Die Vierschanzentournee zieht jedes Jahr die Zuschauer in ihren Bann.
Foto: Angelika Warmuth/dpa

InnsbruckFast 75 000 Zuschauer haben sich die beiden Auftaktspringen und Qualifikationswettbewerbe der 68. Vierschanzentournee in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen angeschaut. Im Fernsehen erreichen die öffentlich-rechtlichen Sender und Eurosport mit ihren Übertragungen pro Tourneeort mindestens zehn Millionen Menschen. Der Skisprung-Grand-Slam ist jeden Winter über den Jahreswechsel eines der größten Quoten-Highlights. Das auch für werbende Firmen überaus interessant ist: Für einen 30-sekündigen Werbespot beim Neujahrsspringen müssen zum Beispiel diesmal beim ZDF stolze 32 400 Euro bezahlt werden.

Bei den Hauptdarstellern wie Karl Geiger oder Ryoyu Kobayashi, die bei der riskanten Luftfahrt und der anschließenden Landung ihre Gesundheit riskieren, kommt davon aber vergleichsweise wenig an. Während beispielsweise Bayern-Profi Robert Lewandowski jährlich etwa 20 Millionen Euro kassiert, gibt es für einen Sieg bei einem Tournee-Einzelspringen wie bei allen anderen Weltcup-Stationen gerade mal 10 000 Schweizer Franken. Für den Gesamtsieg zusätzlich zur goldenen Adler-Trophäe dazu „nur“ 20 000 Schweizer Franken. Diese Summen sind seit Jahren so unverändert niedrig.

Bundestrainer Horngacher kritisiert Bezahlung

„Damit kann man nicht wirklich zufrieden sein. Wenn man sieht, dass ein Kamil Stoch nach seinem historischen Sieg in allen vier Tournee-Springen vor zwei Jahren 20 000 Schweizer Franken für den Gesamtsieg bekommt, ist das lächerlich. Davon musste er noch die Steuern abgeben, dann bleiben gut 10 000 übrig“, schimpft Bundestrainer Stefan Horngacher, der als polnischer Nationaltrainer dem von ihm erwähnten Stoch zu allerlei großen Siegen verholfen hat. Der 50-Jährige hat den Mumm zur Klage und weist gleich noch auf Missverhältnis hin: „Man muss das doch mal in Relation setzen: Bei der vor einigen Jahren neu geschaffenen Serie, der Raw-Air-Tournee in Norwegen, gibt es für den besten Skispringer 65 000 Euro. Daran sieht man, dass das Preisgeld bei der Vierschanzentournee in keinem Verhältnis zur Bedeutung des Events steht.“

Ein weiterer Vergleich: Der Sieger beim Abfahrts-Weltcup von Kitzbühel kassiert in diesem Winter stolze 100 000 Euro. Das wäre eine Summe, die Flieger-Legende Sven Hannawald für halbwegs angemessen halten würde: „Ganz klar: Der Gesamtsieger der Tournee sollte als Prämie mindestens 100 000 Euro bekommen. Die Stadien sind voll und es sitzen Millionen vor dem Fernseher.“ Der Überflieger von einst war 2001/2002 der letzte deutsche Gesamtsieger bei der Tournee. Damals kassierte er insgesamt etwa 330 000 Euro an Preisgeldern und Prämien vom Deutschen Skiverband (DSV), die es heute in dieser Form nicht mehr gibt. Auch die einstmals ausgelobte Million für den Sieg in allen vier Springen gibt es heutzutage nicht mehr.

Die Vermarktungsmaschine läuft perfekt

„Ich habe da überhaupt kein Verständnis dafür und es ist auch nicht fair gegenüber den Springern. Es wird so viel Geld bei der Tournee umgesetzt, dass sich die Organisatoren locker ein höheres Preisgeld leisten könnten“, sagt Martin Schmitt. Der DSV und der Österreichische Skiverband (ÖSV) kassieren heutzutage jeweils geschätzte zwei Millionen Euro von Vermarkter Infront, mit dem der aktuelle Vertrag bis ins Jahr 2022 läuft. Die Vermarkter kassieren noch einmal deutlich mehr Geld von den internationalen Tournee-Geldgebern: Seit vergangenem Jahr ist eine Sportbekleidungsfirma (4F) Presenting Sponsor. Dazu kommen vier weitere große Firmen als Hauptsponsoren der Vierschanzentournee, die auf den Werbebanden zu sehen sind.

Die Vermarktungsmaschine läuft also perfekt. Die Hauptakteure bleiben dabei allerdings außen vor und das gilt nicht ausschließlich für das Thema Preisgeld. Auch die Schanzenpräparierung ist zum Beispiel in Innsbruck regelmäßig nicht auf Topniveau, ja, die komplette Organisation lässt mitunter zu wünschen übrig. So mussten beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen Vorspringer aus Norwegen schon mal auf dem Flur schlafen. Horngacher wettert: „Die Tournee-Veranstalter sind sich der Wertigkeit ihres Produktes eventuell zu sicher. Das ist ja auch ein Selbstläufer für sie. Eigentlich müssten sich diese Events von den sonstigen Weltcups von der Qualität her abheben, aber das ist nicht der Fall. Schade, denn alle Argumente sprechen für die Tournee – es ist ein überragendes Format zum bestmöglichen Zeitpunkt im Jahr, mitten in Europa mit einer großartigen Tradition.“ Bei dem die Hauptdarsteller wie Statisten abgespeist werden.