Carsten Straube muss beim Basketball-Turnier eine klare Richtung vorgeben.
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München/BerlinEigentlich hatte sich Carsten Straube auf diese eine Perspektive festgelegt. Sein Hotelzimmer war nicht zu einhundert Prozent aufgeräumt, und deshalb gab es den Basketball-Schiedsrichter nur auf dem Bett sitzend und vor einer hübsch dekorierten Wand zu sehen. Zumindest bis zu dem Punkt, als es um die Regeneration zwischen den Spielen ging und er unbedingt seine Recovery Boots präsentieren wollte. „Die sind sensationell, das ist das erste Mal, dass ich die benutze, und es die beste Regeneration, die ich je hatte“, erzählt er und schwenkt mal kurz neben das Bett. Die dort am Boden liegenden Boots, die im ersten Moment wie eine Skihose aussehen und bereits von vielen Leistungssportlern für die Regeneration nach Wettkämpfen genutzt werden, haben er und die anderen Schiedsrichter von der Basketball-Bundesliga (BBL) gestellt bekommen. Und die erfüllen ihren Job exzellent. „Man merkt es direkt nach den 30 Minuten Behandlungszeit. Da sind die Beine so leicht“, erzählt er.

Es ist Nachmittag im Turnierhotel am Münchner Olympiapark. Am Abend pfeift Straube die Partie zwischen Ludwigsburg und Bamberg, sein drittes Spiel an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Mentale und körperliche Regeneration ist da noch wichtiger als sonst. Die Beine spürt er nach den ersten Turniertagen am meisten. Das ist kein Wunder nach der Corona-Pause von fast drei Monaten.

Dabei ist der Schiedsrichter aus Sachsen-Anhalt ein solches Pensum durch zahlreiche internationale Turniere eigentlich gewohnt. „Aber es ist schon eine andere Belastung, weil es eine andere Intensität ist und wir zu jeder Zeit gefordert sind. Die Konzentration muss immer hoch sein, das ist auch für einen Schiedsrichter eine Herausforderung“, sagt er und weiß mittlerweile genau, was er machen muss, um die Leistungsfähigkeit oben zu halten: „Regeneration, Behandlung durch die Physiotherapeuten, Kompression, Stretching und Kaffee.“

Anders als die Schiedsrichter in der NBA, der nordamerikanischen Basketballliga, sind die deutschen Referees keine Profis. In seinem eigentlichen Berufsleben hat der 36-jährige Zerbster in diesem Jahr den Lehrerjob in einer Förderschule gegen einen Posten im Landesschulamt getauscht. Um den Urlaubsantrag bei seinem Arbeitgeber kam er trotzdem nicht herum. „Da ich jetzt aber nicht mehr in der Schule bin, fällt immerhin kein Unterricht aus“, sagt er. Noch weiß Straube nicht, ob er auch die komplette Turnierdauer im Hotel bleibt. Erst nach dem Viertelfinale wird ein Teil der Schiedsrichter nach Hause geschickt. Straube hofft natürlich, dass er das Finale pfeifen darf.

Entscheidungen wie den viel diskutierten Pfiff im Spiel Ludwigsburg gegen Frankfurt kurz vor dem Spielende schaut er sich noch einmal genau an und setzt sich damit kritisch auseinander. Und führt natürlich, neben den täglichen Schiedsrichter-Meetings am Vormittag, das eine oder andere Gespräch mit Kollegen, Vereinsverantwortlichen und Spielern. „Die Situation hier im Hotel ist natürlich einmalig. Es gibt ganz viele Berührungspunkte und ganz viele Möglichkeiten zu sprechen.“

Die Vermischung von allen Beteiligten dieses Turniers lässt auch darüber hinwegsehen, dass man im Prinzip in einer Blase lebt, nur mal in kleinen Gruppen durch den Olympiapark joggen oder spazieren darf, ansonsten aber isoliert von der Außenwelt ist. Noch aber kommen alle damit gut zurecht. „Man sieht, wie Spieler und Trainer sich unterhalten, wie es zu Begegnungen kommt. Auch wir kommunizieren mit anderen Leuten. Darin liegt auch das Potenzial des Turniers, dass man mal über einen längeren Zeitraum mit Leuten in Kontakt kommt und sich ein bisschen mehr kennenlernt“, sagt Straube.

Und ganz nebenbei wird natürlich auch noch ein bisschen Basketball gespielt. Straube hatte die große Ehre, gleich das Eröffnungsspiel des Turniers pfeifen zu dürfen. „Bei mir hat es gekribbelt“, sagt er mit einem breiten Lächeln, „endlich mal wieder, nach fast drei Monaten, ein Spiel zu pfeifen, war sensationell. Ich war aber positiv davon überrascht, dass es von der ersten Sekunde an gleich ein Spiel im Wettkampfmodus war. Kein Abtasten, kein Taktieren, sondern sofort Wettkampflevel. Für mich und meine Kollegen hieß das, dass auch wir sofort zu 100 Prozent da sein müssen.“

Anders als die Spieler, die sich erst noch ein wenig an eine Halle ohne Zuschauer gewöhnen mussten und das auch so kommunizierten, kennt Straube dieses Gefühl sehr gut. Aus unterklassigen Spielen, die er im Basketballverband Sachsen-Anhalt noch immer bei Gelegenheit leitet und die ihm helfen, sich auf gewisse Situationen vorzubereiten. Und aus Vorbereitungsspielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus dem Sommer. „Wir Schiedsrichter sind deshalb schon an diese Geisterspiel-Atmosphäre gewöhnt. Wir kennen diese Art von Spielen und haben da einen Wissensvorsprung“, sagt er.