Aufschlag für Tokio: Nils Ehlers steht mit Partner Lars Flüggen vor einer schwierigen Phase der sportlichen Karriere. 
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BerlinEin bisschen ist die Erinnerung schon verblasst. Die Erinnerung an den Moment, als Nils Ehlers die Nachricht von der Verschiebung der Olympischen Spielen in Tokio erhielt. Sie kam über WhatsApp. Ob es ein anderer Spieler aus dem Nationalkader der Beachvolleyballer, ein Trainer oder ein Betreuer war, der die Neuigkeit als erster weiterleitete, weiß der Berliner nicht mehr so genau. „Das ging in all den verschiedenen Gruppen, die wir haben, recht fix“, erinnert er sich. Geblieben ist die Frage nach den Folgen durch die Corona-Pandemie. Die stellt sich Nils Ehlers nun gemeinsam mit tausenden anderen Sportlern aus der ganzen Welt.

Dieser Tage ist viel vom Fußball die Rede, wird über die Frage diskutiert, ob die Bundesliga den Spielbetrieb wieder aufnehmen soll, weil ja die Existenz der Profiklubs daran hänge, die finanzielle Lage einiger dieser Klubs bedrohlich sei. Von den Problemen anderer Athleten, Athleten aus Randsportarten, spricht kaum jemand mehr.

Ungewissheit schon zu Beginn

Nils Ehlers zum Beispiel. Mit seinem Doppelpartner Lars Flüggen stand der 26-jährige Beachvolleyballer zuletzt kurz vor der Qualifikation für seine ersten olympischen Spiele. In der Rangliste, anhand welcher das Gros der Teilnehmer für Tokio bestimmt werden, liegt das Duo nur noch zwei Plätze hinter den Qualifikationsplätzen. Gute Ergebnisse im Jahr 2019 und beim diesjährigen Saisonauftakt in Doha ließen den Abstand nach oben stetig weiter schrumpfen und sorgten für viel Zuversicht und Optimismus. Dann kam das Coronavirus und brachte auch für das Duo Ehlers/Flüggen eine große Ungewissheit mit sich.

Irgendwie war seine Karriere schon damit losgegangen: mit einer Ungewisseheit. Wie groß er einmal werden würde, wollte Ehlers als Teenager wissen. Für sein Alter war er groß, also untersuchte ein Arzt seine Fingerknochen und prophezeite: 2,10 - 2,12 Meter. „Da waren die Sportarten quasi schon vorgegeben“, sagt Ehlers heute. Vom Tennis wechselte er erst zum Basketball, kurz darauf dann zum Volleyball. Dass er heute ein tatsächlich 2,10 Meter großer Beachvolleyballprofi ist, zeugt sowohl von der Kompetenz seines Arztes als auch von einem guten Riecher bei der Sportwahl. Bemerkenswert ist dabei, dass Ehlers erst spät von der Halle in den Sand wechselte.

Von den Netzhoppers Königs Wusterhausen zog es den damals schon 23-Jährigen im Sommer 2017 nach Hamburg zum HSV und an den Olympiastützpunkt der Beachvolleyballer. Schon damals mit dem langfristigen Ziel, sich für die Spiele in Tokio zu qualifizieren. „Olympia ist für viele Sportler das größte Event überhaupt“, sagt Ehlers und ergänzt: „Das war zwar noch in weiter Ferne, schwebte aber stets über allem.“

Knapp drei Jahre nach dem Umzug an die Elbe war der gemeinsame Plan vom Duo Ehlers/Flüggen und dem Deutschen Volleyball Verband kurz davor aufzugehen. Noch ein oder zwei gute Platzierungen bei den eigentlich noch bevorstehenden und in die Qualifikation einfließenden Turnieren hätten wohl für das Olympiaticket gereicht, so Ehlers. Umso bitterer ist es, dass diese Turniere nun allesamt auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Ob, wann und in welcher Form sie nachgeholt werden, ist derzeit noch völlig unklar.

Wie für zahlreiche andere Athleten auch, bringt diese Unwissenheit für das Duo Ehlers/Flüggen Handlungsunfähigkeit mit sich. „Wüsten wir, wann es wie weitergeht, könnten wir zumindest planen“, sagt Ehlers. Weil dem aber nicht so ist, ist die Planung von Trainingszyklen, Trainingslagern und Turnierreisen derzeit ausgesetzt. Also hat das Hamburger Duo beschlossen, sich eine Pause zu gönnen. Statt wie geplant zu Turnieren nach Mexiko, Singapur und China zu fliegen, hieß es in den vergangenen Wochen abwarten, regenerieren und auch etwas Abstand gewinnen.

„Das machen wir eigentlich nur am Saisonende“, sagt Ehlers. Bedingt ist die Pause auch dadurch, dass die Stadt Hamburg den Athleten eine ursprünglich erteilte Ausnahmegenehmigung zur Nutzung des Olympiastützpunktes zumindest für den Moment wieder entzogen hat. Selbst wenn das Duo also normal weitertrainieren wollte, derzeit dürfte es dies gar nicht.

Man hat mir erzählt, dass viele Sportler im Anschluss an Olympia erstmal in ein kleines Loch fallen.

Nils Ehlers

Wie also geht man als Sportler, der seit Jahren hart auf die Spiele 2020 hingearbeitet hat, nun mit dieser Ausnahmesituation um? Nils Ehlers sagt: „Man hat mir erzählt, dass viele Sportler im Anschluss an Olympia erstmal in ein kleines Loch fallen. Direkt nach den Spielen, fehlt es ihnen an Motivation. Die Situation zuletzt war ziemlich vergleichbar.“ Wohl auch, weil die Änderung von Tokio 2020 zu Tokio 2021 die Athleten bei weitem nicht nur sportlich beeinflusst.

So spricht Nils Ehlers nicht nur von Ranglisten und Qualifikationsplätzen, sondern auch von Sponsorengeldern und finanzieller Planungssicherheit. Und auch die Pläne Abseits des Sports, die Athleten selbstverständlich ebenfalls haben, werden durcheinandergewürfelt. Für Flüggen beispielsweise bedeutet Tokio 2021 vor allem ein weiteres Jahr mit vielen Reisen und zu wenig Zeit für seinen anderthalbjährigen Sohn. Jurastudent Ehlers hingegen muss sich nun damit abfinden, sein Staatsexamen um ein weiteres Jahr zu verschieben.

Beschweren will der Berliner sich aber keinesfalls. Natürlich sei die aktuelle Situation schwer für alle durch Olympia beeinflussten Athleten. Dennoch findet Ehlers die Verschiebung der Spiele richtig, bezeichnet sie als „im Grunde alternativlos“. Die vielen Fragen rund um ihre Konsequenzen bleiben trotz allem Verständnis dennoch – zumindest für den Moment.