Melanie Gernert will jetzt von der Jüngeren lernen.
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BerlinKurze blonde Haare, das dunkelblaue Cap falsch herum auf, dazu Kniebandagen an beiden Beinen, Sonnenbrille: So ist Melanie Gernert, 32, als Beachvolleyballerin im Sommer überaus erfolgreich auf den Sandplätzen der deutschen Turniere unterwegs. Ihre Bekanntheit könnte steigen: Kira Walkenhorst, Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Beachvolleyball, feiert ihr Comeback – und hat sich für Gernert als neue Partnerin entschieden.

Wer ist die Neue an Walkenhorsts Seite? Gernert wurde in Forst in der Lausitz geboren, sie wuchs in Weißwasser auf. Der Ort war in der DDR für seinen erfolgreichen Eishockey-Klub bekannt, auch Gernerts Großvater spielte für den Verein. Als Kind versuchte sich die 32-Jährige deswegen ebenfalls in dem Sport, aber „die ganze Ausrüstung war ganz schön teuer“, erzählt sie in einem Café in Berlin-Prenzlauer Berg. Mit 13 Jahren probierte sie es mit Volleyball – und lag damit genau richtig.

Eine Entscheidung mit Folgen

Mit ihrem großen Talent und einer Leichtigkeit, die zugleich Fluch und Segen ist, fiel Gernert mit 20 Jahren erstmals dem Deutschen Volleyball-Verband auf. Dadurch, dass sie Dinge schnell abschließt und sich nie in Momente hineinsteigert, gelang es der 1,77 Meter großen Abwehrspielerin oft, ihr bestes Beachvolleyball abzurufen. Sie erhielt ein Angebot, zu Chef-Nachwuchstrainer Jörg Ahmann nach Stuttgart zu gehen. Sie lehnte ab.

Stattdessen ging Gernert an den Olympia-Stützpunkt in Berlin, weil sie dachte, dort ähnliche Entwicklungsmöglichkeiten wie in Stuttgart zu haben. Kurze Zeit später verlor sie ihren Nationalkader-Status. „Talent hat man mir immer zugesprochen, aber vielleicht nicht den Kopf“, sagt die Rechtshänderin. „Ich habe immer mein Ding gemacht. Man hat in mir nicht den vorbildlichen, fleißigen Athleten gesehen.“ Sie hätte sich mehr Unterstützung gewünscht.

Ohne die finanzielle und organisatorische Hilfe, die ein Nationalspieler genießt, war eine internationale Karriere unmöglich. Versucht hat sie es dennoch. „Aber aufgrund der Finanzen nie mit 100 Prozent. Natürlich denkt man da manchmal zurück und fragt sich, was wäre wenn?“, gibt Gernert zu. Sie bereut aber nichts, „alleine schon, weil ich hier meine Verlobte kennengelernt habe. Ich bin ein Herzensmensch.“ Sie fing ein BWL-Studium an der Humboldt-Uni in Berlin an und konzentrierte sich auf die Beach-Turniere in Deutschland.

Sie sammelt Erfahrungen - und Medaillen

In der nationalen Serie gibt es keine Spielerin, die so erfolgreich ist wie Gernert. 43 Medaillen hat die Athletin gesammelt, darunter zwölf goldene. 2017 feierte sie ihren größten Erfolg, als sie mit Tatjana Zautys Zweite bei den Deutschen Meisterschaften wurde. Auf der Tour ist Gernert beliebt, seit 2018 vertritt sie die Interessen ihrer Mitstreiter als Spielervertreterin und setzt sich für die Weiterentwicklung des Beachvolleyballs ein.

„Mir war es wichtig, bei meinem Comeback eine erfahrene und gleichzeitig sehr ambitionierte Partnerin an meiner Seite zu haben, so dass ich mich zunächst einmal voll auf mein Spiel konzentrieren kann“, schrieb Kira Walkenhorst bei der Verkündung ihrer Wahl. Als ihre frühere Partnerin Laura Ludwig, mit der sie alle Titel gewann, die es im Beachvolleyball zu gewinnen gibt, eine Babypause einlegte, spielte Walkenhorst mit Nachwuchs-Hoffnung Leonie Körtzinger. In der Konstellation war sie die Erfahrene, die die Jüngere leiten sollte. Mit Melanie Gernert wählte die 29-Jährige die sichere Variante.

„Für mich muss sie keine Leitfigur sein, bei mir muss sie nicht auf irgendwelche Gefühle oder Techniken achten“, sagt Gernert. Dazu kommt, dass die beiden Spielerinnen, seit sie 2011 schon mal sieben Turniere gemeinsam absolvierten, gut befreundet sind. „Damals war Kira noch der Neuling und ich die Erfahrene“, erinnert sich Gernert, „in der Zwischenzeit hat sie einfach alles gewonnen, jetzt kann ich von ihr lernen. Darauf freue ich mich am meisten: zu schauen, wie es die Großen machen.“

Einfach spielen und "schauen, was dabei herauskommt"

Um regelmäßig mit Walkenhorst trainieren zu können, schraubt die Berlinerin ihren Job bei einem Cashback-Portal auf eine Teilzeit-Stelle zurück. Walkenhorst, in Hamburg Mutter von Drillingen, und Gernert wollen abwechselnd in beiden Städten trainieren, Anfang März soll es ins Trainingslager gehen. Zunächst wird der Fokus auf der nationalen Tour liegen. „Wir wollen aber auch auf die Turniere im näheren Ausland schauen. So ein internationales Kräftemessen wäre interessant, um auszutesten, wo man steht“, so Gernert.

Für Kira Walkenhorst könnte 2020 ein Übergangsjahr werden, auch um zu sehen, wie weit es noch gehen kann. Im Januar 2019 hatte sie nach anhaltenden körperlichen Problemen ihr Karriereende angekündigt. Ein Essener Heilpraktiker behob ihre Schmerzen.  Die Olympischen Spiele 2024 sind das Fernziel der Weltmeisterin von 2017. Ob sie die mit Melanie Gernert angeht, ist offen.

Erfahrungsgemäß werden sich nach Olympia im kommenden Jahr viele Spielerinnen neu sortieren, einige ihre Karrieren beenden. Das ist auch Melanie Gernert bewusst, die Zusammenarbeit mit Walkenhorst ist zunächst auf ein Jahr ausgelegt: „Wir wollen da einfach guten Beachvolleyball spielen, Spaß haben und schauen, was dabei herauskommt“, sagt die Berlinerin.