Potsdam - Am Sonnabend beim 16. Brandenburg Ball war Schauspieler Til Schweiger im Dorint Hotel in Potsdam zu Gast, denn alle Einnahmen kamen seiner Stiftung zu Gute, die Kindern und Jugendlichen jeglicher Herkunft eine Teilhabe an Bildung ermöglichen und soziale Integration unterstützen soll. Ein Musterprojekt in dieser Hinsicht, das am Abend von Schweigers Stiftung eine Spende erhielt, ist die Flüchtlingsmannschaft des SV Babelsberg.

Sie wurde 2014 gegründet und nimmt seit der laufenden Saison am offiziellen Ligabetrieb unter dem Namen Welcome United 03 teil. Das Projekt war in Deutschland das erste seiner Art und fand schnell Nachahmer. Doch nun droht ausgerechnet dem Assistenztrainer des Teams, Zahirat Juseinov, die Abschiebung.

Gala-Schirmherr Dietmar Woidke reagierte darauf mit Unverständnis. „Jemand der fünfeinhalb Jahre hier ist, vollintegriert ist und seit Jahren Brücken für Flüchtlinge baut, den dürfen wir nicht abschieben“, sagte Brandenburgs Ministerpräsident dem rbb. „Das wäre widersinnig.“ Er habe diesbezüglich Kontakt zu Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (beide SPD) aufgenommen.

Unverzichtbarer Teil des Vereins

Seit 2010 lebt Juseinov mit Frau und Kindern in Potsdam. Beide Töchter und der Sohn gehen hier zur Schule, vor wenigen Wochen kam das vierte Kind zur Welt. Mittlerweile liegt eine gültige Arbeitserlaubnis vor, und Juseinov, der sich ehrenamtlich beim SV Babelsberg engagiert, hat eine feste Anstellung. Das Problem: Die Familie stammt aus Mazedonien. Das Land wurde 2014 von der Bundesregierung als sicherer Herkunftsstaat eingestuft. Asylanträge von Menschen aus diesen Staaten werden in der Regel als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt.

Die Familie Juseinov wird in Deutschland lediglich geduldet. Das bedeutet, dass die Abschiebung für eine bestimmte Zeit ausgesetzt wird, die Duldung muss aber regelmäßig erneuert werden. Vergangenen Dienstag war es wieder so weit, Juseinov wurde bei der Ausländerbehörde in Potsdam vorstellig. Laut Juseinov sei die für ihn zuständige Sachbearbeiterin im Urlaub gewesen, weshalb ein anderer Beamter die vermeintliche Formalie übernahm.

„Er sah, dass wir vom Balkan stammen und wollte uns sofort abschieben“, sagte der Familienvater der Märkischen Allgemeinen Zeitung. „Wir sollten unterschreiben, dass wir alle zusammen ausreisen.“ Dieses Einverständnis verweigerte er und holte sich für den nächsten Behördengang eine Sozialarbeiterin und seinen Arbeitgeber als Unterstützer dazu. Mehr als einen kurzen Aufschub konnten sie aber nicht erwirken: Bis Dienstag in einer Woche hat die Familie Zeit, Deutschland freiwillig zu verlassen. Andernfalls wird mit Zwang abgeschoben.

Mehrfach für Integrationsarbeit prämiert

„Das wäre tragisch für uns, denn er ist für uns unverzichtbar“, sagt der Vereinsvorsitzende des SV Babelsberg Archibald Horlitz. „Er ist das kulturelle Bindeglied zwischen Deutschland und den Leuten, die hier von überall ankommen und sich erst einmal eingewöhnen müssen. Er ist eigentlich ein Musterbeispiel für Integration, wie wir uns das in Deutschland nur wünschen können.“ Im Klub wird Juseinov von allen nicht mit seinem richtigen Vornamen gerufen, sondern „Hassan“ genannt. Er war 2014 einer der Gründer der Mannschaft und zu Beginn auch ihr Trainer. Als das Team in den Ligabetrieb aufgenommen hat, kam ein zweiter Coach, und Juseinov machte als Assistent weiter. Er ist das Scharnier zwischen Klub und Team.

„Wir verstehen die Welt nicht mehr: Von allen Seiten werden wir für unsere Integrationsarbeit ausgezeichnet. Und jetzt will man uns einfach so zerstören“, sagt Horlitz. Mehrfach ist Welcome United 03 für seine Integrationsarbeit prämiert worden. Die besondere Kraft liegt darin, dass die Flüchtlingsmannschaft nicht für sich abgesondert herumspielt, sondern in den Ligabetrieb eingegliedert ist. In der zweiten Kreisklasse Havelland ist das Team derzeit Zweiter, fünf Punkte hinter dem SV 05 Rehbrücke. Der Aufstieg ist möglich, United hat derzeit drei Spiele weniger absolviert als der Tabellenführer.
Dem Beamten, der Juseinov die weitere Duldung verweigerte, will Horlitz keinen Vorwurf machen: „Er hat nicht verkehrt gehandelt, er kannte die Sachlage nicht so gut wie die sonst zuständige Sachbearbeiterin.“ Inzwischen ist man beim SV Babelsberg guter Dinge, dass das Projekt nicht einen seiner wichtigsten Akteure verliert. Eine am Freitag gestartete Online-Petition erreichte am Sonntagnachmittag, bereits vier Tage vor Ablauf ihr Ziel: 2 000 Unterschriften.

Auch auf dem Brandenburg Ball am Sonnabend versicherten nicht nur der Ministerpräsident und Til Schweiger dem Mazedonier ihre Unterstützung. „Die Rückendeckung, die uns gezeigt wurde, macht uns Hoffnung, dass der Fall noch einmal überdacht wird“, sagt Horlitz. Er sei „felsenfest davon überzeugt“, dass bei einer Härtefallprüfung „alle Gründe für ein Bleiberecht gegeben sind. Wenn nicht er, wer dann?“