Leverkusen - Eigentlich ist Heung-Min Son bisher nicht als boshafter Zeitgenosse aufgefallen, der koreanische Stürmer lächelt viel, ist immer höflich und gilt als sehr zurückhaltend. Nach dem 5:3 (2:1) von Bayer Leverkusen gegen den Hamburger SV hat Son aber einen geradezu sadistischen Plan ausgeheckt. „Ich gehe jetzt gleich rüber in die Kabine Heiko ärgern“, kündigte er an.

Gemeint war Heiko Westermann, mit dem der Koreaner in den vergangenen Jahren in Hamburg zusammengespielt hatte, und zum Glück hat er sein Vorhaben dann doch nicht realisiert. Denn dem armen Rechtsverteidiger ist wahrlich nicht nach Scherzen zumute gewesen. „Das war das schlechteste Spiel, das ich in meiner Karriere gemacht habe“, sagte Westermann, der von seinem Gegenspieler Son in eine Art Dauerschwindel gespielt worden war.

Die ersten drei Leverkusener Treffer hatte der Leverkusener zu dem spektakulären Spiel beigetragen, und das waren nicht irgendwelche ins Tor gestocherten Bälle, sondern hervorragende Schüsse, die die Durchsetzungskraft, die Nervenstärke und die Konsequenz eines Weltklassestürmers ausstrahlten. Außerdem hatte Son Stefan Kießlings 4:2 aufgelegt, der 21-Jährige spielte wie verwandelt an diesen Nachmittag. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte er und behauptete, er sei auch „etwas traurig“, dass dieser Durchbruch ausgerechnet gegen seine ehemaligen Mitspieler gelungen war.

Im Sommer war Son nämlich als Nachfolger für den zum FC Chelsea transferierten André Schürrle aus Hamburg nach Leverkusen gekommen, er hat zehn Millionen Euro gekostet, aber im ersten Saisondrittel agierte er verkrampft, unruhig und übereifrig. Seit dem ersten Spieltag hatte er nicht mehr getroffen. „Sonny wirkte bei uns irgendwie noch nicht richtig angekommen“, sagte Geschäftsführer Michael Schade am Sonnabend. Diese sensationelle Show gegen den ehemaligen Klub soll nun zum Wendepunkt werden.

Dabei war der Moment keineswegs günstig. Vorige Woche waren Sons Monate in Leverkusen von unterschiedlichen Medien als Geschichte des Scheiterns erzählt worden, auch deshalb hat Trainer Sami Hyypiä das Gespräch mit Son gesucht und ihm den Rat gegeben, „sich nicht so sehr unter Druck zu setzen, den Kopf freizumachen und lockerer zu sein“. Vielleicht hat das wirklich geholfen.

Möglicherweise wusste Son aber auch einfach aus Hamburger Zeiten, wie leicht es ihm fällt, Westermann auszuspielen. Wie dem auch sei, dieser Nachmittag gehörte ihm. In seiner Euphorie wies Son dann sogar darauf hin, das „Dortmund verloren“ habe, „jetzt müssen wir wieder angreifen“, forderte er. Das war dann aber doch reichlich übermütig. Denn wie eine Spitzenmannschaft hatten die Leverkusener nicht gespielt in dieser wilden Partie der unzähligen Unzulänglichkeiten.

Lasogga versucht zu begreifen

Nicht nur Pierre-Michel Lasogga, dem das zweite und das dritte Hamburger Tor gelungen war, hatte Mühe, die Geschehnisse zu begreifen. „Ich bin noch ein bisschen durch den Wind nach diesen 90 Minuten“, sagte der Stürmer, der einst in Leverkusens U19 spielte und nun in acht Spielen für den HSV acht Tore erzielt hat. Seine Hamburger seien „nicht die unterlegene Mannschaft“ gewesen, fand Lasogga, und Bert van Maarwijk sah das ganz ähnlich: „Nach dem 2:2 war ich mir sicher, dass wir hier nicht verlieren würden“, meinte der Fußballlehrer aus den Niederlanden, sein Team sei schließlich „lange Zeit fußballerisch gleichwertig“ gewesen.

Aber der HSV trug einfach die fataleren Missgeschicke zu diesem Festival folgenschwerer Fehler bei, für das Rafael van der Vaart den Begriff „Kindergartenfußball“ hervorholte. Natürlich meinte der Holländer damit vor allen Dingen den Auftritt seines eigenen Teams, aber in vielen Szenen agierten die Leverkusener ähnlich naiv und sorglos.

Der zuletzt so starke Simon Rolfes fand ebenso wenig ins Spiel wie Stefan Kießling oder Sidney Sam, sogar Son unterlief ein schlimmer Fehler, in dessen Folge das 4:3 fiel. Außerdem gab es, drei, vier brillante Kontergelegenheiten für die Leverkusener, die durch falsche Laufwege und missglückte Pässe leichtfertig verspielt wurden. Ein über 90 Minuten überzeugendes Bundesligaspiel hat die Werkself seit vielen Wochen nicht hinbekommen. Warum diese Mannschaft in der Tabelle dennoch beinahe auf Augenhöhe mit den Giganten aus dem ChampionsLeague-Finale steht, gehört zu den großen Rätseln der bisherigen Bundesligasaison.