Wer reist wohin? Chefcoach Bruno Labbadia (l.) und sein Trainerteam diskutieren mit Sportdirektor Arne Friedrich (2.v.r.).
Foto: O. Behrendt

BerlinWährend bei Hertha BSC zuletzt aufgrund der mangelnden Kommunikation zwischen den Spielern auf dem Platz Funkstille herrschte, glühten jetzt die Telefonleitungen der Geschäftsstelle in Westend. Die Fifa hatte erst in der vergangenen Woche die Abstellungspflicht für Nationalspieler in Pandemie-Zeiten aufgehoben. Demnach dürfen Klubs die Reisen ihrer Spieler für die anstehenden Länderspiele in Risikogebiete untersagen, wenn den Profis nach ihrer Rückkehr eine Quarantäne droht. Die Gespräche zwischen Hertha BSC, den Verbänden der Nationalspieler und der für die Blau-Weißen zuständigen Amtsärztin des Gesundheitsamtes Charlottenburg-Wilmersdorf laufen auf Hochtouren.

Zwar waren Länderspielreisen für Klubs noch nie besonders populär. Doch die derzeitige Pause, die streng genommen gar keine ist, weil der Saisonstart noch nicht erfolgte, sorgt bei den Blau-Weißen elf Tage vor dem ersten Pflichtspiel für besonders großen Unmut. Vor allem, weil Gerüchte kursieren, wonach in Berlin bereits zum 1. September die bisher geltende Regel, zwei negative Corona-Tests vorweisen zu müssen, durch eine fünftägige Quarantäne (plus negativem Test) ersetzt werden soll. „Wir werden nicht zulassen, dass einer unserer Nationalspieler das Pokalspiel in Braunschweig verpasst, weil er vorher in Quarantäne muss. Dann holen wir die Spieler zur Not vorzeitig nach Hause“, verkündete Hertha-Manager Michael Preetz.

Nach Information diese Zeitung tritt die erwähnte Regel in Berlin – anders als in Bremen – jedoch frühestens ab dem 14. September in Kraft. Damit würde die Hauptstadt sogar früher als nötig den künftigen Corona-Kurs der Bundesregierung umsetzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte angekündigt, dass die Fünf-Tages-Richtlinie ab 1. Oktober bundesweit gelten soll.

Doch weil durch die angeordneten Massentests für alle Urlaubsrückkehrer die Kapazitäten in fast allen Laboren erschöpft sind, dauert es derzeit ohnehin bis zu neun Tage, bis ein Ergebnis vorliegt. Das Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf will dabei keine Ausnahme für die Fußballer machen und alle Rückkehrer gleich behandeln. Entsprechend könnte Hertha gegenüber der Fifa sowie den Verbänden argumentieren und eine Rückholaktion starten.

Denn zunächst sind neun von zehn Spielern abgereist. Nur Dedryck Boyata sagte Belgien wegen seiner Verletzung ab. Mit der Slowakei haben sich die Berliner geeinigt, dass Ondrej Duda und Peter Pekarik nur das Heimspiel gegen Tschechien am kommenden Freitag bestreiten und nicht die Reise nach Israel antreten, wovor das Robert-Koch-Institut warnt. Gleiches soll für Krzysztof Piatek gelten. Herthas polnischer Stürmer darf zu Hause gegen die Niederlande spielen. Für das zweite Spiel in Bosnien-Herzegowina am 7. September bemühen sich die Polen um eine Verlegung des Spiels. Sollte das nicht gelingen, könnte auch Piatek früher nach Berlin zurückkehren.

Die größten Sorgen bereitet Hertha das niederländische U21-Trio: Javairo Dilrosun, Deyo Zeefuik und Daishawn Redan sollen, bevor es am 8. September gegen Norwegen geht, am Freitag in Belarus auflaufen. Das Land leidet nicht nur unter Covid-19, sondern auch unter der Herrschaft des Präsidenten Alexander Lukaschenko, der derzeit erneut Proteste blutig niederschlagen lässt. Dennoch bestand der niederländische Fußballverband (KNVB) auf die Abstellung der drei Herthaner. Auch die Vermittlung von DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius scheint die Wogen bisher nicht geglättet zu haben.

Dass teilweise durchaus Handlungsspielraum besteht, beweist das Beispiel Arne Maier. Herthas U21-Nationalspieler bekam bereits grünes Licht. Maier spielt zwar gegen Belgien in Leuven und damit nicht in einem Risikogebiet. Allerdings logiert der von Bundestrainer Stefan Kuntz gecoachte Nachwuchs in Brüssel, wohin zu reisen die Bundesregierung dringend abrät. Lediglich Vladimir Darida (Tschechien) und Rune Jarstein (Norwegen) können derzeit unbeschwert auf Länderspielreise gehen.

Für Labbadia bedeutet das Corona-Chaos, dass er weiterhin nicht genau weiß, mit welchem Kader er die heiße Phase der Vorbereitung bis zum Saisonstart am 11. September angehen kann - und wer womöglich in der ersten DFB-Pokal-Runde noch quarantänepflichtig ist. Das bleibt, wie so vieles in diesen Zeiten, ungewiss.