Barfuß am Strand: Für Thomas Wessinghage kommt das der Idealvorstellung des Laufens sehr nahe.
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BerlinEin Selbstversuch im Park, vormittags in einer der weniger gut besuchten Ecken. Dort, wo es nicht so auffällt. Ein leichter Wind geht, die Temperatur ist angenehm, die Versuchsanordnung klar. Eine Runde von knapp einem Kilometer gilt es, so oft wie möglich joggend zu bewältigen. Und zwar barfuß. Das Terrain wechselt: Gras, Rindenmulch, feiner Kies, Asphalt. Die Joggingschuhe schaukeln bei jedem Schritt sacht im Rucksack hin und her. Die theoretische Vorarbeit hat ergeben: Barfußjoggen erfordert Übung. Deshalb sind die Schuhe zur Sicherheit dabei.

Es geht vielversprechend los. Das Gras fühlt sich weich an, die Rindenstücke federn wie eine Tartanbahn, der Kies sticht in die Fußsohle, aber es ist nicht unangenehm. Unangenehm wird es erst auf dem Asphalt. Nicht mit der Ferse aufsetzen, bloß nicht mit der Ferse aufsetzen! Die nächste Runde, Gras, Mulch, Kies, Asphalt. Beschwerden stellen sich ein. Es zieht in den Waden, die Achillessehne links meldet sich, der Fußballen rechts brennt. Erst zehn Minuten? Egal: Rucksack runter, Schuhe raus, Schuhe an. Barfuß joggen? Lieber nicht. Das Experiment ist beendet.

Barfußlaufen liegt im Trend. Jedenfalls wenn die einschlägigen Portale und Blogs im Internet recht haben. Barfußlaufen sei gesund, heißt es da, sei natürlich, dem Laufen im gedämpften Schuh vorzuziehen und sogar in der Großstadt kein Problem. Barfußlaufen in Berlin? Das klingt einigermaßen verrückt bei all dem Asphalt und Beton. Und sogar im Park, das hat der Selbstversuch schmerzhaft klargemacht, ist es kein Vergnügen. Ist Barfußlaufen nur eine Mode für Gefahrensucher?

Ein Anruf bei jemandem, der es wissen muss, bei Professor Thomas Wessinghage in Bad Wiessee. Der 68-Jährige ist ärztlicher Direktor des dortigen Medical Park, Chefarzt Orthopädie und Sportmedizin. Wessinghage war zwei Jahrzehnte lang Hochleistungsläufer, Europameister, Olympiateilnehmer. Er hält den deutschen Rekord über 1500 Meter; fast auf den Tag genau 40 Jahre ist diese Bestmarke alt. Also: Wie sinnvoll findet der Experte Barfußjoggen? Wessinghage sagt: „Es gibt Argumente, die dafür sprechen und praktische Argumente dagegen.“ Ein Ja, aber.

Für das Ja geht Wessinghage 100.000 Jahre zurück. „Seitdem gibt es Menschen, die so ähnlich aussehen wie wir“, sagt er. „Schuhe für die breite Masse gibt es seit rund 1000 Jahren, Schuhe mit Dämpfung und Fußbett seit etwa einem Jahrhundert.“ Der Mensch ist von Natur aus ein Barfußläufer, genauer: ein Vorfußläufer. Er setzt auf dem Ballen oder dem Mittelfuß auf. Das ist anstrengend, wie sich im Selbstversuch gezeigt hat. Über die Ferse läuft es sich leichter, die federnde Sohle des Joggingschuhs macht das möglich. Geschätzte 75 Prozent der Ausdauerläufer sind Fersenläufer.

Hält bis heute den deutschen Rekord über 1500 Meter: Thomas Wessinghage.
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Sie alle gehen ein Risiko ein, treibt man die Überlegungen des Biologen Dan Lieberman auf die Spitze. Der Harvard-Professor hat vor zehn Jahren in einem Aufsatz für die Zeitschrift Nature erklärt, dass Schuhe eine Wurzel orthopädischen Übels seien. Dass sie Verletzungen, Fehlstellungen des Fußes und einen schmerzenden Bewegungsapparat begünstigen würden. Damals hat die Debatte an Fahrt aufgenommen: unten ohne oder unten mit?

„Liebermans Hypothese lässt sich nicht schlüssig beweisen“, sagt Wessinghage. Nur so viel ist klar: „Studien zeigen, dass Fersenläufer in angemessenen Schuhen keine Nachteile haben.“ Dass Barfußlaufen dabei helfen kann, Haltungsfehler zu korrigieren, weiß Wessinghage allerdings aus seiner medizinischen Praxis. Der Orthopäde selbst liebt es, am Strand ohne Schuhe zu joggen. „Das kommt meiner Idealvorstellung des Laufens sehr, sehr nahe.“

Noch etwas spricht ganz objektiv für die ursprünglichste aller Lauftechniken. Wenn der Vorfuß auf dem Boden aufsetzt, zieht er den Körper stark nach vorn, stärker als dies beim Abrollen über die Ferse gelingen kann. Der Läufer bewegt sich zudem weniger auf und ab, der Körperschwerpunkt liegt hoch. „Das führt zu größerer Geschwindigkeit und ist ökonomisch“, sagt Wessinghage. „Wenn ich als Läufer auf der Bahn etwas werden will, muss ich diese Technik nutzen, sonst kann ich nicht gegen die Besten bestehen.“

Die erforderliche Dämpfung ist im Körper eingebaut. Von natürlichen Bremsen, spricht Wessinghage. „Sie fangen die Abwärtsbewegung ab.“ Muskeln nehmen die Stöße auf, Muskeln im Gesäß, in den Waden und an den Schienbeinen vor allem. Da das Sprunggelenk mehr Druck absorbiert, wird das Knie entlastet.

Was allerdings der Schuh dem Menschen abgewöhnt hat, muss sich der Mensch erst wieder angewöhnen – und das im wahrsten Sinne des Wortes schrittweise. „Fangen Sie mit fünf Minuten an“, empfiehlt Wessinghage. „Das machen Sie jeden zweiten Tag über zwei, drei Wochen. Und dann steigern Sie das Pensum auf acht, zwölf, fünfzehn Minuten.“ Begleitende Übungen helfen dem Bewegungsapparat, sich anzupassen.

„Wenn Sie wollen, können Sie das Programm so weit ausbauen, bis Sie lange Strecken barfuß laufen“, sagt Wessinghage. „Ich bin schon einigen Menschen begegnet, die das machen.“ Doch ist alles, was machbar ist, auch sinnvoll? In einer Großstadt zumal?

Wessinghage kommt nun zum Aber. „Wenn ich zum Beispiel in Berlin jederzeit damit rechnen muss, auf Gehwegplatten, Asphalt oder Beton in eine Scherbe zu treten, ist das sehr fragwürdig“, sagt er. Überzieher aus Silikon, mit fünf Zehen der Fußform nachempfunden, bieten kaum Schutz vor Schnittwunden. Sogenannte Barfußschuhe schützen den Fuß zwar, stützen ihn aber nicht, vermitteln ein trügerisches Gefühl. Kritiker sagen, sie verleiten ihren Träger dazu, es zu übertreiben. Befürworter sagen, sie erleichtern den Einstieg in eine barfüßige Teilzeit.

Und nun? Was ist besser? Unten ohne oder unten mit?

Das wird immer eine Glaubensfrage bleiben. Wissenschaftlich haltbare Kriterien zu ihrer Beantwortung gibt es bisher nicht. Wessinghage sagt: „Die Diskussion ist nicht einfach.“ Die Praxis ist es erst recht nicht. Das haben schon zehn Minuten im Park gezeigt.