Erinnerungen an die mehr als fünf Stunden dauernde Partie vor einem Jahr zusammen, die der Schweizer unglücklich verloren hatte, aber auch mit der Partie im Halbfinale der US Open. In New York hatte Wawrinka bereits das Gefühl gehabt, der bessere Mann gewesen zu sein, aber Djokovic hatte sich wie Houdini aus der Umklammerung befreit. Nun, der Serbe ist zwar inzwischen nicht mehr die Nummer eins – er wurde im Oktober von Rafael Nadal abgelöst – aber ihn in fünf Sätzen zu besiegen ist nach wie vor eine Aufgabe, für die man gewaltige Ausdauer und die mentale Stärke braucht.

Zumal nach einem nicht besonders gutem Beginn; nach einer Dreiviertelstunde hatte Wawrinka den ersten Satz verloren und sah sich erneut Breakbällen gegenüber, doch er wehrte sie ab, gewann dabei Ruhe und Sicherheit, und von diesem Moment an spielten die beiden bis zum Ende auf einem Niveau.

Wawrinka ging in Führung, lag mit 2:1 Sätzen vorn, doch ebenso wie vor ein paar Monaten in New York schaffte es Djokovic zunächst mal, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Angefeuert von seinem Coach Boris Becker, der immer wieder demonstrativ vom grünen Plastiksitz in der ersten Reihe aufstand, um seinen Mann für alle sichtbar zu unterstützen, schnappte sich Novak Djokovic den vierten Satz; angesichts des markerschütternden Schreis, den er danach losließ, musste man sich um die Stabilität der Flutlichtmasten im nahen Cricket-Stadion Sorgen machen.

Eine Art, die man nicht kennt

Doch Stanislas Wawrinka, der im vergangenen Jahr unter die Top Ten zurückgekehrt war und der sich mit den beiden großen Spielen gegen Djokovic ebenso großen Respekt verschafft hatte, ließ sich nicht abschütteln. Und je länger dieser entscheidende Satz dauerte, desto deutlicher wurde, dass der Titelverteidiger bisweilen leichte Aussetzer hatte. Wawrinkas Zuversicht schien dagegen nicht zu erschüttern zu sein, getragen und geleitet von einer Serie verlässlich guter, erstklassiger Aufschläge.

Das Ende kam nach genau vier Stunden auf eine Art, die man nicht von Novak Djokovic kennt. Mit einem missglückten Vorhand-Volley schenkte er Wawrinka den Matchball, und mit missglücktem Serve-und-Volleyspiel endete die Partie. In Windeseile erschien er danach in einer schwarzen Trainingsjacke zur Pressekonferenz und präsentierte sich als fairer Verlierer, der lobte und feststellte, Wawrinka habe den Sieg ohne Zweifel verdient. Den ersten Sieg übrigens in 15 gemeinsamen Spielen seit 2006.

Wie er die Bilanz der Zusammenarbeit mit Boris Becker sieht? „Na ja“, meinte Djokovic, „das war ja das erste offizielle Turnier für uns. Ich bin zufrieden mit den Dingen, an denen wir gearbeitet haben, und natürlich ist es unglücklich, dass wir im Viertelfinale ausgeschieden sind. Aber wie gesagt, die Saison hat gerade erst angefangen, und wir werden sehen, was als Nächstes kommt.“

Das ist für Stanislas Wawrinka leichter zu erkennen. Am Donnerstag wird er im Halbfinale gegen Tomas Berdych spielen, und nach einem Blick auf die Bilanz zu seinen Gunsten (8:5) muss man sagen: Da steht es um seine Aussichten, zum ersten Mal in seiner Karriere das Finale eines Grand-Slam-Turniers zu erreichen, nicht schlecht.

Aber interessant ist auch ein anderer Aspekt: Erreicht Roger Federer in Melbourne nicht mindestens das Finale, dann wird Wawrinka nach dem Ende des Turniers in der Weltrangliste zum ersten Mal der beste Schweizer sein. Wie er diese Aussicht findet? Das bedeute gar nichts, sagte er, das seien nur Zahlen. „Für mich wird Roger immer der Beste sein.“