Die Disziplinarkommission der Europäischen Fußball-Union (UEFA) wird am 20. Juni über das Strafmaß gegen den kroatischen Verband HNS nach den Fan-Krawallen im Spiel gegen Tschechien (2:2) verhandeln. Zur Last gelegt werden den Kroaten das Zünden von Feuerwerkskörpern, Werfen von Objekten, Zuschauerausschreitungen sowie rassistisches Verhalten. Dem Verband droht eine empfindliche Strafe, die ähnlich wie bei Russland zum EM-Ausschluss auf Bewährung reichen könnte. Wir haben mit dem Balkanexperten Dario Brentin gesprochen, der seit Jahren über die kroatische Fußballszene forscht und publiziert.

Kroatiens Trainer Ante Cacic hat gesagt, das sei "der terroristische Akt" von sieben, acht oder zehn Tätern gewesen. Hat er recht?

Brentin: Der kroatische Fußballverband behauptet seit Jahren, es gebe eine Gruppe von 30 bis 40 jungen Männern, die auf den Rängen bewusst provozieren und einen Spielabbruch herbeiführen wollten. Das hat sich am Freitag wohl bewahrheitet. Schon vor der pyrotechnischen Einlage haben diese Leute  versucht, mit rechtsextremen Ustascha-Gesängen und –Fahnen  die kroatischen Fans und damit den Verband in ein schlechtes Licht zu stellen. Immerhin habe ich aber zum ersten Mal seit langem gesehen, dass die faschistischen Parolen vom schallenden Gepfeife der restlichen kroatischen Fans übertönt wurden.

Warum wird man mit diesen Leuten nicht fertig?

Brentin: Schwierige Frage. Die Sicherheitskräfte sowohl in Kroatien als auch in Frankreich haben versagt. Es ist schon verwunderlich dass die Spezialkräfte der französischen Polizei erst genau zwei Minuten vor dem versuchten Spielabbruch vor den kroatischen Fans vorbeimarschiert sind. Möglicherweise waren sie gut informiert, haben es aber nicht geschafft, die Aktion zu vereiteln.

Haben die Hooligans etwas mit den etablierten Fanclubs zu tun, die ja bekanntermaßen auch keine Pastorentöchter sind?

Brentin: Medienberichte schon vor dem Spiel legen nahe, dass es sich um Anhänger der Torcida handeln könnte, des Fanclubs von Hajduk Split. Dafür git es zwar keine Bestätigung, aber die Annahme liegt auch nicht fern. Torcida und der kroatische Fußballverband liegen stark im Clinch, und es gibt gewisse Fanfreundschaften zwischen den Anhängern von Hajduk Split und AS St-Etienne. Für kroatische Medien, vor allem soziale Medien, ist die Torcida schon jetzt der Schuldige.

Unternimmt der kroatische Fußballverband genug, um diese Leute auszusperren?

Brentin: Organisierte Fußballfans jeder Couleur und der kroatische Fußballverband stehen seit langem mit einander auf Kriegsfuß. Es gibt natürlich Listen von problematischen Fans, die nicht ausreisen dürfen oder Stadionverbot haben - ein Bruchteil der aktiven Fans. Mit Stadionverboten oder sonstigen repressiven Methoden kann der Konflikt aber nicht gelöst werden.

Jetzt gibt es einen Aufschrei in der Politik. Was haben denn die zuständigen Sportminister bisher unternommen, um die Extremisten zu bändigen?

Brentin: Diesen empörten Aufschrei gibt es immer wieder, er verhallt aber in Untätigkeit. Wollte man wirklich etwas tun, müsste man nicht nur gewalttätige Hooligans bekämpfen, sondern sich auch um die Machenschaften des kroatischen Fußballverbandes und einiger tonangebender Personen kümmern.  Aber dafür sind deren politische Seilschaften zur Zeit schlichtweg zu einflussreich.

Staatspräsidentin Kolinda Grabar Kitarovic hat sogenannte "Orjunasi" für die Krawalle verantwortlich gemacht. Wer oder was ist das?

Brentin: Das ist ein Begriff der kroatischen politischen Rechten. Gemeint sind ideologisch unliebsame Personen, „Jugoslawen“, angebliche Feinde Kroatiens, von denen es heißt, dass sie sich mit dem eigenständigen Kroatien nicht abfinden könnten. Eine reine Verschwörungstheorie.

Rechte Portale und Kommentatoren suggerieren, es gebe da  „Linke“ oder gar „Serben“, die dem Umkreis der früheren jugoslawischen Geheimpolizei UDBA zugehörig wären und von dort bezahlt würden.

Aber wenn selbst die Präsidentin es sagt…

Brentin: …dann ist das besorgniserregend und ein Zeichen dafür,  wie sie die kroatische Gesellschaft wahrnimmt und wo sie die „wahren Feinde“ der Nation ausmacht.

(mit Material von SID)