Größte Harmonie beim FC Bayern: Thomas Müller (r.) und Robert Lewandowski.
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BerlinEs war einmal in einem All-Star-Game der NBA, da fehlte Michael Jordan, dem größten Basketballspieler aller Zeiten, noch eine Korbvorlage zum begehrten Triple-Double, zweistelligen Werten etwa bei Punkten, Rebounds und Assists. Kurze Zeit später spielte er wunderbar Scottie Pippen frei, doch der legte den Ball unkonzentriert am Korb vorbei. Das folgende Donnerwetter war nicht nur spaßhaft gemeint, doch zum Glück für den Teamkollegen schaffte Jordan bald darauf doch noch das erste Triple-Double der All-Star-Geschichte. Assists, das zeigt dieses Beispiel, sind eine trickreiche und knifflige Kategorie, hat ihr Erfolg doch nicht nur mit dem Absender zu tun, sondern vor allem auch mit der Kompetenz des Adressaten. Das erklärt auch, warum der Vorlagen-Rekordhalter der Fußball-Bundesliga nicht von, zum Beispiel, Arminia Bielefeld kommt, sondern von Bayern München.

Dabei ist Thomas Müller der Konkurrenz längst weit enteilt, die Nummer zwei der ewigen Assistliste, die seit 1988 geführt wird, ist Franck Ribéry mit 120 „Dishes“, wie die Basketballszene den Vorgang kulinarisch inspiriert nennt. Müller hat am Sonnabend die 150 vollgemacht, nachdem er in der vergangenen Spielzeit schon Kevin De Bruyne überholt und mit 21 Vorlagen einen neuen Saisonrekord aufgestellt hatte. Kein Zweifel, Thomas Müller ist gerade in seinem Element, was nicht zuletzt an Robert Lewandowski liegt, seit einigen Jahren der getreue Abnehmer seiner Pässe, der auch beim 4:1-Sieg der Bayern in Bielefeld die Nummer 150 seines umtriebigen Kollegen veredelte. Ganz nebenbei holte sich Müller in diesem Jahr auch noch die Bayern-Rekorde für die meisten Meistertitel, die meisten Siege in Pokalspielen und die meisten Champions-League-Einsätze.

Müllers Abwicklung war nicht abzusehen

Als der spindelbeinige Angreifer das letzte Mal vor dem samstäglichen Auftritt auf der Bielefelder Alm gastierte, war diese Entwicklung nicht unbedingt abzusehen. Das war im Frühjahr 2009, und er wurde in der 94. Minute für Luca Toni eingewechselt, um die knappe 1:0-Führung über die Zeit zu bringen, für die ebenjener Toni gesorgt hatte. Es war sein zweiter Einsatz in der Bundesliga, zuvor hatte es lediglich ein Kurzgastspiel zum Saisonauftakt gegeben. Doch dann kam als Trainer der jugendaffine Louis van Gaal zu den Bayern und beförderte Müller neben Leuten wie Holger Badstuber oder David Alaba von der dritten in die erste Liga.

Es folgte eine atemberaubende Blitzkarriere, zunächst in die Stammelf der Münchner, dann auf den letzten Drücker in den Kader für die WM 2010, dort in Südafrika zum Torschützenkönig des Turniers und für viele Jahre danach zum unverzichtbaren Bestandteil des Nationalteams. Das endete, als ihn dort offenbar ein Phänomen befiel, das man beim Golf oder Baseball „Yips“ nennt. Gewohnte Bewegungsabläufe funktionieren nicht mehr, bei Müller war das der erfolgreiche Torschuss, was nach der Flauten-WM 2018 sogar dem Bundestrainer auffiel. Joachim Löw musterte ihn nach Sami Khedira und gemeinsam mit Mats Hummels und Jérôme Boateng aus, auch weil er der nachrückenden Jugend abseits des Spielfelds Entfaltungsraum schaffen wollte, der zuvor von den Platzhirschen und Wortführern okkupiert war.

Für einen ausgebooteten Nationalspieler ist Thomas Müller noch recht jung, kürzlich wurde er 31, weshalb das öffentliche Gejammer über sein Fehlen noch vier bis fünf Jahre andauern dürfte. In Wahrheit tut es seinem Spiel gut, dass er sich voll auf die Bayern fokussieren kann, beleidigt ist er natürlich trotzdem. Auch die temporären Missachtungen seines Stammspieleranspruchs durch Trainer wie Pep Guardiola, Carlo Ancelotti und Niko Kovac quittierte er mit eher typferner Grantigkeit und wusste sich durchaus zu wehren, indem er eine Hausmacht einsetzte, die er in langen Bayernjahren erworben hat. In die Ferne zog es ihn nie, schließlich sagte er schon im Sommer 2010: „Wenn mir jemand prophezeien würde, dass ich in den nächsten zehn Jahren bei den Bayern spiele, unterschreibe ich das sofort.“

Seinen 150. Assist wollte Müller am Sonnabend übrigens gern schon zum 1600. Auswärtstor der Bayern in der Bundesliga liefern, doch weil sein Pass vom Gegner zurückprallte, schoss er diesen historischen Treffer zum 1:0 einfach selbst. Yips!