Den Freak hat Max Kepler in den USA gelassen, genauer gesagt in einem Kraftraum. Trotzdem ist der 20-jährige Berliner an diesem Tag die große Attraktion. Er steht in einer Reihe mit dreizehn anderen Sportlern, viele tragen eine schwarze Kappe, alle das weiße Trainer-Shirt der Baseball School Berlin. Kepler sticht in der Neuköllner Sporthalle dennoch heraus. Die durchtrainierten Muskeln und die Körperspannung zeigen an: Hier steht ein in Deutschland äußerst seltenes Exemplar, ein Baseball-Profi.

Max Kepler wurde zur neuen Saison erstmals in den erweiterten Kader der Minnesota Twins berufen. Mehr als vier Jahre nach seinem Wechsel in die USA für eine Rekordsumme ist die Major League Baseball (MLB) endlich in Sichtweite. Kepler wäre nach Donald Lutz im Vorjahr erst der zweite Deutsche, dem der Sprung gelänge.

Der Freak, das war er selbst, als er im Sommer 2009 in die Vereinigten Staaten übersiedelte. Nicht, weil er sich in der Kindheit auf Geburtstagsfeiern seiner Freunde hatte entschuldigen lassen, da die Baseball-Spiele wichtiger gewesen waren. Nein, er hielt sich für einen Freak, weil er mit 16 Jahren zwar schon über 1,90 Meter groß, aber klapperdürr war. Seitdem hat er sich etwa 20 Kilogramm Muskelmasse antrainiert. Sein ehemaliger Trainer Martin Brunner hatte ihn beim Abschied gewarnt, dass Baseball in den USA „harte Arbeit“ bedeute, jetzt sagt Brunner: „Er wächst langsam in seinen Körper hinein.“

Der Vergleich mit Green

Brunner hatte das Talent 2008 aus Berlin an das Internat der Regensburger Legionäre geholt. Der Kontakt ist nie abgebrochen, und Brunner ist voll des Lobes: „Er macht das sehr vorbildlich.“ Denn eines hat sich seit der Kindheit nicht verändert: Kepler kann nie genug bekommen. 2011 half er den Regensburgern nach Ende der Saison in den USA Deutscher Meister zu werden. Dieses Jahr hängte Kepler 40 Spiele in der Herbstliga in Arizona an die normale Saison, um nach einer Ellbogenverletzung Spielpraxis zu sammeln und sich für Höheres zu empfehlen. Der Vereinsboss dankte es ihm mit einem Anruf und der Berufung in den 40 Spieler großen MLB-Kader.

Damit stellte der Verein sicher, dass sich vor der im April startenden Saison kein anderer Verein die Dienste von Kepler sichern darf. „Ich bin ein bisschen nervös, mich den großen Jungs vorzustellen“, sagt Kepler mit Blick auf die im Februar beginnende Saisonorbereitung. Einen Monat lang darf er mit den Stars trainieren und sich bei den täglichen Spielen vor zahlenden Zuschauern für den endgültigen Kader von 25 Spielern empfehlen.

Diese Chance will er nutzen, und deshalb ist in diesem Winter keine Zeit für einen Besuch in Regensburg. Nur zwei Wochen Pause gönnt er sich, um mit der Familie Weihnachten zu feiern. Vier bis fünf Mal pro Woche geht er in dieser Zeit ins Fitnessstudio, und ein Mal eben auch in die Sporthalle nach Neukölln.

Dort drängen sich 50 Kinder, um auf dem von der Berliner Baseball School organisierten Trainingstag Tipps vom Heimkehrer zu bekommen. Einige von ihnen kennt er aus Zeiten, als er auf die John F. Kennedy School in Zehlendorf ging und für die Berliner Teams Challengers und Sluggers spielte. Die übrigen Trainer sind ohnehin alte Freunde, denn die Berliner Baseball-Gemeinde ist überschaubar. 70 Männer- und Frauenteams aller Altersstufen sind auf gerade mal acht Sportanlagen aktiv, in Deutschland gibt es circa 25.000 Aktive. Umso größer war die Begeisterung in der Szene, als einer von ihnen mit nur 16 Jahren für eine Rekordsumme in das Baseball-Mutterland geholt wurde.

Die Twins gaben Kepler für die Vertragsunterschrift 800.000 Dollar. Ein höherer Bonus war damals noch nie für ein Talent aus Europa gezahlt worden, und das weckte natürlich Erwartungen. Sogar das Wall Street Journal nahm von dem Deutschen Notiz, Scouts verglichen ihn bereits mit der Baseballgröße Shawn Green, dem zweifachen All-Star-Spieler, der in den Nullerjahren die Fans mit seinem geschmeidigen Schwung begeisterte. Trotzdem war Kepler in den USA nicht der Auserwählte, sondern einer von zigtausend Baseballspielern. „Als ich das erste Jahr da war, haben sie mich angeguckt, als ob ich falsch am Platz sei.“ Europäer sind Baseball-Exoten und eigentlich ist es Kepler ganz recht, dass er dort nicht im Rampenlicht steht. „Ich will lieber nicht so rausstehen“, erklärt er.

Schonung für die Ellbogen

Beim Neuköllner Baseball-Camp dreht sich dennoch alles um den 20-Jährigen. Kindern die Grundlagen des Spiels erklären, Mut machen, Begeisterung teilen – Kepler genießt das. „Ich möchte das gerne jedes Jahr machen“, sagt er. Michael Kaiserauer, Jugendnationalspieler, würde das freuen, denn der Besuch von Kepler spornt ihn an. „Ich muss mehr arbeiten, um das Level zu erreichen“, sagt der 15-Jährige. Doch auch sein Vorbild muss weiter investieren. „Max wird noch Zeit brauchen“, sagt Brunner. Zehn bis zwölf Jahre dauere es, ein fertiger Spieler zu werden, fügt er an.

Derzeit wird Kepler als erster Basemann eingesetzt, da der Ellbogen so weniger in Anspruch genommen wird. Eine Position, die bei den Twins von keinem geringeren als Joe Mauer besetzt wird, einem Star, der bis 2018 noch 115 Millionen Dollar verdienen wird. Brunner sieht die Stärken Keplers aber sowieso im Rückfeld, und auch der Berliner hätte nichts gegen eine Rückversetzung auf seine ursprüngliche, laufintensivere Position. „Im Outfield herumzulungern und alle drei Innings einen Ball zu bekommen, ist für mich spannender“, sagt Kepler. Er liebt es eben, immer auf der Lauer zu sein. Die Aussicht formulierte ein amerikanischer Experte so: „Er könnte eines Tages einer der besten Schlagmänner sein, der jemals aus Europa kam.“