Santo André - Als sich Bastian Schweinsteiger auf dem Sportplatz im Südtiroler Passeiertal dann endlich vorsichtig traute, ein paar halbhohe Pässe auf den Fitnesstrainer Shad Forsyth zu spielen, wurde das von den Beobachtern auf der Tribüne als Sensation wahrgenommen. Schaut her, der Schweinsteiger kann wieder schießen! Fünfeinhalb Wochen ist das jetzt her, und den temperierten Halbflugbällen zum Trotz glaubte niemand wirklich, dass der Profi vom FC Bayern mit seinen ständig wechselnden Blessuren bis in die WM hinein wieder soweit hergestellt sein würde.

Auch Joachim Löw glaubte das nicht. Er versprach Philipp Lahm den Platz von Schweinsteiger und nominierte eilig noch den unbekannten Christoph Kramer aus Mönchengladbach. Sicher ist sicher. Aber dann hat sich Schweinsteiger schnell wieder erholt. Löw hat das erkannt und jetzt alles wieder umgeworfen, was ihm bestimmt nicht leichtfiel. Aber wenn ein Trainer denkt, dass das so besser für das Team ist, muss ein Trainer ein Versprechen brechen, auch wenn das nicht angenehm ist. Es geht kein Weg an Schweinsteiger mehr vorbei. Der Kerl hat sich zurückgekämpft.

Die Erziehung zum Kämpfer

„Ich bin so erzogen worden, dass ich niemals aufgebe“, hat Schweinsteiger mal in einem Interview mit dem Kicker gesagt. Er stammt aus Oberaudorf, einem 4 000-Seelen-Dorf in der Nähe der Grenze zu Österreich. Die Menschen dort gelten als besonders zäh und widerstandsfähig. Es gibt einen Lift im Ort. Schweinsteiger war früher ein sehr guter Skifahrer. Aber natürlich ist er nicht immer unten angekommen. Er hat früh gelernt, wie es sich anfühlt, hinzufallen. Und dann auch wieder aufzustehen. Sowas prägt. Er hat auch aus seinem verschossenen Elfmeter im Champions-League-Finale in München 2012 gegen den FC Chelsea Kraft gesaugt. Das war die schwerste Zeit.

Er gibt nur noch sehr selten Interviews, aber das mit dem Kicker war unvermeidlich. Es war vor einem Jahr. Er war erstmals zum „Fußballer des Jahres“ gewählt worden, das Fachblatt organisiert diese Umfrage, und da gehört es sich als Sieger natürlich, Rede und Antwort zu stehen. Und als Führungskraft der deutschen Nationalmannschaft, als offenbar beliebtester deutscher Spieler in Brasilien vor dem Halbfinale an diesem Dienstag (22 Uhr/MESZ) gegen das Gastgeberland, gehört es sich auch, öffentlich nicht länger abzutauchen hinter Thomas Müller oder Manuel Neuer oder Philipp Lahm.

Sorgsam gepflegtes Image

Schweinsteiger hat das verstanden. Er weiß sich bei seinen seltenen Auftritten gezielt zu inszenieren und Botschaften zu verkünden. Vor vier Jahren, vor dem Viertelfinale gegen Argentinien in Kapstadt, hat er vor der verblüfften internationalen Presse den Aggressor gemimt. Die Botschaft war klar: Die Gauchos sollen nicht denken, die Deutschen hätten Angst vor ihnen. Zwei Tage später ließ Schweinsteiger Taten folgen und machte beim 4:0 das Spiels eines Lebens. Seitdem wird er in der Welt geachtet und gefürchtet.

Und geliebt wird er manchmal auch. Weniger in der Heimat, wo er mit der Presse ein, freundlich formuliert, ambivalentes Verhältnis pflegt, als vielmehr vor Ort. Schweinsteiger hat sein Image in Brasilien sorgsam gepflegt. Es gibt einen You-Tube-Clip, auf dem er vor der Dorfschänke die Hymne der Provinz Bahia anstimmt, es gibt Bilder in den sozialen Netzwerken: Schweinsteiger im Trikot von Esporte Clube Bahia, von Grêmio Porto Alegre, von Flamengo aus Rio de Janeiro.

Er bedient seine internationale Klientel – und er spielt fast wieder so gut Fußball, als wäre seine Patellasehne niemals entzündet gewesen, als hätte er im Fortlauf der Saison keine zwei Operationen am Sprunggelenk überstanden. Gegen Brasilien, sagt er, traue er sich zu, „mehr als 90 Minuten“ durchzuhalten. Aber wer genau hinschaut, sieht bei aller Hingabe auch, dass Schweinsteiger seine Kräfte sehr genau dosiert.

Schweinsteiger, der Schachspieler

Sein Jugendtrainer Hermann Gerland sagt, er habe „noch nie einen Spieler gesehen, der mit 17 schon so weit war“. Schweinsteiger sei „ein Denker, ein Schachspieler“ auf dem Fußballplatz, „schlau, ballsicher, hart, kopfballstark“. Schweinsteiger und der grobschlächtige Herzensmensch Gerland unterhalten eine besondere Verbindung. „Der Tiger“, sagt Schweinsteiger, „fordert immer, dass wir Gras fressen sollen.“ Er hat das verinnerlicht: Gras fressen, „bereit sein, für die Mitspieler Meter zu machen“. Es ist die Überschrift, unter der diese WM für das Deutschland der Hochbegabten mehr bringen soll als die vergangenen Weltmeisterschaften.

Schweinsteiger ist der Generalschlüssel dazu. Mitspieler Jérôme Boateng sagt: „Er hat eine unheimliche Präsenz auf dem Platz, geht immer vorneweg, er reißt durch Körpersprache das Team mit – vor allem auch dann, wenn es mal nicht so gut läuft.“ Das könnte gegen Brasilien wichtig werden. Schweinsteiger sagt: „Man denkt immer, die Brasilianer sind die Zauberer, aber das ist nicht mehr so.

Die Mannschaft hat sich verändert, sie spielt anders Fußball, und Härte gehört definitiv dazu.“ Es hört sich natürlich nicht so an, als fürchte er das. Aber die Botschaft ist längst nicht so martialisch wie vor vier Jahren in Südafrika in Richtung Argentinien. Das wäre unklug. Bastian Schweinsteiger weiß das.

Er ist jetzt 29. Er wähnt sich am Scheitelpunkt von Erfahrung und dem, was von seiner Gesundheit noch übrig geblieben ist. Aber das muss nach 106 Länderspielen noch längst nicht das Ende sein, findet er: „Ich kann sicherlich noch eine WM spielen, wenn alles so funktioniert, wie es sein sollte.“ Aber wer weiß schon, was der Körper dazu sagt?