Manuel Neuer wehrt sich gegen den Vorwurf der Maßlosigkeit.
Foto: Philippe Ruiz/Imago Images

MünchenAls Kapitän Manuel Neuer am 6. Januar im Trainingslager erstmals nach der bestätigten Verpflichtung von Schalkes Torwarttalent Alexander Nübel zur kommenden Saison über den künftigen Kollegen und seine Zukunft sprach, gab er sich sehr selbstbewusst, kurz nach dem ersten Gespräch mit Sportdirektor Hasan Salihamidzic über seine angestrebte Vertragsverlängerung beim FC Bayern über 2021 hinaus. „Ich bin kein Statist, sondern Protagonist“, sagte Neuer in Katar und äußerte sich in diesem Sinne auch zur beidseitig angestrebten Ausdehnung der Zusammenarbeit: „Die Voraussetzungen dafür bestimme natürlich ich, die Gedanken habe ich im Kopf. Die werde ich auch nicht preisgeben. Aber einiges kann man sich auch denken.“

Indiskretionen, das musste man sich gar nicht dazudenken, gefielen Neuer schon damals nicht. Das galt allen voran für jene, dass aus der ersten Unterredung mit Salihamidzic Inhalte nach außen gedrungen waren. Wie vor allem Neuers klare Haltung, nicht freiwillig auf Spiele zugunsten Nübels, 23, verzichten zu wollen.

Neuer kämpft um einen letzten großen Vertrag

Inzwischen geht es auf Mai zu. Zwei andere Münchner Protagonisten – Trainer Hansi Flick, 55, und Thomas Müller, 30 – haben bis 2023 verlängert, was Neuer sehr begrüßt. Vor allem die Vereinbarung mit Flick, den Neuer sehr schätzt und umgekehrt, bezeichnete er nun in der Bild am Sonntag als „Signal“, dass er bleiben wolle. Dennoch haben seine Irritationen noch zugenommen, zumal erneut Gesprächsinhalte über sein angestrebtes Arbeitspapier in Umlauf geraten waren.

Vor allem, so sehen es Neuer und sein Berater Thomas Kroth, ist dabei ein Bild des Nationaltorwarts als maßloser Profi entstanden, das sie mit einem unüblichen Vorstoß im ohnehin seltsam öffentlichen Poker korrigieren möchten. Neben Neuers Image geht es ihnen trotz Kritik auch um die Pflege des Ziels, das sie mit dem FC Bayern eint: Ausgehandelt werden soll ein letztes, großes Arbeitspapier in Neuers Karriereherbst. Allerdings halten sie im Verein dabei mehr Vorsicht für geboten, besonders bei der Vertragsdauer. Zudem wissen sie, dass ihre Konditionen anderswo kaum überboten werden dürften, zumal in der Coronakrise. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge verwies bereits darauf, dass man keinen Corona-Discount eingepreist habe.

„Einfach falsch“ sei das entstandene Bild seines Klienten, sagte Kroth nun, denn „schlichtweg falsch“ seien die überlieferten Zahlen. Der FC Bayern habe Neuer einen Kontrakt bis 2023 geboten und die Spielerseite einen Vertrag bis 2025 und gut 20 Millionen Euro Jahresgehalt gefordert, hieß es zuletzt unter Verweis auf die Topverdiener, zu denen neben Robert Lewandowski auch Lucas Hernández und Leihspieler Philippe Coutinho zählen sollen. Neuer sagte dazu: „Mir ist doch völlig klar, dass es utopisch ist, den Verein auf einen Fünfjahresvertrag, wie er angeblich im Raum steht, festzunageln. Mit 34 Jahren kann ich ja nicht absehen, wie es mir mit 39 Jahren geht. Darum macht diese Endgültigkeit, die öffentlich suggeriert wurde, ja überhaupt keinen Sinn.“ Vielmehr schwebe ihm ein Vertrag vor, „bei dem der FC Bayern und ich eine Win-win-Situation haben“ und „alle glücklich sind“.

Die Suche nach dem Leck

Offenbar, so lässt sich das deuten, wünscht sich Neuer ein Papier bis 2024, bestenfalls plus Option. Was Neuer demnach nicht möchte: Einen Vertrag bis 2023 und mit dann 37 Jahren noch zu fit und leistungsstark fürs Karriereende auf Topniveau zu sein – samt der Unsicherheit, ob die Bayern dann bereits voll auf Nübel setzen möchten. „Ich möchte so lange spielen, wie ich fit bin. Aber vor allem möchte ich Vertrauen spüren, das ist mir das Wichtigste“, sagte Neuer. Er wolle zudem „alles dafür geben, dass wir den maximalen Erfolg haben“, doch „dafür müssen die Voraussetzungen stimmen, darum geht es gerade“. Neben Vertrauen wolle er auch „Wertschätzung“ spüren.

Beides vermisst er gerade ebenso wie Verschwiegenheit. Ihn irritiere, dass alle Gespräche seit seinem Wechsel 2011 vom FC Schalke nach München stets sehr vertrauensvoll geführt worden seien, „jetzt aber stehen ständig Details aus den aktuellen Gesprächen in den Medien, die oft nicht einmal stimmen.“ Und klar sei, sagte Neuer: „Das ärgert mich. Das kenne ich so nicht beim FC Bayern.“ Offenbar würden jetzt Sachen „gezielt nach außen getragen“, was allerdings kein ganz neues Phänomen in München wäre.

Zumindest für die erste Weitergabe kommen nicht viele Gesprächspartner aus Bayerns Führungsetage in Frage, da Kroth Ende März mit Salihamidzic und Vorstandsmitglied Oliver Kahn zusammengetroffen war. Dennoch muss das Leck nach außen nicht bei ihnen liegen, beide stimmen sich beispielsweise mit Rummenigge ab.