Berlin - Wer von Demut spricht und vorgibt, demütig zu sein, ist es noch lange nicht. Für echte Demut reicht ein Bekenntnis nun mal nicht aus. Dafür braucht es eine innere Haltung und ein daraus resultierendes Muster für Verhalten und Tat, schlussendlich die seltene Fähigkeit zur fortwährenden Selbstbeherrschung. Kurzum: Demut ist anstrengend.

In diesem Zusammenhang gibt Karl-Heinz Rummenigge ein besonders interessantes Beispiel ab. Man könnte auch sagen, der 65 Jahre alte Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München ist für all diejenigen, die vom Profifußball in Zeiten von Corona ein Umdenken, ja ein klein wenig mehr Demut fordern, dabei doch letztlich ohne Hoffnung sind, der Heuchler Nummer eins. Selbstverschuldet steht der Bayern-Boss dabei im Fokus der Kritik, weil er mit seinen selbstgerechten Einlassungen und seinen nur selten überzeugenden Argumenten tatsächlich den Eindruck der Scheinheiligkeit erweckt. Mitleid ist also nicht angebracht, ein klein wenig Nachsicht allerdings schon.

Am Sonnabendabend versuchte Rummenigge als Gast des „Aktuellen Sportstudios“ jedenfalls einmal mehr zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Reisen zu Europapokalspielen quer durch den Kontinent während einer Pandemie inklusive Spielverlegungen von Champions-League-Partien nach Budapest oder sonst wohin? Darauf hätten die deutschen Klubs und damit auch der ansonsten so einflussreiche FC Bayern keinen Einfluss, das seien Entscheidungen der Europäischen Fußball-Union (Uefa) gewesen, sagte Rummenigge, mit dem Hinweis, dass die einzige Alternative wäre, nicht am Europapokal teilzunehmen. 

Rummenigge verweist auf Angela Merkel

Was wohl auch für die Klub-Weltmeisterschaft in Katar gilt, bei der die Münchner nicht nur aus sportlichen Gründen, sondern vor allen Dingen aufgrund der wirtschaftlichen Bande zum menschenrechtsverachtenden Gastgeber zugegen waren und schließlich den Siegerpokal davontrugen. In diesem Zusammenhang berief sich Rummenigge in dreister Weise auf Angela Merkel, die 2018 doch den Mittelstand in Deutschland aufgefordert habe, mit Katar Handelsbeziehungen aufzunehmen.

Und sein Vorstoß, dass man die Profifußballer doch bevorzugt impfen solle, im Sinne einer Vorbildfunktion, welche die Berufsfußballer damit einnehmen könnten? Nun, da habe man ihn missverstanden beziehungsweise er habe sich missverständlich ausgedrückt. „Wir“, fügte Rummenigge an, ohne zu erklären, wen er da alles miteinbezieht, „sind überhaupt nicht arrogant, wir verlangen überhaupt keine Sonderrolle.“ Schließlich betonte er: „Der Fußball hat nach wie vor Demut.“

Der Fußball, also der Profifußball, den Rummenigge meint, hatte im Großen wie im Kleinen schon mehrmals Krisen, aus denen er letztlich nichts gelernt hat. Man zeigt sich dann durchaus betroffen, verspricht Abhilfe, wenn es in den Arenen mal wieder zu rassistischen Übergriffen gekommen ist, hält Schweigeminuten, trägt Trauerflor, wenn sich einer aus den eigenen Reihen unter anderem wegen des systemimmanenten Drucks das Leben nimmt. Siehe Robert Enke. Befeuert vom ungebrochenen Interesse des Publikums sah man sich letztlich aber nicht zu grundlegenden Korrekturen gezwungen, machte weiter wie bisher, was aufgrund der Kräfte, die in so einer Massenkultur wirken, wohl auch schwerlich zu vermeiden ist.

Es wird wieder der Punkt kommen, an dem der Fußball auf dem Stand von vor der Krise ist.

Toni Kroos

Geld und Vernunft, Kapitalismus und Demut passen halt nicht wirklich zusammen, stehen sich auch in Zukunft in Bezug auf das Fußballgeschäft gegensätzlich gegenüber, sodass man sich bei einer Prognose wohl eher an der Einschätzung von Toni Kroos orientieren sollte. Schon im Frühjahr 2020 hatte der nicht nur in sportlicher Hinsicht lange Zeit unterschätzte Nationalspieler Folgendes zum Besten gegeben: „Es wird wieder der Punkt kommen, an dem der Fußball auf dem Stand von vor der Krise ist.“ Auch deshalb, weil der Profifußball aufgrund seiner von den TV-Sendern ausgestellten Lebensversicherung durch die Corona-Krise wohl keinen nachhaltigen Schaden nehmen wird.

Und doch ist es unsportlich, um im Bild zu bleiben, einzig und allein die Protagonisten des Profifußballs als uneinsichtige beziehungsweise wandlungsunfähige Spezies anzuprangern. Wer in den vergangenen Monaten nicht in wirtschaftliche Not geraten ist, wird, wenn die Pandemie dank Impfung und Schnelltest erst mal ihren Schrecken verloren haben wird, wohl auch wieder konsumieren wie ehedem. Wird zum Teil unnütze Sachen erwerben, wird in den Urlaub reisen und samt Familie einen vergnüglichen, wenn auch kostspieligen Nachmittag  im Stadion verbringen. Das alles ist ichbezogen, aber vielleicht einfach nur allzu menschlich.