Steffen Baumgart, 46, hat den SC Paderborn in der vergangenen Saison von der Dritten zurück in die Zweite Liga geführt. Wobei seine Mannschaft dabei Woche für Woche mit höchst attraktivem Offensivspiel zu gefallen wusste. Am kommenden Sonntag kommt es nun zum Duell mit dem 1. FC Union. Fraglos ein besonderes Spiel für Baumgart, war er doch von 2002 bis 2004 für die Eisernen aktiv.

Herr Baumgart, wo erreichen wir Sie? Haben Sie die Länderspielpause genutzt, um mal ein paar Tage abzuschalten und nach Hause zu fahren?
Im Regelfall fahre ich jede Woche nach Hause. Am Freitag hatten wir eigentlich noch ein Testspiel, aber das fiel aus, weil die Flutlichtanlage nicht in Gang kam. Dann war ich am Sonnabend in Leipzig. Chemie hatte da ein Pokalspiel. Sozusagen Vorbereitung auf unser Pokalspiel. Danach bin ich nach Berlin.

Sie sind gebürtiger Rostocker, leben seit 2002 in Berlin, man verbindet Sie immer mit Union, obwohl Sie nur zwei Jahre für die Eisernen gespielt haben.
Dass das für mich ein besonderes Spiel ist, darüber müssen wir nicht groß reden. Dieser Verein ist etwas Besonderes. Ich spiele auch heute noch gerne für die Traditionself, bin oft bei Spielen gewesen oder anderen Veranstaltungen. Leute wie Carsten Baum, Susi Kopplin, Ellie Henschke oder Detlef Schneeweiß und andere machen für mich den Verein aus. Auch meine Frau Katja, die ein Teil dieser Unionfamilie geworden ist und im Fanshop arbeitet. Irgendwie war ich nie richtig weg.

Wenn Berlin, dann Köpenick

Hätten Sie sich das mal so vorstellen können, hier so heimisch zu sein?
Als ich nach Berlin gekommen bin, hätte ich nicht geglaubt, dass das mal meine Heimat wird. Das ist ja schwierig, sich so etwas vorzunehmen. Ich habe in Schwerin gewohnt, in Aurich oder in Wolfsburg gearbeitet. Das sind ja eher kleinere Städte, die man mit Berlin nicht vergleichen kann. Ich hatte großen Respekt vor dieser Stadt. Der wurde mir aber schnell genommen, weil man merkte, dass Berlin eher eine Aneinanderreihung von vielen Dörfern ist. Jeder lebt eigentlich nur in seinem Kiez. Wenn ich in Berlin bin, bin ich eigentlich nur in Köpenick.

Droht am Wochenende Familienzoff im Hause Baumgart?
Nein. Katja ist bestimmt genauso aufgeregt wie jeder andere auch. Sie fiebert ja jedes Wochenende mit Union mit. Aber sie weiß auch, dass ich meine Arbeit machen muss. Ich gehe jetzt nicht davon aus, dass sie bei einem Tor für Paderborn aufspringt und die ganze Tribüne entlang eilt. Das müssen wir jetzt nicht weiter thematisieren. Sie würde sich für mich freuen, ja, aber auch für sich, wenn Union gewinnt. Aber das halte ich auch für normal.

Kommt Ihnen die heutige Situation manchmal wie ein Märchen vor? Es war ja ein Himmelfahrtskommando, der SCP sah wie ein sicherer Drittligaabsteiger aus, als Sie den Job fünf Spieltage vor dem Saisonende übernahmen. Knapp 18 Monate später spielt er sogar in der Zweiten Liga.
So etwas kann man sich nicht erträumen. Ich habe hier eine Möglichkeit bekommen, die mir viele andere nicht eingeräumt hatten. Manager Markus Krösche hat mir das Vertrauen ausgesprochen. Dafür brauchten wir nicht mal lange Gespräche. Wir waren uns sehr schnell einig.

Erfüllt Sie das mit Genugtuung, es allen gezeigt zu haben? Ihnen wurde ja oft mit Vorurteilen begegnet.
Ich habe immer gesagt, gebt mir die Möglichkeit, dann werden wir sehen, ob es geht. Wenn ich was gerne mache, dann ist es Fußball. Ich freue mich einfach, dass wir Erfolg haben. Wie schnell das auch wieder in eine nicht so positive Spirale gehen kann, weiß ich, weil ich den Fußball in allen Facetten erlebt habe.

Paderborn steht für Spektakel 

Der SCP steht ja auch in dieser Saison für echtes Spektakel. Fünf Tore in Köln, vier im Magdeburg, inklusive Pokal in sieben Spielen mindestens zwei Tore erzielt. Kann Paderborn nicht anders?
Wir haben früher mit Fußball angefangen und jeder wollte nur ins Tor treffen. Aktuell habe ich aber manchmal das Gefühl, dass es in erster Linie darum geht, Tore zu verhindern. Wir aber wollen offensiv spielen, das lockt die Leute ins Stadion, das kann sie begeistern. Dabei halte ich unsere Spielweise gar nicht für extrem offensiv. Wir fangen nur früher an zu verteidigen. Wenn ich vorne attackiere und anlaufe, sind das eigentlich sogar Defensivaktionen. Aber wer vorne mehr spielt, kann auch mehr Tore schießen.

Ist die Zweite Liga so, wie Sie sie erwartet haben?
Für mich war klar, dass Köln da oben hingehört. Das hat man schon gesehen, als sie beim Abstieg entsprechend den Kader zusammengehalten haben. Aber für mich war auch klar, dass alle anderen Mannschaften in dieser Liga ihren Platz suchen werden. Von Platz zwei bis 18. Das sehen wir Woche für Woche an den Ergebnissen. Darmstadt war vor vier Wochen ganz weit oben, jetzt sind sie vergleichsweise weit unten. Regensburg war vor der englischen Woche fast auf einem Abstiegsplatz, jetzt sind sie Fünfter. Diese Liga ist absolut wechselhaft, und zwar in beide Richtungen.