Berlin - Den schwersten Job in diesem Moment hat Markus Flemming, auch wenn es erst mal nicht so aussieht. Er betritt als Zweiter den Presseraum. Vor ihm geht Peter John Lee, der Manager des EHC Eisbären Berlin, der zunächst auch als Erster von beiden redet, nachdem er Platz genommen hat vor einer Hand voll Journalisten, die an diesem Freitagnachmittag in die Arena am Ostbahnhof gekommen sind. Markus Flemming darf eigentlich gar nicht reden in diesem Moment, das macht seinen Job so schwer.

Flemming ist Diplompsychologe, in dieser Funktion betreut er die Profis der Eisbären. Also auch Constantin Braun. Der 25 Jahre alte Nationalspieler hat am Freitag der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass er unter Depressionen leidet. Dass er deswegen seine Laufbahn beim Berliner Klub der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) bis auf Weiteres ruhen lässt. In der dazu verbreiteten Erklärung heißt es, Braun befinde sich in medizinischer Behandlung außerhalb Berlins. Markus Flemming sagt, dass er dazu nichts sagen kann. Nur so viel: „Es ist nicht richtig, dass Sportler von dieser Krankheit öfter betroffen sind als andere. Depressionen treten genauso unter Künstlern und in anderen Berufsgruppen auf.“ Jeder fünfte Deutsche leide unter Depressionen.

Damit ist das Problem für Fleming an diesem Nachmittag aber noch nicht gelöst. Unter welcher Art von Depression leidet nun Constatin Braun, wird er im Presseraum gefragt, und kann doch nur antworten, dass er an seine Schweigepflicht gebunden ist. Ganz generell gibt er zu bedenken, dass die Wissenschaft viele unterschiedliche Formen Verläufe kennt und längst nicht alle Ursachen erforscht seien.

Meist bahnt sich eine Depression über einen längeren Zeitraum an. Symptome nehmen die Mitmenschen zunächst oft nicht wahr. Mancher versucht durch Aktionismus sein Problem zu kaschieren, wirkt deshalb überdreht. All das will und kann der Psychologe Flemming in diesem Moment nicht erzählen.

Also springt Lee ein, der ehrlicherweise zugibt, jetzt in der Arena zu sitzen, um nicht am Telefon „tausend Mal“ die gleichen Fragen beantworten zu müssen. Der Manager sagt, dass Braun bereits seit einigen Jahren an der Krankheit leidet. „Vor drei, vier Wochen ist er dann zu mir gekommen“, berichtet Lee. „Wir haben seitdem viel miteinander geredet.“ Die Entscheidung, sich der Öffentlichkeit zu erklären, sei schließlich von dem Offensivverteidiger selbst gekommen. „Das ist sehr mutig“, sagt Peter John Lee. Und: „Das ist sehr positiv.“

Botschaft an Medien und Fans

Auch der 57-Jährige erzählt nicht viel. Aber dass er überhaupt an diesem Nachmittag gemeinsam mit Flemming zu einer Pressekonferenz geladen hat, sagt schon genug. Der ehemalige Stürmer und seine Entourage gehen in die Offensive. Für den kommenden Dienstag haben die Eisbären die Berliner Presse zum Trainingsauftakt in den Wellblechpalast gebeten. Wäre Constantin Braun nicht aufgelaufen, hätte dies zwangsläufig Fragen nach sich gezogen: Ist er verletzt? Wie lange wird er ausfallen? Wird der Klub einen Ersatzmann nachverpflichten?

Diese Frage kommt auch am Freitagnachmittag. Lee sagt: „Wir haben gute junge Spieler, für die es eine Gelegenheit ist, ein bisschen mehr Eiszeit zu bekommen. Wir stehen nicht vor den Playoffs.“ Der Titelverteidiger in der DEL hat keinen Druck, soll das wohl heißen. Druck auf Constantin Braun übt er ohnehin nicht aus. Auch das soll die Pressekonferenz klarmachen: „Es gibt für uns nur eins“, sagt Lee: „Dass er in der Eisbären-Familie bleibt. Dass er wieder gesund wird. Und dass jeder weiß, wie er mit dieser Situation umgeht.“ Dass sich also auch Fans und Medien ihrer Verantwortung bewusst werden.

Irgendwann fällt dann ein Satz, der die Überschrift für die Pressekonferenz der Eisbären sein könnte, vielleicht sogar die für ihren Umgang mit Constantin Braun. „Jeden kann diese Krankheit treffen, doch mit entsprechender Hilfe kann jeder von dieser Krankheit geheilt werden.“ Vielleicht hat Peter John Lee das gesagt. Vielleicht Markus Flemming. Hinter den beiden hängt an der Wand ein großes Foto. Es zeigt ein Spiel der Eisbären in der Arena am Ostbahnhof. Die Ränge voll besetzt, schemenhaft sind die Fans zu erkennen. Unten auf dem strahlend weißen Eis sehen die Berliner Profis aus wie winzige Spielzeugfiguren.