Berlin - Es ging um Grundsätzliches. „Wofür stehen die Hütchen da?“, fragte Norbert Düwel in die Runde und erntete Schweigen. Der Trainer der Fußballer des 1. FC Union war erbost, weil seine Passübung nicht mit der gewünschten Konzentration ausgeführt wurde. Die bunten Plastikmarkierungen sollten eigentlich dazu führen, dass die Spieler eine deutliche Bewegung machen – weg vom Gegner und hin zum Ball. Vorsprung durch Hütchen sozusagen. Aber der Coach sah am Mittwoch keinen, der das auch in vollem Tempo so ausführte, wie er sich das vorstellte. Stattdessen blickte er nur auf müde Körperwackler. „Wenn dieser Ball nicht passt, ist alles andere für’n Arsch!“, herrschte er das Team an.

Die Niederlage gegen Nürnberg hat Düwel geschmerzt, jetzt im Training musste er dieselben Schwächen erkennen. Genau wie im Spiel sei das, fand er. Erst werde nur eine kleine Auftaktbewegung gemacht, und dann stehe man da und warte. Er brüllte: „Das kann jeder verteidigen, egal ob 40 oder 25 Jahre alt!“

Konzentriert gegen Heidenheim

Freilaufen, passen, freilaufen, passen. Damit Heidenheim am Sonntag (13.30 Uhr) nicht auch das dritte Aufeinandertreffen in dieser Saison – Pokal eingeschlossen – für sich entscheidet, muss jede Bewegung mit hundertprozentiger Konzentration ausgeführt werden. Es ist nämlich nicht damit zu rechnen, dass der Aufsteiger mit der Ü50 anreist. Und so ließ Düwel in dieser Woche die Grundlagen üben – wieder und immer wieder. Ungeklärt blieb dabei nur, wer sich um das Grundlegendste im Fußball kümmern wird: das Erzielen von Toren.

Der erfolgreichste Torschütze, der in der Alten Försterei auf dem Platz stehen wird, ist Defensivspieler Damir Kreilach mit vier Treffern. Toptorjäger Sebastian Polter ist gesperrt, Steven Skrzybskis linkes Sprunggelenk ist seit einem Zweikampf am Dienstag geschwollen und verhinderte seither eine Trainingsteilnahme, und Sören Brandy absolvierte erst am Freitag die erste komplette Einheit mit dem Team nach einer Oberschenkelzerrung.

Die Leistungen von Martin Kobylanski und Christopher Quiring schwanken, und der kurzfristig als Ersatz für den verletzten Maximilian Thiel ausgeliehene Valmir Sulejmani ist noch keine Alternative. Zudem ist Eroll Zejnullahu erkrankt und fällt aus. Er wäre neben Björn Jopek derjenige, der bei einer Systemumstellung auf nur einen Stürmer in die Spielmacherrolle schlüpfen könnte. Fazit: Die Offensivabteilung von Union ist derzeit dünn besetzt.

Eigentlich ist klar, wer jetzt an der Reihe ist, denn Union hat ja noch einen Angreifer, der bislang kaum in Erscheinung getreten ist: Bajram Nebihi. Das Problem dabei ist, dass der 26-Jährige im falschen Körper steckt.

„Ausgezeichnete Technik“

Auf dem Papier ist Nebihi der Größte. Mit 1,92 Metern misst er einen Zentimeter mehr als Fabian Schönheim. Auf dem Fußballplatz macht er sich jedoch einen Kopf kürzer. Er läuft gebückt, und wenn er zum Schuss ansetzt, legt er häufig die Hände über Kreuz auf die Brust. Er zieht sich zusammen. „Bajram Nebihi ist ein großer, kräftiger und sehr robuster Stürmer“, hatte ihn Düwel im Sommer willkommen geheißen.

Zwar hatte der Coach auch auf die „ausgezeichnete Technik“ des Neuen vom FC Augsburg verwiesen. Trotzdem hat man von einem Mann mit solcher Statur mehr kräftige Kopfbälle und kantige Kracher aufs Tor erwartet, weniger virtuose Pirouetten. Aber Nebihi wäre gerne ein wendiger Wusler, obwohl sein Körper das Gegenteil vorgibt. „Meine größte Stärke ist das eins gegen eins“, sagte er im Sommer.

Tatsächlich dribbelt er um zwei, drei, ja vier Gegenspieler, ohne dass ihn diese vom Spielgerät trennen können. Das war auch vergangenes Wochenende in Nürnberg zu sehen, bei seinem ersten Startelfeinsatz in der Zweiten Liga. Aber er verpasst zu oft den Moment für die Ablage auf den Mitspieler oder für den eigenen Abschluss.

Nebihi ist 26 Jahre alt. Er war schon im Iran unter Vertrag und in der Türkei. Er hat in Bayern, wohin seine Eltern aus dem Kosovo flohen, als er fünf Jahre alt war, eigentlich schon in jeder Liga gespielt. Doch regelmäßig getroffen hat er nur für die Reserve des FC Augsburg in der Regionalliga. 15 Mal in 34 Spielen. Nun wird es Zeit, dass er seine Größe endlich anerkennt, auch wenn ihm gegen Heidenheim keine Hütchen den Weg weisen. Aber vielleicht sind ihm die Worte des Trainers in den Ohren geblieben. Im Wintertrainingslager hat Düwel ihn mehrfach auf die Grundaufgabe eines Stürmers hingewiesen. Nach einem seltenen Treffer etwa lobte er und mahnte gleichermaßen: „Den versuchst du jetzt jedes Mal.“ Platziert, trocken, ohne Schnick und Schnack.