Das Bild spiegelt die wahre Geschichte dieses Boxabends wieder: Axel Schulz jubelt nach dem Schlussgong, George Foreman ist ein geschlagener Mann. 
Foto: Sven Simon/Imago Images

BerlinWegen des Jubiläums gegen George Foreman haben in den vergangenen Tagen viele Reporter bei Axel Schulz in Frankfurt/Oder angerufen, die wenigsten sind dabei wohl auf das Thema "Rülpsen" gekommen. Es war auch im Gespräch mit der Berliner Zeitung nur ein Nebenaspekt, ein amüsanter aber immerhin. „Dass jetzt 'ne sportfreie Zeit ist, spielt mir ja in die Karten“, sagt der frühere Boxer. „Es ist erschreckend, dass das mit Foreman schon 25 Jahre her sein soll.“ Während des Telefongesprächs bekommt er Fotonachrichten auf sein Handy geschickt. „Boah, klasse, freut mich“, sagt er unvermittelt. „Dit is ja cool.“ Es geht eigentlich um das Box-Spektakel in Las Vegas gegen Schwergewichts-Weltmeister George Foreman im April vor 25 Jahren. Aber Freunde, von denen Schulz länger nichts gehört hat, haben ihm gerade Bilder von Bierflaschen geschickt.

Nicht von irgendwelchen Bierflaschen, sondern von Axels Bier, das „Schuuulz“ heißt und seit zwei Wochen in Berlin  im Getränkehandel verkauft wird. „Pass uff, ich schick die Fotos mal weiter“, sagt Schulz.

Schulz vermarktet sich mit Bier und Grillgut

Die Zeichnung auf dem Etikett zeigt den früheren Boxer mit Schirmmütze, Handschuh, und dem rechten Daumen an der Stirn.   Es passt zu Axel Schulz, diesem 1,91-Meter-Kerl mit dem verschmitzten Grinsen, der immer noch als jugendlich rüberkommt, dass er den Gag mit dem Rülps-Trink-Spiel aus den Achtzigerjahren eingebaut hat. Das Schuuulz, das Rülpsen und das Vor-den-Kopf-Hauen   als Label sei seine Idee gewesen, sagt er. Und: „So ein normales Etikett und so ein normaler Name wie Axels Pils, nee“, habe er zu den Marketingleuten gesagt: „Wer soll’n die Scheiße kaufen?“

Die Geschichte ist typisch für Axel Schulz, die Geschichte, wie er zum eigenen Pils aus einer kleinen Brauerei gekommen ist, auch. Sie beginnt beim Abendessen mit Dietmar Woidke und dem Stab des Brandenburger Ministerpräsidenten im Brauhaus. Beim Quatschen sei es darum gegangen, dass es   Spargelköniginnen gebe, Weinköniginnen, Schulz sagte: „Und hier ist euer Bierkönig.“

Kurz darauf wurde er Brandenburgs erster Bierbotschafter. Er absolvierte in Templin einen Braukurs. Und weil Schulz ohnehin seit einiger Zeit eigene Grillsaucen, Grillfleisch von Tönnies und sich selbst als Grillmeister („Ick bin käuflich“) vertreibt, dachte er: „Beim Grillen brauchste Bier zum Ablöschen und zum Durstlöschen. Ein eigenes Bier zu haben, ist ja der Traum von jedem Mann.“

Ein authentischer Typ

Tatsächlich gibt es zu vielem, was Axel Schulz in den 51 Jahren seines bisherigen Lebens angepackt hat, eine gute Geschichte, vermutlich weil Schulz   ein   guter Typ ist, authentisch zumindest.     Und wenn man so will, fängt das öffentliche Interesse an den Geschichten dieses berlinernden Brandenburgers aus Bad Saarow mit dem Kampf gegen George Foreman am 22. April 1995 im MGM Grand   Hotel & Casino von Las Vegas an.

Die IBF war bestechlich."

Jean-Marcel Nartz

Foreman war zu diesem Zeitpunkt schon eine Legende. Der Texaner hatte   epochale Schwergewichtskämpfe geliefert – gegen Joe Frazier und Ken Norton, vor allem aber 1974 beim Rumble in the Jungle in Kinshasa. Den Kampf des Jahrhunderts verlor er gegen Muhammad Ali. Nach langer Pause und Comeback hatte er 1994 den WM-Titel gegen Michael Moorer zurückerobert.   Für die freiwillige Titelverteidigung suchte Foreman nun, im Alter von 46 Jahren, ein   passendes Opfer.

„Das Opfer brauchte eine Story“, meint Jean-Marcel Nartz, der damals Matchmaker bei Wilfried Sauerland war, für den nicht nur Schulz, sondern auch Henry Maske boxte.

Unter die besten Zwölf geschummelt

Teil eins der Story lieferte der 26 Jahre alte Deutsche mit seinem Sieg über James Bonecrasher Smith, der in den USA Schlagzeilen machte. Teil zwei hatte mit der US-Sitcom Hogan’s Heroes zu tun. „Dort waren amerikanische Soldaten die Helden, deutsche Soldaten die Blöden. Besonders blöd war ein General, groß, breitschultrig, blauäugig: Sein Name: Sergeant Schultz“, erzählt Nartz.     Daraus ließ sich für die Medien was machen, eine prima Geschichte: Schulz als perfektes Opfer.

Allerdings musste  der Deutsche, der erst seit fünf Jahren Profi war, beim Box-Weltverband IBF für einen WM-Kampf   unter die besten Zwölf der Weltrangliste geschummelt werden. „Die IBF war bestechlich“, sagt Nartz, „ich musste bei der Dresdner Bank in Düsseldorf 100 000 Dollar holen. Die habe ich Sauerland gegeben. Der hat sie Cedric Kushner aus Foremans Management weitergegeben. Kushner gab das Geld wiederum an Bobby Lee, den Präsidenten der IBF weiter, der später wegen Bestechlichkeit im Gefängnis war.“

Lee bugsierte Schulz in die Top Zwölf der Weltrangliste, zuvor hatte er sich bei Nartz versichert, ob der Kerl denn länger als zwei Runden stehen würde.   „Sauerland hatte es eingetütet, mit Bestechung. Mit gutem Willen erreichste ja im Profiboxen nichts“, meint Schulz. Sauerland fragte ihn damals am Telefon, ob er das machen würde, gegen Foreman boxen. „Da habe ich mich mit meinem Trainer Manfred Wolke hingesetzt, hab Videos geguckt, und wir haben gesagt: Eigentlich müsste der Foreman zu schlagen sein.“ So tüftelten sie in der Trainingshalle hinter dem Güterbahnhof die Taktik aus.

Nachfolger von Max Schmeling

Foreman hatte sich einen Gegner ausgesucht, der kein Puncher war. „Hey, mein Sohn, trink deine Milch“, rief er ihm im Fernsehen zu. Nartz hatte dafür gesorgt, dass knapp 100 Journalisten aus Ostdeutschland akkreditiert wurden. Sie fotografierten Las Vegas, die Spielhallen, die Slotmachines mit Polaroidkameras. Laserlicht in Pink, Gelb und Grün zerschnitt das Dunkel der Halle im MGM Grand.

Wir waren uns sicher, dass Axel gewonnen hat.“

Jean-Marcel Nartz

RTL war dabei, das Profiboxen im wiedervereinigten Deutschland als große Geschichte zu präsentieren. Maske war zwei Jahre zuvor Profiweltmeister geworden. Der legendäre Ringsprecher Michael Buffer, der damals noch schwarze Haare hatte,   rief auf Deutsch ins Mikrofon: „Meine Damen und Herren, aus Frankfurt, Oder, Deutschland, Axeeel Schuuulz.“ Buffer warf den Namen von   Henry Maske in den Ring und „die 89 Jahre alte lebende Legende Max Schmeling, die 7 000 Meilen entfernt“ in Deutschland das Schwergewichtsduell am Fernseher verfolgen würde. Axel Schulz konnte an diesem Abend der Nachfolger von Max Schmeling werden.

Die Halle war voll, 17 000 Menschen. In Frankfurt hatten sich hunderte Boxfans im Oderturm versammelt. Das Einkaufszentrum   zeigte den Kampf auf einer Videoleinwand. Die Übertragung in Deutschland lief morgens um fünf Uhr, vier Millionen Menschen starrten auf die Fernsehgeräte.

Ein großer Kampf

Schulz boxte wie einer, der 20 Jahre jünger als sein Gegner ist, boxen muss. Er war schneller, wendiger als Foreman, hatte mehr Kondition. Er holte sich unerschrocken Runde für Runde, steckte ein, wich aber den Fäusten von Big George, hinter denen noch immer gefährliche Kraft steckte, meist geschickt aus.

Über Foremans rechtem Auge wölbte sich   schon eine riesige Beule, die kein Glätteisen der Welt   hätte wegbügeln können. „Ruhig, Axel, ruhig“, beschwichtigte   Trainer Wolke in den Rundenpausen. „Großer Kampf von Axel Schulz, großer Kampf“, rief der Fernsehmoderator.

Je länger der Kampf dauerte, desto besser fühlte sich Schulz, denn die Taktik vom Frankfurter Güterbahnhof ging im glitzernden Spielerparadies auf. „Wenn du in den Kampf rin gehst und gleich versuchst, auf Biegen und Brechen durchzukommen, bei jemandem, der ’ne K.-o.-Quote von 80 Prozent hat, wäre das schwierig. Wir haben gesagt, dass ich auf die Schnelligkeit gehe, auf die Länge der Runden, über die Zeit komme und hinten raus noch ’ne Schippe drauflege. Ist alles aufgegangen.“

Die Amerikaner in der Halle merkten, dass der Weltmeister wackelte, dass Foreman weiter Treffer zum Kopf kassierte. „Die letzten beiden Runden riefen 16 000 Amis USA, USA, sieben Minuten ging das so. USA, USA. Wenn ich daran denke, stehen mir jetzt noch die Haare zu Berge“, erzählt Matchmaker Nartz, „wir waren uns sicher, dass Axel gewonnen hat.“

Zweimal betrogen

Nach dem Schlussgong der zwölften Runde riss der junge Mann aus Brandenburg die Arme hoch.   Foreman senkte den Kopf. Dieses Bild symbolisierte die wahre Geschichte dieses Duells. Aber die Punktrichter kamen zu einem anderen Ergebnis: einer wertete unentschieden, zwei sahen Foreman mit einer Runde vorn. „Beschiss“, schimpfte Nartz damals am Ring. Noch heute findet er: „Es war eines der größten Skandal-Fehlurteile der Schwergewichtsgeschichte.“ Schulz sagt, klar sei er enttäuscht gewesen. „Aber wenn du im Amerika gegen so ’ne Legende boxt, musst du ihn halt umhauen. Das hab ich nicht geschafft.“

Es war eines der größten Skandal-Fehlurteile der Schwergewichtsgeschichte.“

Jean-Marcel Nartz

Nach dem Kampf saß er im MGM Grand beim Dinner. Heiner Lauterbach aß mit. Schulz wollte weiter, ins Hotel, in dem Freunde aus Frankfurt, Berlin, ganz Deutschland auf ihn warteten. „Ich bin dann an den Taxistand. Der Fahrer hat immer in den Rückspiegel geguckt. Ich dachte, ach du scheiße, der will dich jetzt entführen. Als wir am Ziel waren, hat er gesagt: ‚Du brauchst nichts bezahlen, dich ham se gerade betrogen. Eigentlich wärst du jetzt Weltmeister.’ Dit fand ich toll.“ Die deutschen Boxfans fanden Schulz toll. Sie jubelten ihm zu, als er in Berlin landete. In Frankfurt wurde er vom Oberbürgermeister am Balkon empfangen. „Da haben über tausend Leute mitgefeiert“, sagt Schulz. Sie feierten einen Verlierer, der keiner war. Einen Rückkampf lehnte Foreman ab, „gegen den tasmanischen Teufel boxt er nicht noch mal“, sagte er laut Schulz.

Als der junge Kerl acht Monate später in Stuttgart eine zweite WM-Chance gegen den Südafrikaner Frans Botha erhielt, schauten 18,03 Millionen Menschen zu, Marktanteil 68,0 Prozent. Nie wieder schauten so viele Menschen einem deutschen Boxer im Fernsehen zu. Auch in Stuttgart war es ein knapper Fight, Schulz verlor – aber Botha war gedopt, anabole Steroide. Er musste den Titel abgeben,   „Kampf ohne Ergebnis“, hieß es danach.

Vater zweier Töchter

Im Sommer darauf   unterlag Schulz in Dortmund Weltmeister Michael Moorer. „Bei drei WM-Kämpfen wurde Axel zweimal betrogen. Deshalb ist er heute so beliebt und in den Augen vieler der heimliche Nachfolger von Max Schmeling“, meint Nartz, „Axel lebt heute noch von dem Beschiss.“

Grillmeister Schulz hat den WM-Fight mit Foreman in all den Jahren vielleicht fünf-, sechsmal auf Video angesehen: „Ich bin keiner, der nach hinten schaut“, sagt der Vater zweier Töchter, „lieber nach vorn.“ Die Saison am Grill hat begonnen. Axel Schulz hat irgendwo gelesen, dass in Deutschland nach Anfangs geringerer Nachfrage in der Corona-Krise wieder mehr Bier gekauft wird. Er selbst hat sich am Mittwoch, dem Tag des Jubiläums, ein Bierchen genehmigt. Schulz sagt, das mit dem Rülpsen, mit Schuuulz und der Hand an der Stirn passe zu seiner Lebenseinstellung: "Wenn der Mann nach dem Biertrinken ordentlich rülpst", sagt er, "dann weeste doch, ihm geht es jut."