Leverkusen - Simon Rolfes ist entsetzt gewesen in jener 90. Minute, als der Schuss von Jens Hegeler aufs Tor von Real Sociedad San Sebastián zugeflogen kam. „Ich habe gedacht: Hat der sie noch alle?“, erzählte der Kapitän von Bayer Leverkusen nach dem abenteuerlichen 2:1 über die Spanier, denn er war doch extra noch einmal zu Hegeler hingegangen und hatte eine Kopfballvorlage verlangt. Auch mit Stefan Kießling habe es vor dem Freistoß „eine kleine Diskussion“ gegeben, erzählte Hegeler, „der Kieß wollte eine Flanke“. Aber der 25-Jährige entschloss sich zur Rebellion. Er drosch den Ball in den Winkel und schuf damit einen dieser speziellen Fußballmomente, die sich in die Erinnerung einprägen.

Denn das Publikum freute sich nicht nur über ein aufregendes Spiel. Vielmehr wehte plötzlich ein Gefühl durch die Arena, das in Leverkusen noch viel seltener ist als ein Siegtor in der Nachspielzeit. Sie hatten eine Partie, die aus dem Ruder zu laufen drohte, mit Energie und Willenskraft doch noch zu einem guten Ende geführt.

Von Löw beflügelt

„Wir haben uns in den letzten zehn Minuten reingebissen, ich habe schon öfter gesagt, dass wir eine gute Mentalität haben“, meinte der starke Rolfes, der sich eher von der Anwesenheit des Bundestrainers Joachim Löw beflügeln ließ als der blasse Stefan Kießling. Auf solche Siege sind sie besonders stolz in Leverkusen. Schließlich steht der Werksklub traditionell unter dem Verdacht, in Momenten zu versagen, in denen die eigenen Grenzen ausgereizt werden müssen.

Schon das 1:0 (45.) von Rolfes, das eine fußballerisch beachtliche erste Halbzeit krönte, war ein Akt des Willens, bevor in der zweiten Halbzeit irgendwie „die Balance verloren“ gegangen war, wie Trainer Sami Hyypiä beklagte. Nach dem Ausgleich (51.) hatte San Sebastián drei, vier wunderbare Möglichkeiten auf ein zweites Tor. „Die hätten das Spiel genauso gewinnen können“, meinte Torhüter Bernd Leno, der zum besten Leverkusener avancierte. Wer den technisch-taktisch-systematischen Aspekt in den Mittelpunkt stellt, musste von Bayers zweiter Halbzeit enttäuscht sein, aber in Leverkusen wird seit der Vorsaison verstärkt der Charakter der Mannschaft betrachtet.

Sportdirektor Rudi Völler sprach von einer „großartigen Willensleistung“. Die Einwechslungen von Robbie Kruse (68), Emre Can (69.) und Hegeler (85.) hatten das Spiel neu belebt. Das sei kein Zufall, in diesem Jahr seien auch die Spieler jenseits der ersten Elf „mental fokussiert“, sagte Rolfes. Das Duell mit dem FC Bayern am Sonnabend sei jetzt nur noch ein „Zusatzspiel“. Aber ein spannendes, immerhin ist es Leverkusen in der vorigen Saison besser als allen anderen Bundesligisten gelungen, ein wirksames Mittel gegen die Münchner Fußballkunst zu finden.