Sollten Sie jemals das Vergnügen haben, Jason kennenzulernen, dann gibt es da ein paar Dinge, die Sie wissen und beachten sollten. Damit es keinen Ärger gibt. Und ärgern will sich Jason ja auch nicht. Er tut es trotzdem ziemlich oft. Er kann eben nicht anders.

Erstens: Zur Begrüßung wird Jason nicht Hallo sagen, weil er niemals Hallo sagt. Das ist keine Erziehungsfrage und keine des Anstands, sondern eine Regel, die einer Logik folgt, der sonst niemand folgen kann. Jason nennt es: die besondere Logik. Er ist nun mal ein besonderer Junge.

Zweitens: Jason wird Ihnen nicht die Hand reichen, da er Berührungen schon mal als körperlichen Angriff auffasst. Er kann leicht aggressiv werden. Geschlagen hat er sich aber noch nie.

Drittens: Ein Lächeln wird Sie nicht weiterbringen, weil Mimik eine Sprache ist, die Jason nicht versteht. Gilt übrigens auch für Gestik. Er könnte deshalb nicht unterscheiden, ob Sie gut oder schlecht gelaunt sind. Ärger könnte es also geben, wenn Jason das Gefühl hat, Sie würden über ihn lachen. Doch das ist mit den Jahren besser geworden.

Jasons Regeln

Viertens: Sollten Sie sich über all das wundern und während des Treffens unsicher werden, achten Sie bitte stets auf eine korrekte Deklination und versuchen Sie lieber erst gar nicht, eine ironische oder irgendeine andere doppeldeutige Bemerkung zu machen. Jason kann es nämlich nicht leiden, wenn jemand Akkusativ und Dativ verwechselt, so wie seine Oma, die auch noch den Imperativ falsch benutzt: „Die Befehlsform von essen wird mit einem I gebildet!“ Ironie versteht er ebenfalls nicht. Man muss die Dinge, die man sagt, doch so meinen – oder etwa nicht?

Daher, und das reicht erst mal, fünftens: Jason sagt alles immer so, wie er es meint.

Falls Sie etwa übergewichtig sein sollten oder eine andere physiognomische Auffälligkeit aufweisen, wird er Sie wahrscheinlich damit konfrontieren. Weil er ja nur die Wahrheit sagt. Dass es verletzend sein könnte? Das sieht er nicht ein. Andererseits hätte Jason auch nichts dagegen, wenn Sie ihn auf seine Besonderheit ansprechen sollten. Sie können sogar ruhig Behinderung sagen.

Das ist schließlich auch die Wahrheit. Und überhaupt keine schlimme. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Persönlichkeit. Der Quell seiner Logik. Jason sagt: eine Behilflichkeit. Gäbe es ein Medikament, das ihn heilen könnte – er würde es nicht nehmen. Er denkt, dass es nichts gibt auf der Welt, das er nicht schaffen könnte, nur weil er am Asperger-Syndrom erkrankt ist. Jason ist Autist.

Das sollten Sie natürlich auch noch wissen: Jason ist zwölf Jahre alt, er wohnt seit der Diagnose, die nur noch eine Bestätigung war, in Nordhessen. Er war damals noch keine vier, ein Junge, der im Kindergarten aus dem Fenster starrte und laut Autokennzeichen vorlas. Nachdem die Ärzte das Wort Autismus ausgesprochen hatten, mussten seine Eltern diese sinnfreien Klischees von wippenden oder Streichhölzer zählenden Menschen loswerden.

Die Suche nach dem Lieblingsverein

Sechstens: Das sollten Sie unbedingt auch tun.

Jason interessiert sich für Züge, weil sie das ökologischste Fortbewegungsmittel sind, daher auch für Bahnhöfe und Fahrpläne. Er mag ungewöhnliche Wolkenformationen, die in seiner Fantasie Bilder entstehen lassen. Er mag schwarze Löcher und weiß, warum Wasserstoff das häufigste und leichteste Element im Universum ist. Er kann erklären, warum es bei uns Orkane, aber keine Hurrikans geben kann. Eines Tages will er Wissenschaftler werden. Es gibt keinen Grund, an diesem Lebensentwurf zu zweifeln.

Umweltschutz ist sein großes Thema. Und dann eigentlich alles, was mit der Zukunft unserer Gesellschaft zu tun hat. Er sagt: „Man sollte unser komplettes Wirtschaftssystem, das nur auf Wachstum beruht, überdenken. Wir sollten Risiken eingehen, um die sonst unausweichlichen Katastrophen wie den Klimawandel aufzuhalten.“

Jason weiß bereits mehr als einige seiner Lehrer, die ihn schon mal den Unterricht leiten lassen. Er ist dabei sehr missionarisch, er kann aber auch sehr anstrengend sein. Sagt sein Vater. Sagen seine Mitschüler, die wissen, dass Jason anders ist als sie und dass es Regeln geben muss in der Klasse, seine Regeln. Und sie müssen wissen, dass Verstöße zu Aufregung und Ausrastern führen können. Eine wichtige Regel lautet: Er muss am Fenster sitzen, direkt an der Heizung, die nur er regulieren darf. Nur für sich.

Die Wochenendrebellen

Dann ist da noch der Fußball. Und damit ging die Geschichte los, die Jason und Mirco von Juterczenka, Jay-Jay und seinen Papsi, ein bisschen berühmt gemacht hat. Weshalb es gar nicht so unwahrscheinlich ist, dass Sie Vater und Sohn einmal treffen könnten. Im Stadion vor allem oder auf ihrer Lesereise, die sie vor zwei Wochen auch nach Berlin führte. „Wir Wochenendrebellen“ heißt ihr Buch. Und sie rebellieren gegen „unser daheim sehr starres aber notwendiges Regelwerk mit einem neuen Regelwerk“.

Siebtens: Sollten Sie das Buch lesen, werden Sie darin viel über Autismus erfahren. Aber Sie werden nur einen einzigen Autisten kennenlernen.

Die Idee war folgende: Mirco von Juterczenka wollte mehr Zeit mit Jason verbringen, beruflich bedingt ging das nur am Wochenende. Und da sich ein Stadionbesuch wunderbar mit einer langen Zugfahrt kombinieren lässt, fuhren sie los. Es begann die Suche nach einem Lieblingsverein für Jason, es begann ein Abenteuer, dessen Ausgang offen war und wahrscheinlich immer offenbleiben wird. Denn eigentlich kann kein Verein alle Kriterien erfüllen, die Jason aufgestellt hat.

Sein Verein muss ökologisch sein wie der FSV Mainz 05, muss über Stadiontoiletten wie der VfB Stuttgart verfügen, die es ihm ermöglichen beim Pinkeln auf das Spielfeld zu schauen, und auf den Tribünen muss Unkraut wachsen wie beim 1. FC Saarbrücken. Sollte eine Mannschaft vor dem Anpfiff einen Motivationskreis bilden, ist sie raus. Wird Jason zum Kindertarif ins Stadion gelassen, ist es schon vorbei. Die Vereinssuche war zunächst auf die ersten drei Ligen in Deutschland beschränkt. Sie musste aber schnell um die vierte und im vergangenen Sommer auch um Osteuropa erweitert werden.

Vielleicht ist Jason der anspruchsvollste Fan der Fußballwelt geworden. Schon am Anfang hatte er ja die kritischsten Fragen: „Warum versteckt sich nicht einfach einer mit einem Ball hinterm Tor und schießt dann heimlich rein, wenn der Torwart nicht hinschaut? Warum gibt es nur eine Halbzeit und keine Vollzeit?“

Und vielleicht ist Jason tatsächlich ein Rebell. Aber überzeugen Sie sich doch selbst. Lesen Sie Achtens seinen Blog und hören Sie seinen Podcast. Sie werden die Welt durch seine Augen sehen. Eine Wolke ist nicht immer nur eine Wolke.