Dario Minder: „Bei diesem Turnier kommt zu viel Übel zusammen“

Der stellvertretende Vorsitzende der Fandachorganisation „Unsere Kurve“ und Fan von Eintracht Frankfurt, über die WM in Katar und das Verhalten des DFB.

Beim Spiel Hertha BSC gegen Köln wird von den Fans ein Boykott der WM in Katar gefordert.
Beim Spiel Hertha BSC gegen Köln wird von den Fans ein Boykott der WM in Katar gefordert.imago

Der Frankfurter Dario Minden, 28, ist bundesweit bekannt, seit er bei einem Kongress des Deutschen Fußball-Bundes in diesem Spätsommer den katarischen Botschafter in Deutschland, Scheich Abdullah Binmohammed bin Saud-al Thani, in perfektem Englisch direkt ansprach: „Ich liebe Männer. Sehen Sie ein, dass das normal ist. Fußball ist für jeden da, es spielt keine Rolle, ob du lesbisch oder schwul bist. Er ist für Jungen, für Mädchen und alle dazwischen. Schaffen Sie die Todesstrafe ab und alle Strafen, die mit sexueller Identität zu tun haben.“ Die Botschaft ging in sozialen Netzwerken viral.

Der angehende Jurist engagiert sich ehrenamtlich im Vorstand der Fanabteilung von Eintracht Frankfurt und ist stellvertretender Vorsitzender der Fandachorganisation „Unsere Kurve“. Für Minden hat sich seit seinem Auftritt vorm Botschafter einiges geändert. Er wird medial häufig angefragt und sorgt sich deshalb etwas um die Vorbereitung auf sein zweites Staatsexamen.

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dpa
Zur Person
Dario Minden, 28, ist stellvertretender Vorsitzender der Fandachorganisation „Unsere Kurve“. Er engagiert sich ehrenamtlich im Vorstand der Fanabteilung von Eintracht Frankfurt. Der angehende Jurist bereitet sich gerade auf sein zweites Staatsexamen vor.

Herr Minden, werden Sie die Spiele der Weltmeisterschaft in Katar vorm Fernseher verfolgen?

Nein. Schade, denn ich mochte die WM immer sehr, bin ein Fußball-Nerd, der besonders die abwegigen Spiele um drei Uhr nachts immer zu schätzen wusste. Aber nicht dieses Mal.

Sie würden auch dann nicht reinschalten, wenn Deutschland im Finale stünde?

Nein.

Warum nicht?

Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass sich durch private Konsumentscheidungen irgendetwas ändert an den großen Problemen, die wir im Zusammenhang mit diesem Turnier erleben. Es ist vielmehr eine Frage der individuellen Herangehensweise. Bei diesem Turnier kommt zu viel Übel zusammen, ich denke, ich möchte einfach verhindern, komplett abzustumpfen.

Sie sind aber ja Fußballfan und lieben den Sport an sich.

Natürlich, und mir ist auch klar: In Katar spielen die Besten der Besten gegeneinander. Es werden grandiose Tore fallen. Die Underdogs werden die Großen ärgern. Allein auf dem grünen Rasen wird es vermutlich ein Spektakel.

Das ist aber nicht Ihr Gradmesser?

Nein. Und ich frage mich: Ist denn nicht irgendwann mal ein Punkt erreicht, wo man aufhört zu sagen: „Wenn da auch viele Tausend Menschen gestorben sind für dieses WM-Turnier, dann schaue ich trotzdem noch, weil die Unterhaltung so toll ist.“ Wie weit wollen wir denn noch abrutschen? Deshalb freu ich mich über alle, die sagen: „Das ekelt mich zu sehr an!“

Welche Stimmung herrscht bei Ihnen im Freundeskreis?

Da hat niemand Bock auf diesen Mist! Ich kann nicht behaupten, dass das repräsentativ sei, aber in meinem Fußball-Umfeld ist der Hass auf die Fifa und alle, die dazu beigetragen haben, dass der Weltfußball skrupellos über Leichen geht, groß.

Wie läuft die Kampagne „Nicht unsere WM“, die Sie mit „Unsere Kurve“ organisiert haben?

Es ist im Grunde keine Kampagne. Wir, nicht nur „Unsere Kurve“, sind einfach nur ein Haufen Leute, die dezentral erhebliche Teile ihrer Freizeit opfern, weil sie der Überzeugung sind, dass dieses WM-Turnier nicht einfach hingenommen werden darf. Es braucht eine Gegenöffentlichkeit. Ich finde, das gelingt zurzeit ganz gut.

Hinter der schönen Fassade erhalten Menschenrechte die rote Karte.
Hinter der schönen Fassade erhalten Menschenrechte die rote Karte.IMAGO / ITAR-TASS

Es gibt an den letzten Bundesligaspieltagen vor der mehr als zweimonatigen WM-Pause viele sichtbare Proteste in den Fankurven. Wie bewerten Sie die?

Das sind starke Bilder, die mich froh und stolz machen. Die vielgescholtenen Fußballchaoten in Deutschlands Kurven verfügen offenbar über einen intakten moralischen Kompass, den der Spitzenfußball in seinen Entscheidungszentren verloren hat.

Was bewirkt dieser Protest?

Zumindest dokumentiert er, dass es sich bei diesen Fans nicht um eine stumpfe Konsumentenmasse handelt, die dem Profifußball ihr Geld hinterherwirft und sich einfach nur bespaßen lassen will. Das macht mir Mut.

Fans von Newcastle United sind indes vergangenes Jahr in Jubelstürme ausgebrochen, als bekannt wurde, dass Saudi-Arabiens Staatsfonds den Klub übernimmt.

Das ist in der Tat ein erschreckendes Gegenbeispiel! Da hat ein furchtbares Regime sich aus politischem Kalkül überlegt, den Klub zu kaufen, um weiter ungestört den Jemen zerbomben, Schwule steinigen und Journalisten zersägen zu können. Ich bin aber tatsächlich überzeugt, dass wir mit unserer Fankultur in Deutschland ein anderes Bewusstsein dafür haben, wie wichtig im Fußball die Basis ist, wie wichtig die Menschen sind, die den Sport lieben und ihn auf einem demokratischen Fundament zu einem gesellschaftlichen Erlebnis machen.

Was erwarten Sie vom Deutschen Fußball-Bund, auch vor dem Hintergrund der engen Verflechtungen der deutschen Wirtschaft mit Katar und der Bemühungen der Bundesregierung um katarisches Flüssiggas?

Es ist ein Unterschied, ob Wirtschaftsminister Robert Habeck nach Katar fliegt, um Gas zu besorgen, damit in diesem Winter in Deutschland niemand frieren muss, oder ob sich die Nationalmannschaft zum Fußballspielen dort hinbegibt, damit die Menschen hierzulande eine schöne Unterhaltung haben. Natürlich brauchen Deutschland und die EU globale Partnerschaften.

Die Verantwortung für einen Sportverband ist größer als für Realpolitiker?

Ja es sind zwei verschiedene Sachen. Schauen wir noch mal auf die die WM-Vergabe, die fand 2010 statt. Es war schon damals dank der Berichte von Menschenrechtsorganisationen offensichtlich, wie der Arbeitsmarkt in Katar beschaffen ist. Es war klar: Gibt man diesem winzigen Land dieses Mammutprojekt, so viel Infrastruktur aus dem Boden zu stampfen, dann werden dort mehrere Tausend Arbeiter zu Tode kommen. Man hat es dennoch sehenden Auges gemacht. Wir reden von universellen Menschenrechten, aber überall zeigt sich bitterlich, Menschen aus Nepal, Bangladesch, Pakistan sind weniger wert. Das ist Unrecht. Das muss aufhören.

Was hätte der DFB tun sollen?

Er hätte 2010 sinngemäß sagen müssen „Wir werden nur daran teilnehmen, wenn jetzt erhebliche Arbeitsmarktreformen durchgesetzt werden. Der deutsche Fußball hat vielleicht in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, aber er wird nicht so tief sinken, an einem Fußballturnier auf Leichenbergen teilzunehmen.“ Dass man überhaupt darüber reden muss, nicht auf Leichenbergen spielen zu sollen, zeigt doch schon die Perversion.

Wie beurteilen Sie die Proteste einiger Nationalverbände gemeinsam mit dem DFB?

Man malt sich eine Binde bunt an – nicht mal in Regenbogenfarben – und erzählt etwas von Verantwortung. Aber letztlich fliegt man dahin und verdient sich eine goldene Nase. Ich sehe schon bei vielen im DFB ein ernsthaftes Bemühen, aber das reicht im Anbetracht der schweren Schuld, die gerade der DFB auf sich geladen hat, bei weitem nicht.

Wie nehmen Sie den DFB insgesamt wahr?

Der DFB hat eine belastete Vergangenheit und ist per se schwerfällig und wenig transparent. Es gibt aber auch Mutmacher, dass sich langsam, aber sicher etwas zum Besseren verändert. Ein langer Weg.

Der Verband hat sich 2006 die WM offenkundig auch käuflich erworben!

Ja, und die Beteiligten scheinen hier tatsächlich mit der Erzählung durchzukommen, „klar, sauber war das nicht, aber das bisschen Korruption hat sich doch gelohnt in Anbetracht unseres tollen Sommermärchens“. Dabei ist die lineare Entwicklung der Käuflichkeit des Fußballs doch offenkundig. Mittlerweile kennt die Käuflichkeit keine Grenzen. Bei der WM-Vergabe nach Katar hätte man auch sagen können: „Machen wir uns nichts vor, natürlich sind wir käuflich, aber zum Gesamtpreis zählen nicht nur teure Uhren, sondern auch, dass es keine Entrechtlichung und Sklaverei beim Bau geben darf.“ Dass es anders gelaufen ist, wissen wir. Die Frage ist, welche Konsequenzen daraus gezogen werden.

Wie bewerten Sie, dass Innenministerin Nancy Faeser nach einem Kurztrip gemeinsam mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf nach Katar eine „Sicherheitsgarantie“ für Schwule und Lesben aus Katar mitbrachte?

Ich finde das bestenfalls naiv. Es wurde der Ministerin im Hinterzimmer ein hohles Versprechen gegeben, das ist nichts Neues. Gewiss ist es gut möglich, dass Katar es schafft, vier Wochen lang eine Fassade aufrechtzuerhalten. Das haben auch andere Länder schon geschafft. Allein darum geht es uns aber nicht.

(Das Interview führte Jan Christian Müller.)