Joshua Kimmich jubelt über sein siegbringendes 1:0.
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GelsenkirchenEinige der größten Momente in der Geschichte des FC Schalke 04 hat die königsblaue Fußballgemeinde bekanntlich in der Rolle des beinahe chancenlosen Außenseiters erlebt. Der völlig unerwartete Gewinn des Uefa-Cups ist bis heute identitätsstiftend, Schalker fühlen sich wohl, wenn ihnen eigentlich niemand etwas zutraut. Nun war am Dienstagabend der formstarke FC Bayern im DFB-Pokalviertelfinale zu Gast bei Schalkern, die eine schwere sportliche Krise erleben – beste Zutaten also zur Entstehung dieses besonderen Schalker Außenseiterzaubers. Die Mannschaft von Trainer David Wagner spielte mit limitierten Mitteln, aber mit jeder Menge Hingabe und Leidenschaft. Das Publikum ließ sich mitreißen, bis ganz zum Schluss war es spannend, nur mit viel Mühe gewann der Rekordmeister im Revier durch ein Tor von Joshua Kimmich mit 0:1 (0:1).

Die Bayern stehen damit im erneut Halbfinale, und die Schalker nehmen viele stärkende Erkenntnisse mit in die kommenden Wochen. Zum Beispiel zu ihrem Torhüterproblem. Statt Alexander Nübel spielte wie erwartet Markus Schubert, vieles deutet sogar darauf hin, dass damit eine endgültige Wachablösung vollzogen wurde. Nübel, der noch als Kapitän in die Saison gestartet war, ist wohl doch eine zu große Belastung geworden. Weil die Diskussionen über seinen Wechsel zum FC Bayern permanent für Unruhe sorgen, weil er spürbar verunsichert ist und mittlerweile auch den Rückhalt bei weiten Teilen des eigenen Anhangs verloren hat.

Zu früh gejubelt

Schubert spielte konzentriert wie die gesamte Schalker Defensive, die sich weit zurückzog, um die Räume vor dem eigenen Strafraum zu verdichten. Der FC Bayern war zwar ständig am Ball, aber der Außenseiter erzeugte mit seltenen Gegenangriffen zunächst kaum weniger Gefahr. Alessandro Schöpf schoss früh knapp am Münchner Tor vorbei (6.), und Guido Burgstaller traf nach einem tollen Konter und einer präzisen Flanke von Weston McKennie aus elf Metern die Latte (12.). Einmal jubelte das Stadion sogar, doch Burgstaller hatte vor seinem annullierten Tor knapp im Abseits gestanden (20.).

Der Favorit erkannte schnell, dass das hier kein Spaziergang werden würde. Je länger die erste Hälfte dauerte, desto mehr investierte die Mannschaft von Trainer Hansi Flick. Leon Goretzka (16.) und Thomas Müller hatten noch Pech mit Schüssen von der Strafraumkante (24.), aber Joshua Kimmich traf dann nach einer von den Schalkern nicht entschlossen genug geklärten Ecke mit einem weiteren Versuch aus der Distanz (40.) zum 1:0.

Es war heute gar nicht möglich, den Gegner so einfach zu überrollen. Weil die Schalker tief standen, aber auch der Platz sehr, sehr trocken war. Man dachte, da ist vorher noch einer mit dem Fön drübergegangen.

Joshua Kimmich

Es war ein sehenswertes und keinesfalls eintöniges Spiel gewesen, vor einem Publikum, das sich sehr zivilisiert verhalten hatte. Über der Partie schwebte ja nach der Eskalation im Konflikt zwischen verschiedenen Fangruppierungen und dem Deutschen Fußball-Bund vom vorigen Wochenende die Frage, ob wieder ein Spielabbruch drohen könnte.

Die Verlautbarungen aus der Kurve waren einerseits kritisch gegenüber dem Verband, den Klubfunktionären und der öffentlichen Debatte. Aber zugleich geprägt vom sichtbaren Vorsatz, keine Menschen zu kränken. „Dementer Fußball Bund. Eure Zusage gegen Kollektivstrafen vergessen. Versucht ihr uns nun uns Fans mit Spielabbrüchen zu erpressen?“, stand zum Spielbeginn auf Bannern in der Schalker Nordkurve. Nach der Pause legten sie dann nach: „Die Medien schreien und Schalke spricht. Nachgedacht wird wieder nicht. Sauber Vorstand.“ 

Alles bleibt im Rahmen

Die Schalker Verantwortlichen hatten ja angekündigt, vom Drei-Stufen-Plan des DFB abzuweichen, was nicht jeder klug fand. Laut der geltenden Leitlinien sollen die Partien derzeit nach drei beleidigenden Aktionen der Fans abgebrochen werden, der Gelsenkirchener Sportvorstand Jochen Schneider hatte nun den Plan gefasst, bereits nach einem Vorfall dieser Art in die Kabine zu gehen.

In einem Treffen am Montagabend hatten der DFB, die Schiedsrichter, der FC Bayern und der FC Schalke eine gemeinsame Strategie abgestimmt, über deren Inhalt vor der Partie jedoch nichts bekannt wurde. Aber es waren diesmal auch gar keine Maßnahmen erforderlich, alles blieb im Rahmen, es ging um Fußball, und das Spiel blieb spannend.

Die Bayern kombinierten kunstvoll weiter, aber klare Chancen bleiben selten. Coutinho traf mit einem 16-Meter-Schuss die Latte (62.), aber die Schalker lauerten auf ihre Chancen, die auch kamen. Zum Beispiel in der 64. Minute, als Rabbi Matondo auf dem linken Flügel angespielt wurde, sich mit seinem Tempo durchsetzte und den eingewechselten Benito Raman in der Mitte anspielte. Doch der Belgier scheiterte aus bester Position an Manuel Neuer (64.). Sie hatten noch weitere Ansätze zu Chancen, aber am Ende blieb der FC Bayern stabil.