Barbara Rittner hat aus vielerlei Gründen eine enge Verbindung zu Berlin.
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BerlinBarbara Rittner hat die Weihnachtsfeiertage in Berlin verbracht. Die deutsche Tennis-Bundestrainerin hat am 24. Dezember ein Video vom Steffi-Graf-Stadion an der Hundekehle in Charlottenburg gepostet. Dort, wo auf den Plätzen früher orangefarbiger Sand als Belag diente, sprießen jetzt zarte, grüne Grashalme. Zwölf Jahren nach dem Aus der German Open wird es im Jahr 2020 in Berlin wieder ein WTA-Turnier geben, bei dem von 14. bis 21. Juni die weltbesten Tennisspielerinnen auf Rasen antreten. Die frühere Tennisspielerin Barbara Rittner hat den Job als Turnierdirektorin übernommen.

Frau Rittner, was sind Ihre Aufgaben als Turnierdirektorin?

Das ist immer davon abhängig, wie die Absprache mit dem Turnierbesitzer ist, in diesem Fall mit der Agentur Emotion und Edwin Weindorfer. Eine Turnierdirektorin ist von Vorteil, wenn sie alle Sichtweisen kennt. Ich weiß, was den Spielerinnen wichtig ist. Ich muss Augen und Ohren offenhalten und dafür sorgen, dass es ihnen gut geht und sie sich in Berlin wohl fühlen. Ich versuche auf den Turnieren, auf denen ich sowieso bin, Spielerinnen Berlin nahe zu bringen, das neue Projekt auf Rasen zu erklären. Ich habe ein Ohr für die Mitglieder im LTTC Rot-Weiß und auch für Partner und Sponsoren vor und während der Turnierwoche. Eine Turnierdirektorin ist für die Turnieratmosphäre mitverantwortlich.

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Zur Person

Karriere: Barbara Rittner, 46, beendete ihre aktive Tenniskarriere nach 15 Jahren als Profispielerin im Jahr 2004. Mit Steffi Graf und Anke Huber hatte sie 1992 den Federations Cup gewonnen. Ihre beste Platzierung in der Weltrangliste war Rang 24. Sie gewann im Einzel zwei WTA-Turniere und stand zweimal im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers. Seit 2009 ist die Krefelderin die erste Bundestrainerin des Deutschen Tennis Bundes.

Was bedeutet denn Berlin auf Rasen?

Den Spielerinnen sage ich, wie wertvoll es ist, zwei Wochen vor Wimbledon auf Rasen in Berlin ein großes Turnier zu haben. Das ist vom Stellenwert vergleichbar mit dem früheren Berliner Turnier drei Wochen vor Paris. Damals war Berlin mit Rom zusammen ein Gradmesser. Ich trage die Emotionen weiter, die das Turnier damals hatte.

Was war denn typisch Berlin?

Typisch Berlin war, dass es ein gesellschaftliches Ereignis war. Menschen aus verschiedenen Branchen kamen zusammen, um Tennis zu schauen. Ich habe damals mit Anfang 20 die Ehre gehabt, Bundespräsident Richard von Weizsäcker persönlich kennenzulernen, der ja ein riesen Tennisfan war. Es hieß auf einmal für Anke Huber und mich: Herr Weizsäcker möchte euch gern kennenlernen. Da waren wir ganz aufgeregt. Diese Verquickung von Politik, Wirtschaft und Sport hat man in Berlin immer gespürt.

Barbara Rittner und Steffi Graf 1998 Seite an Seite bei einem Turnier in Hannover.
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Woran erinnern Sie sich noch?

Vor allem an Siege von Stefanie Graf. Ich selber habe in Berlin 1996 glatt gegen Mary Pierce verloren. Sie war damals die Nummer vier der Welt. In Paris habe ich Mary Pierce dann schlagen können. Das war einer meiner größten Erfolge. Ich habe in Berlin schon selber das tolle Jugendturnier gespielt und viel später als Teamchefin immer wieder junge Mädels beobachtet, die später durchgestartet sind. Ich habe mich nach einem Match mal im Grunewald verlaufen oder bin mal im Hundekehlesee geschwommen. Meine Mutter lebt seit zehn Jahren in Berlin, in der Nähe des Clubs. Ich habe eine enge Verbindung.

Man kennt das Steffi-Graf-Stadion mit orangefarbigem Belag. Jetzt wird alles grün, eine durchaus seltsame Vorstellung.

Es wird schön werden. Rasen hat ja was Leises. Man hört den Ballabsprung nicht. Auf Sand wird gerutscht. Das Spiel auf Rasen ist ein ganz anderes. Man muss mehr improvisieren. Spielerinnen mit einem Händchen kommen besser zurecht, man muss sich unheimlich tief bewegen. Als von einem neuen Turnier in Berlin die Rede war, habe ich zu Edwin Weindorfer gesagt: Oh, schwieriges Pflaster, das Anspruchsdenken ist unheimlich hoch, das Berliner Tennispublikum verwöhnt, denn Berlin steht für die Ära von Steffi Graf. Auf Sand wäre ein neues Turnier nur schwierig möglich gewesen. Aber auf Rasen, da sind die Ballwechsel länger. Es ist was Neues, hat etwas Traditionelles, Elitäres. Ich hoffe, dass es das breite Berliner Publikum reaktiviert, Interesse für Tennis zu zeigen.

Zwölf Jahre lang gab es kein Weltklasse-Tennis in dem Stadion, das die Lücke nach Steffi Graf verkörpert. Jetzt ist Gras über alles gewachsen?

Eines ist klar, eine Steffi Graf werden wir nie wieder haben in dieser Intensität, mit dieser Aufmerksamkeit. Für mich ist Steffi Graf eine Jahrtausendsportlerin. Selbst der Wimbledonsieg von Angie Kerber 2018 konnte nicht annähernd diese Aufmerksamkeitslücke schließen. Es ist einfach eine andere Zeit. Tennis ist nicht mehr so cool. Es gibt ganz viele andere bekannte Sportarten. Deswegen wollen wir an die Tradition anknüpfen: Wo kommt Tennis her? Ist jetzt Gras über die Sache gewachsen, das Bild gefällt mir – jetzt kommt was Neues, eine neue Ära.

Man sollte sie nicht mit damals vergleichen?

Vielen, die jetzt zuschauen werden, wird das Damals nicht mehr präsent sein. Es sind eher die Spielerinnen, die zurückkommen. Mich haben Conchita Martínez oder Arantxa Sánchez angerufen und haben gesagt: Hey, spannend, da würde ich gerne helfen. Hast du irgendwas für uns zu tun? Conchita Martínez kommt wahrscheinlich als Coach von Muguruza wieder. Jeder verbindet seine Geschichte mit Berlin. Wir haben jetzt schon eine Angie Kerber verpflichtet. Jule Görges wird spielen. Es ist noch mal eine Chance, für diese tolle Generation, die jetzt im Herbst ihrer Karriere ist, sich in Deutschland ein weites Mal außer in Stuttgart zu zeigen.

Kommt Steffi Graf auch?

Die Frage kann ich noch nicht beantworten, aber ich bin mit ihr bereits in intensiven Gesprächen. Sie freut sich auf jeden Fall, dass in Berlin wieder ein großes Tennisturnier stattfindet.

Sabine Lisicki wäre eine Berlinerin beim Berliner Turnier. Liegt bei ihr noch vieles im Argen?

Im Argen ist eine Beschreibung dafür, dass sie viel Verletzungs- und gesundheitliches Pech hatte. Nichtsdestotrotz sind wir in regelmäßigen Kontakt. Ich weiß, sie ist in Florida und trainiert hart und ich weiß auch, dass es ein Traum von Sabine ist, in Berlin ihr Rasentennis zu zeigen. Aber natürlich will sie ihr gutes Rasentennis zeigen. Ich weiß, dass sie zurückkommen wird. Ob es für Berlin reicht? Wir haben Wildcards. Nur weil sie in Berlin jahrelang zu Hause war, wird sie keine bekommen. Ich wünsche mir, eine fitte Sabine Lisicki in Berlin präsentieren zu können.

Im Damentennis haben sich junge Spielerinnen schon abwechselnd in den Fokus gespielt. Ich glaube, dass es in den kommenden Jahren eine Dominanz von Osaka, Andreescu, Anisimova, Gauff und wie die jungen alle heißen, geben kann.

Barbara Rittner

Das Männertennis hat in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit aus dem Kampf der großen Drei gezogen: Federer, Nadal, Djokovic. Bei den Frauen gab es in der Weltspitze außer Serena Williams ständig Wechsel. Warum?

Ich glaube, dass das Damentennis die Entwicklung schon durchgemacht hat, die beim Herrentennis jetzt langsam mit jüngeren Spielern wie Thiem, Tsitsipas, Zverev, Medwedew eingeläutet wurde. Die jungen, die nachkommen, haben noch nicht diese Konstanz, um die Big Three zu verdrängen. Im Damentennis haben sich junge Spielerinnen schon abwechselnd in den Fokus gespielt. Ich glaube, dass es in den kommenden Jahren eine Dominanz von Osaka, Andreescu, Anisimova, Gauff und wie die jungen alle heißen, geben kann.

Weshalb hat Kerbers Wimbledonsieg Deutschland nicht mit so einer Wucht erreicht wie es zu Grafs und Beckers Zeiten war?

Es ist eine andere Nachhaltigkeit, ob da eine Generation mehr als 20 Grand Slams holt wie Graf, Becker und Stich oder ob mal ein Wimbledonsieg dabei ist, der unglaublich toll ist. Die Nachhaltigkeit, wenn das jedes Jahr passiert, wenn man die Grand-Slam-Siege zählt, ist natürlich eine ganz andere und generiert eine ganz andere Aufmerksamkeit. Außerdem wurde damals fast alles in den öffentlich-rechtlichen Programmen gezeigt.

Sie sagen, die besten deutschen Spielerinnen sind im Herbst ihrer Karrieren. Gibt es welche, die im Frühling sind? Funktioniert das deutsche Nachwuchssystem?

Es hat sich unglaublich viel getan. Wir sind ja seit zwei Jahren endlich in die Förderung des Bundesinnenministeriums gerutscht. Das spiegelt sich personell wieder. Wir haben mehr angestellte Bundestrainer, wir machen intensive Lehrgänge und arbeiten mit dem Nachwuchs noch viel intensiver als zu Zeiten der jungen Petkovic, Kerber und Co. Aber die Einstellung der Jungen hat sich geändert, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Es fällt der jüngeren Generation heute wesentlich schwerer, die Komfortzone zu verlassen, von zu Hause wegzugehen, woanders zu trainieren und eben alles für diesen Sport zu tun, weil ihre Leidenschaft und Liebe für diesen Sport Tennis so groß ist. Ich denke, es ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, dass man sich viele Wege offen lässt, viele Dinge ausprobiert und teilweise nicht mehr ganz so bereit ist, sich zu quälen.

Was ist mit Spielerinnen im Frühling ihrer Karriere?

Wir haben zwischen den 15- bis 18-Jährigen in Deutschland eine tolle Generation. Die sind mit der Mannschaft Dritter bei den Weltmeisterschaften geworden. In der Jugendweltrangliste stehen einige unter den Top 100, so dass wir bei den Jugend-Grand-Slams nächstes Jahr fünf, sechs Mädchen dabei haben, die sich präsentieren. Sie brauchen nur noch zwei, drei Jahre Zeit, sich zu entwickeln.

Boris Becker plant eine Tennis-Akademie

Und die Generation dazwischen?

Da hatten einige Pech: Anna-Lena Friedsam kämpft sich nach zwei Schulteroperationen gerade zurück. Antonia Lottner hatte viele gesundheitliche Probleme. Sie hat ja das große Berliner Jugendturnier gewonnen und ist nach wie vor noch mit Anfang 20 ein hoffnungsvolles Talent. Annika Beck hat aufgehört mit gesundheitlichen Problemen und studiert jetzt Zahnmedizin. Carina Witthöft hat sich eine Auszeit genommen. Das waren welche, die mit Anfang zwanzig Top 50 der Welt waren und scheinbar schon die Lücke geschlossen hatten, aber weggebrochen sind. Ich hoffe, dass die Etablierten noch ein bis drei Jahre durchhalten, um denen dahinter Zeit zu geben, sich weiter zu entwickeln.

Braucht Deutschland auch eine Tennis-Academy, wie sie Nadal in Spanien hingestellt hat?

Wir haben vier tolle Bundesstützpunkte. Die Damen sind in Stuttgart, die Mädchen in Kamen, die Herren in Oberhaching, die Jungs in Hannover. An diesen Stützpunkten sind die Voraussetzungen perfekt. Da sitzen gute, engagierte Trainer, die Infrastruktur ist gut. Auch in den Landesverbänden wird gut gearbeitet. Es ist toll, wenn man private Akademien hat. Boris Becker plant ja auch eine, die in zwei Jahren fertig sein soll. Wir haben schon jetzt einige private Akademien in Deutschland. Natürlich ist Nadal ein toller Name. Oder Mouratoglou. Das sind aber Akademien, die kosten 30 bis 60 Millionen, die kann man nicht so einfach aus dem Ärmel schütteln. Dazu braucht man Investoren.

Ich hatte meine allererste Wildcard für ein WTA-Turnier in der Qualifikation in Berlin. Damals habe ich gesehen: Mensch, da kann ich mithalten.

Barbara Rittner

Helfen neue Turniere wie in Berlin und Bad Homburg dem Nachwuchs?

Ich finde das toll, dass wir neben Stuttgart zwei neue Turniere auf Rasen haben und dass diese tollen Jugendlichen, die wir haben, in die Qualifikation reinschnuppern können. Ich weiß, wie wichtig das für mich war. Ich hatte meine allererste Wildcard für ein WTA-Turnier in der Qualifikation in Berlin. Damals habe ich gesehen: Mensch, da kann ich mithalten. Ich habe die letzte Qualirunde verloren, aber ich habe mit den Großen trainiert, einer Steffi beim Training zugeschaut. Das war Motivation. Natürlich ist es wichtig, eine gesunde Turnierlandschaft zu haben. Da sind die zwei neuen WTA-Turniere in Deutschland Gold wert.

Sollte ich Deutschland auch mal um ein WTA-Finale bemühen?

Beim Blick hinter die Kulissen ist es schon ein unglaublicher Aufwand, nicht nur finanziell, überhaupt eine Turnierlizenz zu bekommen. Man muss vernetzt sein. Es gibt so viele Marketing-Agenturen. Der asiatische Markt ist unheimlich stark. Es wird kein zusätzliches Grand-Slam-Turnier geben, das wir haben können. Darum hätte sich Deutschland vor 30, 40 Jahren bewerben müssen. Das ist nicht passiert. Es sind andere Turniere, die sich etablieren wie in Indian Wells oder in Asien, weil so viel Geld im Spiel ist. Man sieht es man es ja am Beispiel Davis Cup und Fed Cup: Geld regiert die Welt. Wir sind mit Berlin bei einer ganz tollen Größe, die ich selber kaum für möglich gehalten hätte. Deshalb sollten wir jetzt damit auch mal zufrieden sein und das Turnier so gut wie möglich platzieren und etablieren.